Muri
Hilfe, wenn es klemmt in der Lehre

Ein neues Atelier für Berufsbildung will sowohl Lernenden als auch Lehrbetrieben beistehen.

Eddy Schambron
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Marlene Helbling (links) und Jacqueline Stierli springen ein, wenn es in der Lehre Knöpfe zu lösen gilt.

Marlene Helbling (links) und Jacqueline Stierli springen ein, wenn es in der Lehre Knöpfe zu lösen gilt.

Eddy Schambron

In der Berufsbildung steht nicht alles zum Besten: Hohe Ziele, die je nach Grundbildung von den Lernenden kaum zu bewältigen sind, Ansprüche, die von Arbeitgebern und Ausbildnern nur mit stark erhöhtem Zeitaufwand und Engagement erfüllt werden können. Marlene Helbling und Jacqueline Stierli können davon aus ihrer bisherigen Berufs- und Beratungstätigkeit ein Lied singen. Deshalb haben sie, beide bestens qualifiziert, in Muri neu das Atelier für Berufsbildung gegründet, in dieser Form einzigartig in der weiten Region. Im Vordergrund stehen, unter anderem, Beratung und Coaching sowohl von Lernenden als auch von Lehrstellen anbietenden Betrieben beziehungsweise Lehrmeistern, die mit den hohen Anforderungen bezüglich Fach- und Methodenkompetenz sowie der persönlichen Betreuung der Lernenden oft an die Grenzen der Ressourcen stossen.

Vielfältige Ursachen

Wenn es in der Lehre hapert, sind nicht immer bescheidene schulische Ressourcen, mangelnde Motivation der Lernenden oder fehlender Durchhaltewillen der Grund. Manchmal sind es auch zu wenig Zeit der Ausbildner, ungenügendes Wissen über die heutigen Lernmethoden und -ziele oder zu hohe Ansprüche der Berufsverbände und auf der Arbeitgeberseite, die zu Problemen in der Berufsausbildung führen. Im schlimmsten Fall kommt beides zusammen. «Die Anforderungen in der Berufsbildung sind heute sehr hoch, und zwar auf beiden Seiten», weiss Marlene Helbling, diplomierte Ausbilderin, Case Managerin, Prüfungsexpertin im kaufmännischen Bereich und bewandert in Modellen und Methoden der nachhaltigen Arbeitsintegration. So hoch, dass sich einzelne Betriebe derart belastet fühlen und lieber gleich darauf verzichten, Nachwuchs auszubilden. Oder Ausbildungsplätze zwar anbieten, jedoch aufgrund der schnell wechselnden Reformen und Anpassungen im Bildungssystem die Ressourcen nicht mehr gewährleisten können. «Ausbildung von jungen Leuten geht nicht so nebenher und wie man es vielleicht vor 20, 30 Jahren einmal gelernt und gemacht hat. Das kostet schon mindestens 10 bis 20 Stellenprozente», unterstreicht Helbling.

Hier will das Atelier für Berufsbildung Entlastung bieten, indem beispielsweise Ausbildungsinstrumente bereitgestellt, Ausbildungspläne erstellt oder auch Kontakte vermittelt werden. Das führe zu besseren Ergebnissen auf beiden Seiten und helfe mit, auch später künftigen Lernenden eine gute Ausbildungsstelle anbieten zu können. «Wir verstehen uns als Brückenbauerinnen zwischen den drei Lernorten (Lehrbetrieb, Schule, überbetriebliche Kurse). Wir beraten und unterstützen Lehrkräfte und Schulen bei Übertritt von der Schule in die Lehre. Bei Lehrabbrüchen und Konflikten zu Hause oder im Lehrbetrieb bieten wir das Case Management an», erklärt Helbling. «Lernende und Schüler begleiten wir bei psychischen Belastungen oder instabilen Lebenssituationen mit einem Coaching.»

Sehr grosse Ansprüche

Einfacher ist die Berufsausbildung für Jugendliche nicht geworden, im Gegenteil. «Die Ansprüche sind sehr gross», stellt Jacqueline Stierli, Bachelor of Arts FHNW in Sozialer Arbeit, diplomierte Berufsbildnerin, auch ausgebildet in Arbeitsintegration von Menschen mit Beeinträchtigung und Konfliktmanagement, fest. So gross, dass diese von vielen Jugendlichen ohne entsprechende Unterstützung nicht zu bewältigen sind, auch, weil sie nicht dort abgeholt werden, wo sie tatsächlich stehen. «Wir stellen fest, dass viele nach der Schulzeit nicht imstande sind, selbstständig zu arbeiten, und wenig Eigeninitiative entwickeln. Die Ablenkungen sind vielfältig und viele lassen sich auf eine Lehrstelle ein, die nicht zu ihnen passt, nur damit sie einen Anschluss haben.» Hier will das Atelier für Berufsbildung mit individuellem Coaching, mit Lernbegleitung, Lernplanung oder Zeitmanagement beratend und helfend einspringen. Angesprochen sind dabei nicht nur Rat suchende Eltern, sondern nicht zuletzt auch Behörden und Institutionen, die individuelle Unterstützung für Jugendliche suchen. Und Stierli hofft, dass von den Betrieben mehr Bereitschaft kommt, Ausbildungsplätze auch für weniger Leistungsfähige bereitzustellen. Die entsprechenden Varianten in der Berufsausbildung seien mit klassischer Lehre, Berufs- und praktischer Ausbildung vorhanden, ist sie überzeugt. «In vielen Ausbildungsbetrieben ist das aber zu wenig bekannt.»

Mehr Informationen: Atelier für Berufsbildung GmbH, Kirchenfeldstrasse 6, Muri, www.atelier-berufsbildung.ch

Berufsbildung heute: Es führen verschiedene Wege zum Beruf

Es gibt verschiedene Wege, mit einer Lehre ein Berufsziel zu erreichen. Der bekannteste ist die klassische drei- bis vierjährige Lehre mit dem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) als Abschluss. Die dazu mögliche Berufsmaturität ist ein eidgenössisch anerkannter Abschluss, der berufliche Kenntnisse mit einer Vertiefung des Allgemeinwissens verbindet. Die Berufsmaturität bildet somit eine geeignete Grundlage für die Zulassung zu Schulen der Tertiärstufe und zu zahlreichen Weiterbildungen. Inhaberinnen und Inhaber einer Berufsmaturität sind zum prüfungsfreien Zugang an eine dem Beruf verwandte Studienrichtung an einer Fachhochschule FH berechtigt.

Neben der klassischen Lehre wird die jährige berufliche Grundbildung mit eidgenössischen Berufsattest (EBA) angeboten. Und schliesslich gibt es mit der Praktischen Ausbildung (PrA) ein niederschwelliges Berufsbildungsangebot, das auf die individuellen Ressourcen der Lernenden ausgerichtet ist.

Die PrA bietet jungen Menschen ohne Zugang zu einer anerkannten beruflichen Grundbildung die Möglichkeit, einen Berufsausweis zu erwerben,
der ihre beruflichen Kompetenzen dokumentiert. (es)