Tierschutz
Hier werden verletzte und unterernährte Igel wieder aufgepäppelt

Margrit Kobel betreibt seit 25 Jahren eine Igelstation, wo sie verletzte und unternernährte Igel wieder aufpäppelt. Hier erfreut sie sich auch über viele Gäste aus dem Freiamt.

Dominic Kobelt
Merken
Drucken
Teilen
Einer der Gäste in der Igelstation Meisterschwanden – er muss noch Gewichtzulegen, bevor er wieder in die Wildnis darf. Dominic Kobelt

Einer der Gäste in der Igelstation Meisterschwanden – er muss noch Gewichtzulegen, bevor er wieder in die Wildnis darf. Dominic Kobelt

Dominic Kobelt

Jetzt, im Spätherbst, hat Margrit Kobel besonders viel zu tun. Sie kümmert sich um verletzte und unterernährte Igel. Für den Winterschlaf müssen sich die Tiere eine genügend dicke Fettschicht zulegen. Deshalb das allmorgendliche Ritual: Sobald Kobel gefrühstückt hat, geht sie in den Keller und sorgt für ihre stacheligen Schützlinge. Dafür stapelt sich neben der Kellertüre palettenweise Katzenfutter. Einen der Gäste, der in der Nähe des Reussparks im Gnadenthal gefunden wurde, setzt sie für den Fototermin behutsam auf den Tisch. Schüchtern dreht er sich im Kreis, beschnüffelt neugierig die Tischplatte und kugelt sich dann wieder ein. «Sehen Sie die feuchte Spur? Das ist ein gutes Zeichen: Ein gesunder Igel hat eine feuchte Nase», erklärt sie.

«Ich habe viele Kunden aus dem Freiamt, weil es in diesem Gebiet keine ähnliche Einrichtung gibt», erzählt Kobel, die in Anglikon aufgewachsen ist und seit 25 Jahren eine Igelstation in Meisterschwanden betreibt.

So fühlt sich der Igel wohl

Für einen idealen Igelgarten – den auch viele andere Tiere lieben – sind dichte Hecken aus heimischen Gehölzen wichtig. Laub-, Holz- und Steinhaufen mit Hohlräumen sind als Unterschlupf geeignet. Dornen halten neugierige Haustiere vom Igelversteck ab. Entscheidend ist auch, dass viele Blüten Insekten anlocken, denn diese legen Eier, aus denen Larven schlüpfen. Igel sind Fleischfresser und ernähren sich nebst Insekten auch von Würmern oder Schnecken. Obst steht nicht auf dem Speiseplan. Besonders im Herbst ist der Igel auf Nahrung angewiesen, durch die er eine Fettschicht aufbauen kann.
Igel sind dämmerungs- und nachtaktiv. Dann durchstreifen sie auf der Suche nach Insekten artenreiche Blumenwiesen, suchen aber auch im kurzen Gras nach Würmern und Engerlingen. Je abwechslungsreicher ein Garten gestaltet ist, desto umfangreicher fällt der Speiseplan des Igels aus. Ein Garten alleine reicht dem Igel aber niemals als Lebensraum aus. Auf Nahrungssuche können die Tiere grosse Strecken zurücklegen. Wichtig ist deshalb auch, dass er überhaupt Zugang zum Garten hat und nicht das ganze Areal durch Mauern und Zäune abgeriegelt ist. (kob)

Igel brauchen kein warmes Nest

Dass das Wetter in den letzten Tagen etwas feuchter geworden ist, dürfte die Igel freuen. «Im letzten Jahr wurden sehr wenige Jungtiere abgegeben, was eigentlich die Vermutung zulässt, dass es den Igeln gut ging. Leider ist es aber so, dass es durch die anhaltende Trockenheit wenig Futtertiere wie Würmer, Käfer oder Schnecken gab», erklärt Kobel. Sie vermutet sogar, dass die meisten Muttertiere keinen zweiten Wurf hatten, weil sie bereits Mühe hatten, für sich selbst genügend Nahrung zu finden.

