Abtwil
Hoffnung auf ein selbstständiges Leben - dank digitalem Auge: Blinder Aargauer kann lesen und Menschen erkennen

Mit der Orcam kann der Abtwiler Kelvin Meyrat Speisekarten lesen und beim Einkauf die richtigen Lebensmittel finden. Auch Gesichter, die zuvor eingescannt worden sind, können wiedererkennt werden.

Toni Widmer
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Der blinde Kelvin Meyrat liest mit Hilfe seiner Orcam (am linken Brillenrand) die Speisekarte in der Sinser Pizzeria.

Der blinde Kelvin Meyrat liest mit Hilfe seiner Orcam (am linken Brillenrand) die Speisekarte in der Sinser Pizzeria.

Toni Widmer

Im Sinser Ristorante Pizzeria Da Michele gibt es als Antipasti unter anderem Miesmuscheln an Tomatensauce mit Toast, Rindscarpaccio mit Rucola, Parmesan und Olivenöl oder Lachstartar mit Zwiebeln, Kapern und Oliven. Der 19-jährige Kelvin Meyrat fährt mit seinem Finger langsam über die einzelnen Absätze der Menukarte und liest die Gerichte vor.

Das ist alles andere als selbstverständlich. Denn Kelvin Meyrat ist seit seiner Geburt blind. «Mit meinem linken Auge erkenne ich gar nichts, auf dem rechten beträgt die Sehkraft etwa fünf Prozent. Ich kann Umrisse und Farbunterschiede erkennen, aber keine Details. So sehe ich beispielsweise nicht, ob jemand eine Brille trägt.»

Orcam erkennt Lebensmittel in Regalen

Kelvin bestellt sich Penne Regenbogen, ein Pastagericht mit Schinken, Lauch, Tomaten, Oregano, Rahm und Pesto. Selbstständig. Möglich macht das seine Orcam, ein kleines Gerät, das an seiner Brille befestigt ist. Dieses revolutionäre technische Hilfsmittel für sehbehinderte Menschen kann laut Hersteller (www.orcam.com) Texte aus Büchern, von einem Smartphone-Bildschirm oder anderen Oberflächen wie gedruckten Speisekarten oder Fahrplänen an Bahnhöfen vorlesen. Das Gerät erkennt auch Gesichter wieder, die zuvor eingescannt worden sind.

Zudem kann es Kelvin Meyrat als Einkaufshilfe nützen: «In einem Lebensmittelgeschäft erkennt die Orcam zuvor definierte Waren. Das Gerät liest den jeweiligen Strichcode und sagt mir dann, um welches Produkt es sich handelt. Ich kann auch mit Hilfe einer Begleitperson bestimmte Lebensmittel über die Kamera einscannen. Wenn ich dann das nächste Mal alleine einkaufen gehe, kann ich diese über die Orcam wiederfinden.» Die visuell erkannten Daten setzt das Gerät offline in gesprochene Informationen um – es sagt Kelvin Meyrat also umgehend und laut vor, was es gerade erkennt:

Sein oberstes Ziel: ein selbstständiges Leben

Der Abtwiler ist ein positiv denkender junger Mann mit breitem Allgemeinwissen und vielen Interessen, der mit beiden Füssen auf dem Boden steht. «Ich bin ja nicht behindert, ich sehe nur schlecht. Und deshalb ist es mein oberstes Ziel, ein möglichst selbstständiges Leben führen zu können.»

Darauf sei er schon früh vorbereitet worden: «Ich habe mit anderen Sehbehinderten eine spezielle Schule besucht. Bereits damals haben wir viel mit elektronischen Hilfsmitteln gearbeitet. Ich habe zwar die Blindenschrift gelernt, aber die entsprechenden Lehrmittel und Bücher brauchen enorm viel Platz. Deshalb bin ich über die digitale Entwicklung der letzten Jahre sehr froh.» Dank der heutigen Technik könne er sich nicht nur verschiedenste Informationen vom Computer vorlesen lassen, sondern diese über eine spezielle Braille-Tastatur (Braille = Blindenschrift) auch gezielt abrufen.

Nach der Handelsschule die kaufmännische Ausbildung

Auch dank der digitalen Möglichkeiten, vor allem aber dank seinem Durchhaltewillen hat der junge Mann bereits einen Handelsschulabschluss im Sack. Jetzt macht er im bernischen Zollikofen die praktische Zusatzausbildung zum Kaufmann. Wochentags lebt er dort in einer Wohngemeinschaft für betreutes Wohnen, die Wochenenden verbringt er im Elternhaus in Abtwil. Hin- und Rückweg schafft Meyrat alleine: «Ich habe schon in der Schule gelernt, mich mit Hilfe des Blindenstocks selbstständig zu bewegen, Strassen zu überqueren, mich am Untergrund zu orientieren oder allfällige Hindernisse zu erkennen. Früher bin ich oft irgendwo dagegen gelaufen oder habe mit meinem Stock anderen Leute angependelt. Mittlerweile bin ich schon deutlich sicherer unterwegs», erklärt er.

Wichtig sei es, Reisewege zuvor mit Begleitpersonen zu erkunden und sich diese einzuprägen: «Orte und Routen auswendig zu lernen, ist für mich sehr wichtig.»

Sein Traumberuf ist «etwas im Bereich Informatik»

«Ebenso wichtig ist es aber auch, dass ich an mich glaube und bereit bin, unterwegs ein gewisses Risiko in Kauf zu nehmen.» Das, sagt der junge Freiämter, sei nicht immer einfach. Doch er habe zum Glück ein gutes Umfeld, das ihn motiviere und stärke.

Nach seinem KV-Abschluss will Kelvin Meyrat vorerst etwas Berufserfahrung sammeln und sich dann weiterbilden: «In welche Richtung ich gehen will, ist noch offen. Zur Diskussion stehen der kaufmännische Bereich, aber auch die Informatik. Dort etwas zu machen, das wäre mein Traum.» Mit den vielseitigen Einsatzmöglichkeiten der Informatik sei er beruflich und privat täglich konfrontiert. Und er finde es spannend, welche Perspektiven dieser Bereich eröffne. «Ich kenne Menschen, die trotz starker Sehbehinderung in der Softwareentwicklung arbeiten, also könnte ich das sicher auch schaffen.»

Es braucht Durchhaltewille, aber der lohnt sich

Mit seinem Leben ist Kelvin Meyrat so weit ganz zufrieden: «Ich habe schon viel erreicht und ich kann noch besser werden und mehr erreichen», sagt er. Sehr dankbar sei er dafür seiner Familie, die ihn stets gefördert und beim Erreichen seiner Ziele unterstützt hätte.»

Er sei auch stolz darauf, einen Ausbildungsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt gefunden zu haben: «Klar werde ich von der Invalidenversicherung unterstützt. Sie finanziert mir unter anderem die nötigen technischen Hilfsmittel. Doch ich will auch meinen Teil beitragen und ein möglichst vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft sein.» Dafür, sinniert der 19-Jährige, müsse er sich gelegentlich schon etwas durchbeissen. Aber er sei davon überzeugt, dass sich sein Einsatz und Durchhaltewille auf die Dauer lohnen würden.