Eine kleine alte Dame sitzt vor der Wandtafel und lächelt die Sechstklässler an, die im Halbkreis vor ihr sitzen. Man spürt etwas Nervosität bei den 19 Mittelstufenschülern. Doch eine Frage genügt, und die alte Dame beginnt eine Geschichte zu erzählen, die die Kinder ganz in ihren Bann zieht.

Ruth Kornfeld erzählt ihre eigene Geschichte. Sie ist 1936 in Italien geboren – und Jüdin. Deswegen musste sie fort. «Wie lange hat Ihre Flucht gedauert?», fragte ein Mädchen zaghaft.

«In Kalendertagen kann ich das nicht sagen», antwortet Kornfeld, «wenn man auf der Flucht ist, kommt es einem sehr lange vor, bis man die Rettung erreicht.» Schon als sie vier Jahre alt war, flüchteten ihre Eltern mit ihr und ihren zwei Schwestern nach Mailand. «Dort gab uns unser Vater italienische Namen, damit wir nicht ganz so sehr als Juden auffielen. Mich nannte er Melitta, meine Schwester Eva hiess Luciana und Lea wurde Daniela genannt.»

Dennoch wechselten sie alle drei Monate die Wohnung. «Ich fand heraus, dass wir innerhalb von zwei Jahren sieben Adressen in Mailand bewohnt haben», berichtet Ruth Kornfeld. Die Kinder staunen.

Dann flüchteten sie weiter nach Bergamo. «Der dortige Polizeichef war eine gute Seele. Er sagte uns, wir müssten schleunigst weg, denn er musste am nächsten Morgen eine Liste mit den Namen aller Juden im Ort an die deutschen Besatzer abgeben», erfuhr die damals kleine Ruth später. «Also gingen wir in die Berge. Nein, wir flüchteten. Wir gingen ja nicht wandern oder so, wir flüchteten.»

«Was wäre passiert, wenn...?»

Vieles erfuhr sie später, zum Beispiel, dass ihr Vater Schlepper bezahlte, um die Familie über die grüne Grenze in die Schweiz zu bringen. «Die Grenzsoldaten waren mit Hunden unterwegs, die Schlepper mussten genau wissen, wann wir hinüber konnten.»

Sie erinnert sich an wenig, aber sie weiss noch: «Irgendwo hat mich jemand hochgehoben und über eine Mauer geworfen. Auf der anderen Seite wurde ich aufgefangen.» Fast geschafft, wurden sie an der Schweizer Grenze von einem jungen Polizisten entdeckt. «Dieser Mann hatte ein gutes Gewissen, er liess uns durch, und bald kamen Leute, die uns Geschenke brachten, das vergesse ich nie. Es ist immer das einfache Volk, das hilft.»

«Was wäre passiert, wenn der Polizist sie zurückgeschickt hätte?», fragte ein Junge. «Ich habe später eine Frau kennen gelernt, deren Familie an einem anderen Grenzübergang genau das passiert ist.

Sie wurden alle nach Auschwitz gebracht, und nur sie und ihr Vater überlebten», erzählt Ruth Kornfeld. Die Stille im Schulzimmer scheint sich noch zu vertiefen, die Schüler hängen an ihren Lippen.

Sie erzählt noch weiter, denn obwohl die fünfköpfige Familie in Sicherheit angekommen war, konnte sie nicht einfach zufrieden leben. Die drei Mädchen wurden zu Pflegefamilien gegeben, sie hörten lange Zeit gar nichts von den Eltern.

«Das kreide ich der Schweizer Politik heute noch an. Sie haben uns gerettet, ja, aber sie haben unsere Familie auseinandergerissen.» Nach dem Krieg wurden sie ausgewiesen und gingen gemeinsam wieder zurück nach Mailand.

Wichtiger Rat zum Schluss

Die Geschichte fasziniert die Schülerinnen und Schüler. Der Zweite Weltkrieg und die Judenverfolgung gehören in der Mittelstufe allerdings noch nicht zum Lehrplan. Um Lehrpersonen dennoch mit geeignetem Material auszustatten, arbeitet die Pädagogische Hochschule der FHNW solches aus.

«Wir besuchen damit verschiedene Testklassen, die uns anschliessend Feedback dazu geben», erklärt Programmleiter Urs Urech. So auch die 6. Klasse von Tägerig. Dass die Kinder zudem Gelegenheit bekommen, eine Zeitzeugin zu befragen, ist ein Bonus zum Holocaust-Gedenktag.

Klassenlehrerin Christine Schoch ist begeistert: «Ich war nicht sicher, wie die Klasse reagiert. Jetzt freue ich mich unglaublich, dass die Schüler so gute Fragen gestellt haben. Sie wollten gar nicht mehr aufhören, zuzuhören. Eine ganz tolle Sache.»

Zum Schluss war es Ruth Kornfeld wichtig, den Kindern eines mit auf den Weg zu geben: «Natürlich könnt ihr nicht schätzen, dass ihr in einem so normalen Leben ohne Flucht aufwachsen dürft. Aber ihr müsst unbedingt von euren Möglichkeiten profitieren, viele andere haben diese Möglichkeiten nicht!»

Auch bei ihren eigenen Kindern war ihr das wichtig: Der Älteste ist Banker in New York, die mittlere Tochter ist Rechtsanwältin, und Kornfelds jüngster Sohn ist heute Astrospace-Ingenieur bei der Nasa.