Muri
Hat das Oberfreiamt in Sachen Gesundheit bald die Nase vorn?

Spital, Hausärzte, Fitnesstrainer und Physiotherapeuten wollen beim Projekt "Gesundes Freiamt" zusammenspannen. Falls das gelingt, ist das Oberfreiamt schon bald kantonsweiter Gesundheitspionier.

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Mit der engen Zusammenarbeit bei der Versorgung der Menschen durch die Dienstleister soll auch der Fokus des Patienten mehr Gewicht erhalten.

Mit der engen Zusammenarbeit bei der Versorgung der Menschen durch die Dienstleister soll auch der Fokus des Patienten mehr Gewicht erhalten.

Chris Iseli

Wird im Oberfreiamt in Sachen (medizinischer) Versorgung Wirklichkeit, was in den Köpfen engagierter Menschen vorgeht, wäre das eine Pioniertat im Kanton und würde einiges auf den Kopf stellen – zum Wohl der Patientinnen und Patienten. Dann nämlich wären in zehn Jahren die Beteiligten im Gesundheitswesen so gut vernetzt, dass sie aus einer Gesamtsicht des Patienten arbeiten und das Optimum für ihn leisten könnten.

Die Krankenversicherer wären genauso im Boot wie die Hausärzte und das Spital, die Physiotherapeuten oder das Fitnessstudio. In zehn Jahren wäre die Region oberes Freiamt im Bereich integrierter Versorgung Vorzeigebeispiel im Kanton. Diese Vision «Gesundes Freiamt», die auch beim Departement Gesundheit und Soziales (DGS) auf besonderes Interesse stösst, hat reelle Chancen, umgesetzt zu werden.

Beispiel: Gesundheitszentrum im Unterengadin

Was im oberen Freiamt angedacht wird, ist nicht neu. Im Unterengadin wurde dieser Schritt ziemlich genau vor zehn Jahren gemacht. Erfolgreich, wie Philipp Gunzinger, Vorsitzender der Geschäftsleitung Center da sandà Engiadina Bassa ausführt: «Bei uns ist die hier vorgestellte Vision gelebter Alltag.»

Im Gesundheitszentrum Unterengadin, das als Trägerschaft eine Stiftung hat, sind nicht nur das Regionalspital, sondern auch Rettungsdienste, Spitex, Pflegeheim sowie Pflegegruppen und sogar der Betreiber der Sportanlagen integriert. Seit 2007 arbeiten alle wichtigen Anbieter zusammen.

Als Drehscheibe fungiert eine Beratungsstelle.«Es gab viele Ängste zu überwinden», räumte Gunzinger ein. Solche Veränderungen in gewachsene Strukturen würden viel Einfühlungsvermögen voraussetzen. Anfangs kostete diese Zusammenarbeit Arbeitsstellen, allerdings ohne Entlassungen. Seither wurden 50 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen. Heute ist die Organisation mit rund 300 Mitarbeitenden der grösste Arbeitgeber im Unterengadin. (es)

Kanton unterstützt
Doch bis es so weit ist, braucht es einiges. Zwar gibt es bereits Ansätze, die die verschiedenen Dienstleister bei der Versorgung der Menschen im Freiamt näher zusammenbringen. Die Kommission Fachgruppe Alter des Regionalplanungsverbandes (Repla) oberes Freiamt befasst sich beispielsweise schon heute mit der Bettenplanung im Pflegebereich oder mit der Aufteilung der regionalen und kommunalen Aufgaben.

Das «Netzwerk 60+» bearbeitet Themen wie betreutes Wohnen im Alter oder optimale Spitex-Strukturen. Die Pflegi Muri steht im engen Kontakt zum Spital oder zum Altersheim St. Martin. «Aber da ist noch viel Entwicklungspotenzial», sagt Pflegi-Direktor Thomas Wernli, der unterstreicht, dass integrierte Versorgung nicht nur den betagten Menschen im Visier haben darf, sondern alle, dazu gehört zum Beispiel auch die Prävention.

Mit dem Vorschlag, ein entsprechendes Konzept für die Region oberes Freiamt zu entwickeln, stiess er beim DGS auf sehr offene Ohren, wie Urs Zanoni, Leiter Masterplan Integrierte Versorgung und eHealth Aargau, am Auftaktanlass, der einer Art Pulsmessung für die Vision «Gesundes Freiamt» war, ausführte.

Die richtige Richtung
«Der Vorschlag von Wernli geht genau in die richtige Richtung», betont Zanoni. Das heutige Versorgungssystem sei wenig auf die aktuelle und künftige Situation mit immer mehr älteren Menschen und immer mehr chronischen Erkrankungen ausgerichtet. «Wir haben heute eine starke Zuspitzung auf die Ärzteschaft, für andere Berufsgruppen ist es gerade im Pflegebereich oder in gewissen medizinischen Versorgungen schwierig, Verantwortung zu übernehmen.»

Dabei gäbe es Dienstleistungen, die heute vom überlasteten Hausarzt erbracht werden müssten, die andere Berufszweige genau so gut und sicher leisten könnten. Ebenso müsse der Fokus ändern: «Wir müssen stärker die Perspektive des Patienten einnehmen, er ist der Einzige, der seine ganze Krankengeschichte kennt.» Diese Änderung der Perspektive, eine konsequente Vernetzung der Dienstleister und bedarfsgerechte Angebote würden nicht nur den Menschen nützen, sondern auch Kosten sparen, betont Zanoni.

Jetzt geht es darum, eine Trägerschaft für «Gesundes Freiamt» zu bilden. Das kann zum Beispiel eine Interessengemeinschaft sein, in der alle relevanten Dienstleister mitarbeiten. Ein erster Fussabdruck auf diesem Weg hat mit dem neulich lancierten Projekt «daHeim» die Pflegi Muri bereits gesetzt. Dieses will unter anderem eine Drehscheibe schaffen, die sowohl für Patienten als auch für Dienstleister hilfreich ist. Eine solche Drehscheibe ist auch der Mittelpunkt von bereits funktionierenden Modellen integrierter Versorgung (vgl. Kontext). Für die Vision «Gesundes Freiamt» will Wernli jetzt viele Partner an den Tisch holen.

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