Berikon
Harry, Heidi und eine 100-jährige Bibel in der Bücherkiste

Seit fünf Jahren macht die Wanderbücherei Leseratten und Sammler glücklich. Für Ärger sorgen zwischendurch Vandalen.

Dominic Kobelt
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Rosmarie Groux (links) und Yvonne Steiner betreiben zusammen mit Ursula Berger die Wanderbücherei. Dominic Kobelt

Rosmarie Groux (links) und Yvonne Steiner betreiben zusammen mit Ursula Berger die Wanderbücherei. Dominic Kobelt

Dominic Kobelt

Es sind Hunderte Bücher, die in dem kleinen Raum des Gemeindehauses in Berikon fein säuberlich aufgereiht sind. Im Bücherregal, auf dem Fenstersims, auf dem Tisch. Wie viele es genau sind, wissen Rosmarie Groux, Vizeammann von Berikon, und Yvonne Steiner nicht, die zusammen mit Ursula Berger seit fünf Jahren die Wanderbücherei betreiben. Ein Heidi-Buch aus dem Jahre 1953, die Biografie von Hillary Clinton, «Fifty Shades of Grey», sämtliche Harry-Potter-Bände – für jeden Geschmack ist Lesestoff vorhanden.

Im Gemeindehaus, im Hotel Stalden und im Bürgisserhus gibt es Regale, an der Bahnstation und an den Bushaltestellen Berikon Kirche und Mattenhof können Bücher aus Kisten mitgenommen werden.

Manche werden nach dem Lesen zurückgelegt, andere gehen auf Wanderschaft und bleiben zum Beispiel im Feriendomizil. «Oft werde ich gefragt, ob man die Bücher tatsächlich mitnehmen darf, ohne etwas zu bezahlen – die Leute sind fast etwas gehemmt, weil es gratis ist», erzählt Steiner.

Vandalensichere Bücherkiste

Den unermüdlichen Einsatz, den die drei Frauen für die Gemeinde erbringen, wissen offenbar nicht alle zu schätzen. Die Bücherkiste bei der Busstation Mettenhof musste beispielsweise schon mehrmals ersetzt werden. «Die erste war aus Plastik und wurde gestohlen, da haben wir eine Holzkiste im Boden verankert», erinnert sich Groux. «Diese wurde angezündet.»

Auch die nächste, eine stabile Metallkiste, war vor Vandalen nicht sicher. «An der Fasnacht zündete jemand einen Böller in der Kiste. Viele Bücher waren angekokelt.» Doch die drei hatten eine Idee: Sie überliessen dem diesjährigen Ehrenhexenmeister die Aufgabe, die Bücherkiste sicherer zu machen. Jetzt steht die Metallkiste auf Füssen und ist bequemer zu öffnen, den Deckel ziert ein Brettspiel. Bleibt zu hoffen, dass das kleine Kunstwerk nicht mehr beschädigt wird. Momentan steht sie noch im Gemeindehaus.

Trotzdem sind die drei Frauen, allesamt selbst fleissige Leseratten, immer noch Feuer und Flamme für ihr Projekt. Entstanden ist die Idee in der Arbeitsgruppe «energiegeladen», in der Groux mitmacht. Aber auch Leseförderung ist ein Ziel der Wanderbücherei. Steiner freut sich besonders, dass sie vor den letzten Sommerferien in der Schule Rudolfstetten eine Auswahl an Büchern vorbeibringen konnte: «Die Schülerinnen und Schüler durften sich Ferienlektüre mit nach Hause nehmen. Ich war überrascht, dass sie so viel Begeisterung für den Lesestoff zeigten – kein einziges Buch ist liegen geblieben.» Groux berichtet von einer Frau, die ihrer Mutter, die nicht mehr gut zu Fuss ist, immer wieder einen Stapel Bücher vorbeibringt. «Wenn sie damit durch ist, bringt sie sie zurück und holt neue.»

Antike Bücher in der Buchkiste

In den Bücherkisten sind auch echte Schätze aufgetaucht. «Eines Morgens fand ich eine 100-jährige Bibel. Die habe ich Peter Hägler für die Bibliothek des Klosters Muri gebracht», erzählt Groux. Die Chronik der Stadt Zürich übergab sie dem Stadtarchiv. Und eine besondere Freude konnte sie einer Kollegin mit irischen Wurzeln machen, als in der Bücherkiste eine Faksimileausgabe (eine exakte Nachbildung) des wohl berühmtesten irischen Buches «The Book of Kells» lag. «Es ist riesig und hat einen wunderschön dekorierten Umschlag», erinnert sich Groux.

Nebst der Lektüre haben die Frauen auch einen ganzen Ordner voller Lesezeichen gesammelt, die in den Büchern zum Vorschein kamen – Postkarten, Fotos von Katzen oder auch Widmungen und Glückwünsche. Nach Weihnachten ist der Zulauf an Büchern am grössten – «manche sind sogar noch in der Schutzfolie», flüstert Groux und hält dabei die Hand vor den Mund. Auch in der Zügelsaison sind viele Bücher in den Kisten zu finden.

Momentan wird die Wanderbücherei regelrecht von Büchern überschwemmt – manche geben die Frauen an ein Bücher-Brocki weiter, Mondo- oder Silva-Bücher sind in Alters- und Pflegheimen beliebt, einige wenige wandern in den Abfall. «Sehr spezifische Handwerkerbücher finden kaum Abnehmer. Vor kurzem bekamen wir das Buch ‹Wie man Gold aufträgt›», nennt Groux ein Beispiel. Auch schmuddelige Bücher werden entsorgt. «Die Leute möchten schöne, saubere Bücher», erklärt Steiner.