Ärzte ohne Grenzen
Hilfseinsatz an der Grenze zu Syrien

Manuel Brunner (29) hilft, im Libanon rund eine Million syrischer Flüchtlinge zu betreuen. Er merkt deutlich, wie sich wichtige Hilfsorganisationen wegen Geldmangels zurückziehen müssen.

Andrea Weibel
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Manuel Brunner (rechts) bei seinem Einsatz im Libanon.

Manuel Brunner (rechts) bei seinem Einsatz im Libanon.

zvg

Im Libanon, der flächenmässig etwa einem Viertel der Schweiz entspricht, lebten bis vor fünf Jahren vier Millionen Menschen. Dann brach der Krieg im Nachbarland Syrien aus. Seither sind mindestens eine Million Flüchtlinge über die Berge hereingeströmt. Das privatisierte und dadurch sehr teure medizinische Versorgungssystem mit einem Standard, der mit der Schweiz vergleichbar ist, deckt die Bedürfnisse der Flüchtlinge nicht ab. Man brauchte Hilfe. Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) wie Ärzte ohne Grenzen / Médecins Sans Frontières (MSF) füllten die Lücken, wo es notwendig war.
Das funktionierte so weit, dass das Überleben und die medizinische Versorgung der Flüchtlinge und der Einheimischen gesichert werden konnten. Mehr jedoch nicht. Weil die Regierung keine Flüchtlingslager erlaubt, leben viele Flüchtlinge seit fünf Jahren in verstreuten provisorischen Zeltdörfchen, die aus allem bestehen, was sie bekommen konnten: Werbetafeln, Steine, Teppiche, einzelne Uno-Zeltplanen. Doch jetzt herrscht bereits der fünfte Winter, und das Klima ist mit dem in der Schweiz vergleichbar. Das heisst: Im Winter ist es bitterkalt und schneit, die Flüchtlinge frieren. Sie haben keine Aussicht auf Besserung.

Mitten in dieser bedrückenden Szenerie arbeitet der Villmerger Manuel Brunner. Als MSF-Administrator organisiert er die Mitarbeiter und all das Material, das sie brauchen, um die Bevölkerung medizinisch zu versorgen. Und zwar auch im libanesisch-syrischen Grenzgebiet bei Arsal. «In die Stadt Arsal können wir aus Sicherheitsgründen aber nicht reisen, daher wird die gesamte Arbeit von medizinischem Personal aus der betroffenen Stadt selbst durchgeführt. Wir unterstützen sie lediglich mit medizinischen Gütern. Oft sind die Zugangsstrassen wegen Kämpfen jedoch geschlossen», berichtet Brunner.

Es ist keine leichte Aufgabe. Doch er fühlt sich am richtigen Ort: «Ich merke, wie viel ich hier bewirken kann, obwohl ich auch akzeptieren muss, dass die Arbeit von MSF ohne die Hilfe anderer NGOs nicht ausreicht. Leider spürt man aber, dass diese anderen NGOs, die hier so wichtig wären, nach und nach verschwinden oder ihre Aktivitäten reduzieren, weil sie kein Geld mehr aus dem Ausland bekommen», sagt der ehemalige Banker aus Villmergen im Interview mit der az.

An der Grenze zu Syrien

Brunners Büro und Unterkunft befinden sich in Balbeek, einer ländlichen 80 000-Einwohner-Stadt in der Bekaa-Ebene, die nur durch einen Gebirgszug, den Anti-Libanon mit seinen 2000er Gipfeln, von Syrien getrennt ist. «Trotz der Nähe zu Syrien ist es hier einigermassen sicher», beruhigt er. Er lebt in einer Wohngemeinschaft mit anderen internationalen Angestellten von MSF. Sie stammen aus Japan, Australien, Frankreich, Kanada und der Schweiz. «Es ist ein angenehmes Team.
Wir gehen auch mal zusammen etwas trinken oder schauen uns in der Gegend um. Jedoch ist das nicht ganz einfach, wir müssen aus Sicherheitsgründen überall mit dem Auto hin, dürfen nachts nicht fahren und nur in bestimmte Lokale einkehren. Das ist für uns kein Problem, aber man ist eben nicht gleich frei wie man es daheim wäre.»

Trotz der Nähe zum syrischen Kriegsgebiet, und obwohl Artilleriefeuer immer wieder Nachschublieferungen in einige Gebiete verunmöglicht, versucht Manuel Brunner, auch die positiven Seiten des Landes kennen zu lernen. «Es gibt unvergessliche Momente. Der Sonnenuntergang, den ich in den Tempelruinen hier in Baalbek erlebt habe, war eines meiner eindrücklichsten Erlebnisse.» Ein paar freie Tage über Weihnachten verbrachte er alleine in der Hauptstadt Beirut, um sich etwas Zeit für sich zu gönnen.

«Meinen Teil zur Hilfe»

Der Einsatz im Libanon ist Brunners zweiter für MSF. Zuvor war er in Kamerun und Tansania stationiert, die Hauptzeit in einem 100 000-Seelen-Flüchtlingslager nahe der Grenze zu Burundi. «Dort leiteten wir einen Notfall-Einsatz, um die Flüchtlinge unterzubringen und Epidemien zu verhindern. Hier in Baalbek ist das ganz anders», sagt Brunner. «Hier war alles schon fertig aufgebaut und lief gut, als ich Ende Oktober angekommen bin.
Da kann man zwar nicht gleich viel aufbauen, dafür ist die Arbeit koordinierter und für uns angenehmer.» Brunner klingt ausgeruht und gut gelaunt, obwohl er berichtet, dass er nachts im Bett jeweils eine kalte Nase bekomme und an ganz kalten Tagen seinen Atem im Büro sehen könne. «Da muss man sich einmal vorstellen, wie es den Flüchtlingen in ihren Zelten geht, wenn wir in den Häusern schon frieren. Das ist, als ginge man im Winter in den Alpen campen und hätte die warmen Sachen nicht dabei.»
Niedergeschlagen führt er aus: «Wir hören immer wieder, dass Gruppen von Flüchtlingen zurück nach Syrien reisen. Dort ist es sehr gut möglich, dass sie getötet werden. Aber eine meiner Kolleginnen hat die Erklärung erhalten: ‹Hier haben wir keine Zukunft. Und wenn wir sterben, dann sterben wir lieber zu Hause.›» Man hört selbst durchs Telefon, wie Brunner solche Schicksale mitnehmen. «Es ist nicht immer einfach, den Sinn der eigenen Arbeit zu sehen, speziell, wenn man nicht direkt mit den Patienten arbeitet», hält er fest. «Ich bin aber nach wie vor überzeugt, mit der richtigen Organisation am richtigen Ort zu sein und meinen Teil zur Hilfe beizutragen.»

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