Besenbüren
Hausfrauenleiter ist jetzt tabu: Wie eine Freiämter Gemeinde zum Vorbild wird

Stürze, Aus- und Abrutscher: Das kostet die Allgemeinheit 850 Millionen Franken, weil viele Betriebe und Gemeinden nicht darauf achten, ihre Angestellten vor Unfällen zu bewahren. Besenbüren hat nun ein Arbeitssicherheitssystem erarbeitet, das die kleine Gemeinde zum Vorbild macht.

Christian Breitschmid
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Sicherheitsberater Richard Gähwiler (rechts) weist Abwart Peter Battiston auf ein Hindernis im Fluchtweg hin.

Sicherheitsberater Richard Gähwiler (rechts) weist Abwart Peter Battiston auf ein Hindernis im Fluchtweg hin.

Christian Breitschmid

Die Angestellten der Gemeindekanzlei suchen nach einer Aufstiegsmöglichkeit. Im schummrigen Licht, denn schon wieder hat eine der Leuchtstoffröhren den Geist aufgegeben. Die Ersatzröhre ist schon da. Für den Ausflug an die Decke muss ein Bürostuhl herhalten, den die Lehrtochter ganz nonchalant auf die höchste Sitzposition stellt und flugs erklimmt, um die kaputte Lampe zu ersetzen.

850

Millionen Franken muss die Allgemeinheit bezahlen, weil in vielen Betrieben und Gemeinden nicht darauf geachtet wird, dass die Angestellten vor Stürzen, Aus- und Abrutschern bewahrt bleiben.

Was dann folgt, kennen die Unfallexperten der Suva aus dem Effeff: Stuhl dreht sich, Stuhl rollt weg, Frau mit Leuchtkörper verliert Gleichgewicht, stürzt rücklings über die Pultkante zu Boden und zieht sich Verletzungen zu, die jedem Orthopäden das Blut in den Adern gefrieren lassen. Der Arzt wird sicher einige Fragen stellen – und die Versicherung noch mehr.

Gemeinden sind auch Arbeitgeber

Solche Unfälle passieren in der Schweiz tagtäglich. Missgeschicke wie Ausgleiten, Abgleiten, Abrutschen, Herunterfallen oder Abstürzen verzeichnet die Suva-Statistik im Berufsumfeld über 80 000-mal pro Jahr. Allein diese Art von Berufsunfällen verursachen laufende Kosten von 850 Millionen Franken.

Kein Wunder also, dass der Gesetzgeber im Bundesgesetz über die Unfallversicherung (UVG) verlangt, dass jeder Arbeitgeber seine Angestellten mit einem adäquaten Sicherheitssystem vor Unfällen schützt.

Wer beim Stichwort Arbeitgeber primär an KMU oder Konzerne in den Bereichen Industrie, Handwerk und Handel denkt, vergisst zu leicht, dass auch Gemeindeverwaltungen Arbeitgeber sind – mit allen Rechten und Pflichten. Beim kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) ist die Sektion Industrie- und Gewerbeaufsicht dafür zuständig, die Einhaltung des UVG in den Betrieben zu überprüfen. Dazu sind im ganzen Kanton sechs Inspektoren unterwegs, die den 34 000 Betrieben und 212 Gemeinden in Sachen Arbeitsschutz auf den Zahn fühlen.

Einer von ihnen hat auch die Gemeinde Besenbüren darauf aufmerksam gemacht, dass sie sich an die Richtlinien der Eidgenössischen Koordinationskommission für Arbeitssicherheit (EKAS) zu halten hätten. Das liess sich der Gemeinderat nicht zweimal sagen. Sie engagierten den externen Sicherheitsbeauftragten Richard Gähwiler, der dem Rat schon als Suva-geprüfter Sicherheitsfachmann der ARA Chlostermatte in Bünzen bekannt war.

Jedes Jahr neue Themen

«Ich habe mich bei der Ausarbeitung des Sicherheitskonzepts streng an die zehn Punkte aus den EKAS-Richtlinien gehalten», erklärt Gähwiler. Diese lassen sich, wie alle Gesetzesartikel und Verfügungen zur Arbeitssicherheit, problemlos aus dem Internet runterladen.

«Vor allem Punkt drei ist mir sehr wichtig», betont Gähwiler. «Dabei geht es um die Ausbildung der Angestellten. Künftig erhält jeder neue Mitarbeiter eine solche Unterweisung. Die Absolvierung der Ausbildung bestätigt jeder mit Unterschrift. Ausserdem gibt es alljährlich eine Auffrischung des Gelernten und einen Kurs zu einem spezifischen Thema.»

Dieses Jahr zum Beispiel werden routinemässig alle Feuerlöscher in der Verwaltung ausgewechselt. Bei dieser Gelegenheit erhalten die Gemeindeangestellten von einem Experten des Herstellers einen Kurs in praktischer Handhabung von Löschgeräten.

«Natürlich haben viele von uns schon solche Kurse gemacht», sagt Peter Battiston, der in Besenbüren für die Entsorgung, das Gemeindemagazin, das Gemeindehaus, den Kindergarten und für den Winterdienst zuständig ist. «Aber die Routine ist das Gefährliche. Ich bin oft versucht, für einen Lampenwechsel mal kurz eine Hausfrauenleiter zu benutzen, obwohl ich genau weiss, dass ein Stuhl niemals so sicher ist wie eine Bockleiter oder ein Dreitritt.»

Auch die Polizei hat die Gemeindeangestellten schon geschult. Im friedlichen 600-Seelen-Dorf wird es hoffentlich weiterhin nie nötig sein, aber sollte ein aggressiver Mensch sich an den Mitarbeitern vergreifen wollen, dann wird er vom trainierten Personal mit einer gezielten Ladung Pfefferspray lahmgelegt.