Villmergerkrieg
Historikerin zeigt: Erinnerung an 1712 ist national kaum vorhanden

Vergeblich sucht man im Buch «Schweizer Erinnerungsorte» von Georg Kreis nach Spuren der Villmergerkriege. Sie scheinen in der heutigen Zeit nicht zum sogenannten «Speicher der Swissness» zu gehören.

Annina Sandmeier-Walt*
Merken
Drucken
Teilen
Die Bedeutung der Konfessionen hat seit 1712 abgenommen: Susanne Hochuli, konfessionslose Aargauer Regierungsrätin, und Doris Leuthard, katholische Bundesrätin, gemeinsam auf dem Weg zur 300-Jahr-Feier der Schlacht bei Villmergen. emanuel freudiger

Die Bedeutung der Konfessionen hat seit 1712 abgenommen: Susanne Hochuli, konfessionslose Aargauer Regierungsrätin, und Doris Leuthard, katholische Bundesrätin, gemeinsam auf dem Weg zur 300-Jahr-Feier der Schlacht bei Villmergen. emanuel freudiger

Kaum, dass die Glaubenskriege überhaupt Eingang in den Schulunterricht finden. Hat das Freiamt als entscheidende Austragungsregion des Konfliktes, hat die Schweiz «die dunkelsten Phasen ihrer Geschichte gründlich verdrängt»?, wie es der ehemalige grüne Nationalrat und Historiker Josef Lang formuliert.

Die Autorin

*Annina Sandmeier-Walt ist Doktorierende der Universität Zürich und bei der Stiftung Geschichte Kloster Muri in einem Teilpensum angestellt. Der gesamte Artikel «Erinnerung und Gedenken an den 2. Villmergerkrieg» erscheint in «Unsere Heimat 2012», der Jahresschrift der Historischen Gesellschaft Freiamt.

Erinnerungen und ihre Formen

Was den Villmergerkrieg von 1712 anbelangt, waren und sind sich viele Historiker einig, dass es sich nicht primär um einen Religionskrieg handelte. Trotzdem ging er als letzter Konfessionskrieg in die Geschichte ein, verlief der Konflikt doch entlang der Konfessionsgrenzen. Der Militärhistoriker Hans Rudolf Fuhrer sieht in der Religion jedoch vor allem ein Mittel, mit dem die Massen für den Krieg motiviert wurden. Trotzdem nahm die Zahl der konfessionellen Konflikte nach 1712 deutlich ab.

Warum das dennoch keine Grundlage bot, 1712 als Meilenstein für eine friedlichere Eidgenossenschaft zu gedenken, hat mehrere Ursachen. Einerseits hatten die Reformierten das Kräfteverhältnis in der Eidgenossenschaft nach 1712 zu ihren Gunsten verschoben. Sie konnten ohne grosse Rücksicht auf ihre katholischen Nachbarn agieren. Sie waren es auch, die den Diskurs über das Selbstbild der Eidgenossenschaft, den Nationendiskurs, bestimmten. Dabei spielten Erinnerungsorte und Riten jedoch kaum eine Rolle.

Keine gemeinsame Basis nach 1712

Andererseits blieb das Einzugs-
gebiet der Katholiken klein. Somit brachte auch der 2. Villmergerkrieg kaum eine Annäherung der Konfessionen, auch wenn sich das Kräfteverhältnis derart verschoben hatte, dass gewaltsame Konflikte abnahmen. An eine gemeinsame Erinnerung an dieses einschneidende Ereignis war also gar nicht zu denken.

Im Gegenteil, während die Siegerin Theaterstücken, Gedichten und Predigten die eigenen Heldentaten priesen und an eine friedliche Nation unter reformierter Hegemonie glaubten, lasteten die Bedingungen des Friedens hart auf den Verlierern. Auf katholischer Seite haderte man mit der Niederlage und dem Machtverlust in den Gemeinen Herrschaften. Die Katholiken versuchten gar 1715 mit einem Abkommen zu Frankreich – dem «Trucklibund» – das Ergebnis von Villmergen diplomatisch und militärisch zu hintertreiben.

