Wohlen
«Heute blicke ich sehr dankbar auf die negativen Erfahrungen zurück»

An der gut besuchten «Nacht der Begegnungen» erzählten Menschen aus ihrem Leben. Die aussergewöhnlichen und bewegenden Schicksale regten zum Nachdenken an.

Barbara Hagmann
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Marcel Quirici erzählte unverblümt aus seinem bewegten Leben mit und ohne Drogen.

Marcel Quirici erzählte unverblümt aus seinem bewegten Leben mit und ohne Drogen.

Barbara Hagmann

Ein paar Farbleuchten werfen schummriges Licht in den Kellerraum im Chappelehof. Auf der Bank mit den roten Kissen sitzt ein Mann mit tätowierten Armen. Gebannt lauschen die Leute, die sich um ihn scharen, seiner Geschichte. Diese handelt nicht von einem Leben als Türsteher, was sein Erscheinungsbild vermuten liesse. Marcel Quirici spricht über Vergebung, über Bekehrung, Jesus und ein Leben mit Gott.

Das war nicht immer so. Quirici prallte in seinem Leben schon oft hart auf dem Boden auf. Nachdem der Alkoholkonsum nicht mehr ausreichte, fing er mit 13 Jahren zu kiffen an. Als Kleinkrimineller wurde er mit 14 Jahren zum ersten Mal inhaftiert. Grössere Delikte folgten und damit auch ein Freiheitsentzug von viereinhalb Jahren. Immer wieder raffte er sich auf, rutschte wieder ab, bis er schliesslich zu Gott und zu einem geregelten Leben fand. Ein Leben mit Frau und vier Kindern; das erste Enkelkind ist unterwegs.

Der Grossandrang im Wohler Chappelehof brachte die Veranstalter ins Schwitzen.

Der Grossandrang im Wohler Chappelehof brachte die Veranstalter ins Schwitzen.

Barbara Hagmann

Vom «Drögeler» zum Seelsorger

«Heute blicke ich sehr dankbar zurück auf diese Erfahrungen», sagt Quirici. Unverblümt und authentisch erzählt er, wie er als Sechsjähriger sein erstes Zigaretten-Päckli aus einem Auto klaute, er von seinen leiblichen Eltern als Kleinkind zur Adoption freigegeben wurde, sich im Gefängnis das Leben nehmen wollte und nach seiner Gefängnisentlassung an der Nadel hing. «Gott hat mich immer wieder aus dem Drogensumpf herausgeholt und mich nie aufgegeben.»

Quiricis Leben ist eine Geschichte, die bewegt, auch weil sie ein glückliches Ende nimmt. Seit 30 Jahren lebt Quirici drogenfrei. Zusammen mit seiner Frau ist er als Seelsorger tätig und hat bis heute 50 Pflegekinder durch schwierige Zeiten begleitet.

«Radikaler Wandel möglich»

Ein paar Räume weiter erzählt Bruno Graber ähnliche Geschichten, jedoch von einer anderen Seite beleuchtet. Er ist seit 31 Jahren Leiter des Zentralgefängnisses Lenzburg und kennt Fälle wie solche von Marcel Quirici. Auch Graber ist überzeugt, dass ein radikaler Wandel mit Neuausrichtung bei Gefängnisinsassen möglich ist. «Einige werden nicht straffrei bleiben, aber sie können sich durchaus stark ändern», sagt Graber. Er betont, dass dieser mögliche Wandel seine Motivation für die Arbeit im Gefängnis sei. «In erster Linie sehe ich nicht die begangenen Taten, sondern die Menschen.»

Grabers einstündiger Vortag mit Bildmaterial gab einen Einblick in das Gefängnisleben. Die Eindrücke, die uns Kinofilme vermitteln, sind nicht weit hergeholt. Tatsächlich sind in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg Einzelzelle an Einzelzelle auf mehreren Stockwerken aneinandergereiht, nur ein Lichthof in der Mitte durchbricht diese simple räumliche Anordnung. Im Gegensatz dazu steht das im Jahr 2011 fertiggestellte Zentralgefängnis, das Gemeinschaftszellen und farbig besprayte Aufenthaltsräume aufweist.

Pinkfarbene Zelle?

Vorwiegend Jugendliche nahmen Einblick ins Begegnungsatelier «Strafvollzug in der Schweiz». Im Fokus standen für diese Generation Fragen, ob denn das Zentralgefängnis über eine pinkfarbene Zelle verfüge oder wie lange jemand ohne Beweise festgehalten werden dürfe. Die Erwachsenen liessen sich den Unterschied zwischen Verwahrung und lebenslanger Freiheitsstrafe erklären.

Die siebte Auflage der «Nacht der Begegnungen – Nacht der Lichter» war sehr gut besucht und benötigte seitens des Veranstalters etwas Organisationstalent. Die vielen Leute in die neun Begegnungsateliers einzuteilen, entpuppte sich als Herausforderung. Die gehaltvollen Lebensgeschichten und der deftige Pizza-Imbiss entschädigten die Zuhörer bei weitem für das anfängliche organisatorische Chaos.

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