Boswil
Hilfswerk im Bürgerkriegsland: Dieser Boswiler bildet seit 10 Jahren Schreiner in Sri Lanka aus

Reinhard Strickler aus Boswil gründete vor zehn Jahren ein Hilfswerk, das in Sri Lanka Schreiner ausbildet. Als er das erste Mal den Inselstaat besuchte und das Elend des vom Bürgerkrieg gebeutelten Landes sah, wollte er sich längerfristig engagieren.

Dominic Kobelt
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Alles begann mit dem Tsunami, der 2004 in Sri Lanka grosse Zerstörung hinterliess. Eine Hilfslieferung mit rund acht Tonnen Kleidern und anderem Material musste vor Ort transportiert werden.

Der Boswiler Reinhard Strickler übernahm die Transportkosten, äusserte aber den Wunsch, die Fracht zu begleiten und vor Ort sehen zu können, was damit passiert. «Der Container wurde verschifft, und ich flog zusammen mit Ruedi Wieland und vier Sri Lankern hinterher», erinnert sich Strickler.

Dann die erste Enttäuschung: Der Zoll wollte viel Geld für das Passieren der Hilfsgüter. «Diese Haltung hat mich empört – da will man helfen, und diese Leute versuchen, persönlich davon zu profitieren.»

Nach zehn Tagen und Diskussionen mit den Behörden konnte der Container schliesslich passieren, ja er wurde sogar von den Zollbeamten ausgeladen. Allerdings schmissen sie aus Protest einfach alles auf den Platz. Von da an ging es aber bergauf: Verschiedene Kloster halfen dabei, die Hilfsgüter zu verteilen.

Auch Glückskette machte mit

Stricklers Begleiter flogen nach dieser Aktion wieder nach Hause. Der Boswiler selber entschied sich spontan, noch zwei Wochen zu bleiben. «Nebst dem Tsunami tobte auch noch ein heftiger Bürgerkrieg. Es war ein richtiges Elend. Da wollte ich mich längerfristig engagieren.»

Weil er damals eine Schreinerei in Wohlen besass, lag es nahe, Handwerker auf diesem Gebiet auszubilden, erzählt Strickler. «Es war aber schwierig, Leute zu finden, die mir hätten weiterhelfen können, weil sich damals alles auf die erste Hilfe nach dem Tsunami konzentrierte.»

Also flog der Boswiler wieder nach Hause und gelangte schliesslich über einen Zürcher Architekten an die Adresse einer buddhistischen Organisation, die Aufbauarbeit betrieb: Savordaya. «Ich habe Kontakt aufgenommen und sie waren begeistert von meiner Idee.»

Auch der Glückskette hat Strickler sein Projekt vorgestellt und 50'000 Franken erhalten. Dank dem Zufall, dass eine andere Organisation bereits eine Schreinerei in Matale aufgebaut hatte, die aber leer stand, konnte man sich einmieten, und nach einigen Renovierungsarbeiten absolvierten die ersten Sri Lanker eine dreimonatige Kurzausbildung.

Das war die Geburtsstunde der Hilfsorganisation «Bridge». Nach und nach wurde die Ausbildung erweitert und dauert heute elf Monate.

Eine Lebensschule

So etwas wie eine Schreinerlehre gab es in Sri Lanka nicht. Das Wissen geht traditionell vom Vater zum Sohn über. Dank Reinhard Strickler und seiner Frau Franziska Schiltknecht konnten inzwischen 150 Schreiner ausgebildet werden – Hilfe zur Selbsthilfe.

Die Ausbildung ist vom Staat anerkannt, nach erfolgreichem Abschluss bekommen die Schreiner ein Zertifikat. Die Männer zwischen 17 und 40 Jahren wohnen während der 11 Monate im Wohnheim. Während dieser Zeit können sie ihre Familie nur einmal besuchen, reisen ist in Sri Lanka recht mühsam.

Franziska Schiltknecht betont, bei der Ausbildung handle es sich auch um eine Lebensschule: «Wir haben einen Lehrer, der den Männern beibringt, Konflikte gewaltfrei zu bewältigen. Am Anfang der Ausbildung gibt es manchmal schon Reibereien, wir haben auch Lehrlinge mit Alkohol- oder Drogenproblemen.»

Wie schafft es das Ehepaar, die nötigen Spenden aufzutreiben? «Am Anfang war das extrem schwierig, aber mittlerweile ist das Vertrauen da. Wir werden durch Private und Firmen unterstützt», erzählt Strickler.

Aber etwas beschäftigt den 65-Jährigen: «Ich überlege, wie es weitergehen soll, wenn wir die Organisation einmal nicht mehr selber führen können. Ich habe schon mit Partnern vor Ort geschaut, ob das Projekt selbstständig weiterlaufen könnte, aber das geht nicht.» Das Problem sei, dass die Lehrlinge nichts produzieren, das sich gut verkaufen lässt. «Arbeiten von Lehrlingen werden nicht als gleichwertig angesehen.»

Einmal pro Jahr besucht das Ehepaar die Lehrlingsausbildung, jeweils zur Abschlussfeier. In diesem Jahr, zum Zehn-Jahr-Jubiläum, ist ein besonders grosses Fest geplant. Alle Absolventen werden eingeladen.

Weitere Standorte möchten Strickler und Schiltknecht nicht aufbauen. «Dann müsste man auch die Administration ausbauen. So können wir noch alles selber bewältigen, jeder gespendete Franken kommt vor Ort den Leuten zugute. Von jedem ausgebildeten Schreiner profitieren etwa 20 bis 30 Leute», erklären die beiden. Und sagen trotzdem: «Wir leisten nur einen kleinen Beitrag. Es ist ein Tropfen auf den heissen Stein.»

Bridge sucht immer wieder Volontäre, die einen Monat lang Leute in Sri Lanka ausbilden. Mehr Infos finden Sie hier.