Schauspiel schon im Kriegsjahr

Mag es also zwar kein nationales Gedächtnis für die Villmergerkriege geben, so sieht es auf regionaler oder lokaler Ebene ganz anders aus. Ein Beispiel für eine zeitnahe Feier erwähnt Franz Xaver Bronner in seinem Werk über den Kanton Aargau. Am 1. September 1712 sollen die Berner ein Friedensfest «mit glänzendem Feuerwerk und dem Donner von 52 Kanonen» veranstaltet haben, um die Ausdehnung ihres Herrschaftsgebietes zu feiern. Dabei wurde in der Kirche ein Schauspiel des Aargauers Johann Rudolf Nüsperli aufgeführt, das den Villmergerkrieg mit Kriegen der griechischen Stadtstaaten verglich und zeigen wollte, dass sehr viel mehr die zerstrittenen Parteien eine als sie trenne.

Verbindung mit dem Meitlisonntag

Zu den Bräuchen, die mit 1712 in Verbindung gebracht werden, gehört der Meitlisonntag in Meisterschwanden und Fahrwangen. Während der Gemeinderat von Meisterschwanden 1850 der Meinung war, dass der Meitlisonntag «seit urdänklichen Zeiten in unserer Gemeinde stattgefunden» hatte, war 1869 in der Zeitung «Bauernzeitung und Dorfdoktor» zu lesen, das Fest sei «nicht uralt, sondern datiert erst vom Jahre 1712». Frauen aus Seengen, Fahrwangen und Meisterschwanden hätten während der Schlacht bei Villmergen derart im Hintergrund gelärmt, dass Hilfstruppen der Berner vermutet worden seien. Dies habe zum Weichen der Katholiken beigetragen. Womöglich diente diese Erklärung im 19. Jahrhundert zur Erhaltung und Verteidigung des Meitlisonntag-Brauchs. In der neueren Erinnerung wird dieser mit 1712 in Verbindung gebracht.

Verlierer gedenken eines Sieges

Der regionale Aspekt des Gedenkens bringt es mit sich, dass vor allem Teilaspekte des Villmergerkrieges erinnert werden. Dabei handelt es sich primär um ehemals vom Kriegsgeschehen betroffene Gebiete. Nicht nur die reformierte Siegerseite verbucht das Konto der Erinnerung für sich – doch erinnert man sich wohl immer lieber an Siege als an Niederlagen. Dies gilt auch für die Katholiken: Bei Sins gelang es dem Nidwaldner Johann Jakob Achermann mit einem Freiwilligenheer, die dort lagernden Berner zu überfallen und zum Rückzug zu zwingen. Diesem blutigen Ereignis wurde mit einer Darstellung der Schlacht auf
einem Ölgemälde gedacht. Das Bild – vom katholischen Heerführer Johann Jakob Achermann in Auftrag gegeben – wurde dank Sponsoren aus dem Freiamt nun restauriert. Am Gedenktag 300 Jahre Sinser Schlacht, am 24. Juni 2012, wurde das Gemälde dem Publikum zugänglich gemacht.

Was die schriftliche Verarbeitung des Villmergerkrieges von 1712 anbelangt, so wird zu Jubiläumsdaten – wie dieses Jahr – vermehrt publiziert. Neben Artikeln in Handbüchern und Lexika sind auch einige wenige Einzelstudien, mehrere kleinere Aufsätze und gedruckte Quellen, wie beispielsweise das Tagebuch des Berner Venners und Oberstleutnants Johannes Fankhauser, erschienen.

Lebendige lokale Erinnerung

Im Gedenken steht beim Villmergerkrieg als Kriegsgrund zweifellos die Konfession im Vordergrund, wird doch immer vom letzten Glaubenskrieg gesprochen. Doch der Krieg von 1712 brachte die Menschen beider Konfessionen einander nicht
näher. Beim Sonderbundskrieg über 130 Jahre später waren es dieselben Fronten, die die Geister schieden. Erst Industrialisierung, Migration und Entkirchlichung der Gesellschaft erzwangen Integration auf nationaler Ebene. So mag es kaum verwundern, dass erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine überkantonale Gedenkfeier mit der Aufstellung des Mahnmals in Villmergen stattfand und dass vor allem regionale, lokale oder familiäre Erinnerungsformen an die Ereignisse von 1712 gepflegt wurden.

Heute scheinen konfessionelle Empfindlichkeiten kaum mehr eine Rolle zu spielen, fanden doch dieses Jahr im Kanton Aargau verschiedene überkonfessionelle Veranstaltungen zum Gedenken an 1712 statt – die grösste am letzten Samstag (az Aargauer Zeitung vom 13. August). Trotz fehlender Praxis im gemeinsamen nationalen Gedenken mag der Grossrat und Historiker Jürg Stüssi-Lauterburg recht haben: «Die Erinnerung ist lebendiger, als man auf den ersten Blick annehmen würde.»