Was gibt es für Möglichkeiten, dem Igel zu helfen? «Wir haben zu schöne Gärten», stellt Kobel fest. Gerade im Herbst sei es hilfreich, wenn man an einem Ort Laub liegen lasse und die Blätter mit ein paar Ästen überdecke. «Am besten an einem Ort, an dem die Sonne nicht direkt hinscheint. Die Tiere brauchen nämlich kein warmes Nest, sondern müssen die Kälte spüren, damit sie in den Winterschlaf fallen.» Von Igelhäusern hält die Expertin dagegen nichts: «Das nützt nur dem etwas, der es gebaut hat», meint sie schmunzelnd. Wer einen Igel im Garten hat und ihm etwas Futter bereitstellen will, sollte Katzenfutter oder Rührei verwenden. «Nicht geeignet sind Äpfel oder Bananen. Die frisst der Igel zwar, aber er kann keine Fettschicht aufbauen, und die ist wichtig für den Winterschlaf.»

Und wie erkennt man, ob ein Tier in die Igelstation sollte? «In den Herbstmonaten gilt: Wenn das Tier unter 300 Gramm wiegt, lohnt sich ein Anruf bei mir», sagt Kobel. Dabei muss man sich keine Sorgen machen, dass zum Beispiel ein Jungtier seine Mutter nicht mehr finden würde. «Solange die Tiere von der Mutter abhängig sind, sind sie im Nest, aber die Kleinen werden sehr schnell flügge.» Wer sich selbst um ein Tier kümmern möchte, das er gefunden hat, kann sich Rat bei der Expertin holen. «Lieber einmal zu viel anrufen», sagt sie. Die stachligen Geschöpfe sind aber, trotz ihres süssen Aussehens, keine Haustiere. «Sie schätzen es auch nicht, wenn man sie herausnimmt und herumträgt, sie bauen keine Bindung auf – das ist nicht wie mit einer Katze», macht Kobel klar.

Nur dank Unterstützung möglich

Obwohl man sich um einen Igel kümmern darf, den man im Garten findet, kann nicht jeder eine Igelstation betreiben. «Es sind Wildtiere, deshalb braucht es eine Genehmigung vom Kanton», erklärt Kobel. Sie muss jeweils in einem Jahresbericht festhalten, wie viele Tiere sie betreut hat. 2015 waren es 304 Igel. Für 133 kam jede Hilfe zu spät. Was passiert mit den Igeln, die wieder gesund sind? «Die Leute, die sie gebracht haben, holen sie wieder ab und setzten sie da aus, wo sie sie gefunden haben – ich kann schliesslich nicht alle in meinem Garten freilassen», sagt Kobel und lacht.

Unterstützt wird die Igelstation von der Hedinger-Knuchel-Stiftung. «Ohne sie ginge es nicht», sagt sie. Trotzdem ist sie froh, wenn sie von den Leuten, die ihr ein Tier vorbeibringen, einen Zustupf erhält, denn die Betreuung der Tiere kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Kobel beschäftigt eine Angestellte. «Sie hilft mir mit dem Putzen der Käfige und übernimmt meine Arbeiten, wenn ich einmal in die Ferien möchte – sonst käme ich ja nie dazu», sagt die engagierte Tierschützerin.

Dank dieser Unterstützung kann Kobel vielen Tieren helfen und weiss unzählige Erfolgsgeschichten zu erzählen. Zum Beispiel die von einem Mann, der wissen wollte, wie er den Igel aus seinem Garten vertreiben könne. «Er hat mir gesagt, das Tier mache Löcher in seinen Rasen. Daraufhin habe ich ihm erklärt, dass sich bestimmt Engerlinge in der Erde verstecken, die der Igel sucht und frisst», erzählt Kobel mit einem zufriedenen Lächeln. «Es war tatsächlich so. Schliesslich hat er dem Igel sogar Futter hingestellt, damit er noch etwas länger bleibt.»

Kontakt zur Igelstation Meisterschwanden unter Telefon 056 667 14 37.