Wohlen

«Hätte die Landesverräter auch getötet»

Paul Meier beharrt darauf: «Auf Landesverrat stand im Krieg die Todesstrafe.»

Paul Meier beharrt darauf: «Auf Landesverrat stand im Krieg die Todesstrafe.»

Paul Meier, Aktivdienstsoldat im Zweiten Weltkrieg, erinnert sich an einen Spionagefall in seinem Umfeld.

Ein Drama spielte sich 1941 in Wohlen ab: Die Heerespolizei verhaftete W. Z. und J. F.*, zwei junge Fouriere, am Bahnhof unter dem Verdacht der Spionage. Das Divisionsgericht 8 verurteilte die beiden Landesverräter zum Tod. Sie wurden erschossen. Paul Meier (97), in Villmergen aufgewachsen und als gelernter Müller Aktivdienstsoldat bei den Versorgungstruppen, erinnert sich an den Fall.

Lebhafte Erinnerungen

Trotz seines hohen Alters sprüht Paul Meier vor Vitalität. Strammen Schrittes erscheint er, nur auf einen Rollator gestützt, im Alters- und Pflegezentrum Bifang zum Interviewtermin, zusammen mit seiner pflegebedürftigen Frau Rösli, mit der er seit über 70 Jahren verheiratet ist. Meier, Vater von fünf Kindern, siebenfacher Grossvater und zehnfacher Urgrossvater, war Soldat aus Überzeugung, stand und steht treu zur Schweiz und lehnte das nationalsozialistische Gedankengut, das sich auch in der Schweizer Armee manifestierte, energisch ab.

Seine Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg sind glasklar: «Den Fourier Z. hatte ich von Anfang auf der Latte. Ich war mit ihm 1937 zusammen in der Rekrutenschule. Er fiel mir sofort negativ auf, weil er sich für Hitler begeisterte. 1941, als Z. als Spion aufflog, tat er in der gleichen Versorgungskompanie wie ich Dienst.»

Spionageabwehr wurde aktiv

«Die Spionageabwehr schleuste Spezialisten ein, die die beiden Spione überführen konnten», erzählt Paul Meier. 1941 schlug die Falle zu: Z. und F. wurden auf dem Bahnhof Wohlen verhaftet. Sie wollten gerade nach Zürich in den Urlaub fahren. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit verurteilte das Divisionsgericht die Fouriere am 25. September 1942 zum Tod: Z. wegen Verletzung militärischer Geheimnisse und der Anstiftung dazu sowie wegen des Nachrichtendienstes gegen fremde Staaten, F. wegen wiederholter Verletzung militärischer Geheimnisse (Zeitungsnotiz im Liechtensteiner Volksblatt).

F. verriet Z. die an der kriegsmässigen Mobilmachungsübung beteiligten Divisionen und die in diesen Räumen liegenden Sprengobjekte an Strassen, Brücken und Bahnübergängen (zitiert aus «Spionage und Landesverrat in der Schweiz», Ringier-Verlag Zürich, 1977, von Karl Lüond). Z., kaufmännischer Angestellter aus begüterten Kreisen, verfügte über genügend Geld für allerlei Vergnügen und konnte F. für die Informationen mit einem Trinkgeld entschädigen.

F. wuchs bescheiden auf und hatte Schwierigkeiten, im Berufsleben Fuss zu fassen und war Z. auch deswegen wohl unterlegen. Z. stiftete F. zum Verrat an, so Lüönd, und gab die Unterlagen an seine Abnehmer weiter. F. arbeitete im Minenbüro des Armeekorps und hatte Zugang zu den Geheimakten.

Todesschützen ausgelost

Die Todesurteile findet Paul Meier auch heute noch richtig. Von Anfang an stand fest, dass die zum Tod verurteilten Landesverräter von den eigenen Dienstkameraden erschossen werden mussten. Davon versprach sich die Armeeführung eine Abschreckung. Meier erinnert sich, wie das Exekutionskommando ausgelost wurde: «Zwölf Lose wurden in einen Stahlhelm gelegt. Zwölf Kameraden stellten sich um den Helm. Wir warteten, wen das Los treffen sollte. Ich war nicht dabei. Ich zog ein Los mit einer Null darauf. Aber wenn ich den Schiessbefehl erhalten hätte, dann hätte ich meine Pflicht erfüllt. Befehl ist Befehl.»

Im Eigenthal hingerichtet

Später hörte Meier, dass die Fouriere am 11. November 1942 im Hergiswilerwald im Eigenthal bei Kriens erschossen wurden. Die zwölf Kameraden luden die Karabiner. In sechs der Waffen steckten scharfe, in den anderen nur Platzpatronen. Das machte man so, weil keiner der Soldaten wissen sollte, wer die beiden Spione tödlich getroffen hatte. Die Todeskandidaten konnten auf dem Erschiessungsplatz mit einem Pfarrer noch einige Worte wechseln. Dann knallten die Schüsse. Im Kugelhagel fiel zuerst F., dann Z., der nochmals seine Nazi-Gesinnung ausdrückte und vor seinem Tod ausgerufen haben soll: «Es lebe Hitler.» Ein Arzt und ein Offizier stellten fest, dass die Verräter tot waren. «Wenn nicht, hätte der Offizier mit einem Genickschuss nachgeholfen», berichtet Meier. Nach der Exekution wurde der Platz gesäubert. Man entsorgte sogar die Tannen, an denen die Verräter angebunden wurden. So wollte man die Spione aus dem Gedächtnis tilgen und der Gefahr entgehen, dass nationalsozialistische Sympathisanten später der Toten gedenken konnten. Die sterblichen Überreste wollte man den Angehörigen übergeben. Diese lehnten aber ab, die beiden Fouriere in ihren Heimatgemeinden bestatten zu lassen. Letztlich wurden sie auf einem Friedhof in Luzern beigesetzt, so Lüond.

17 Verräter hingerichtet

Im Zweiten Weltkrieg sprach die Militärjustiz 30 Todesurteile wegen Landesverrat aus. 17 Personen wurden hingerichtet – keine aus dem Aargau. Zwei Aargauer erhielten aber lebenslängliche Zuchthausstrafen, ein Mann aus Wohlen 18 Jahre Zuchthaus. Nach dem Krieg beurteilte man die Gefährlichkeit der zum Tode Verurteilten unterschiedlich. Nicht alle hätten sich gleich schuldig gemacht, schrieb der Strafrechtsprofessor Peter Noll in seinem Report. Aber keiner sei unschuldig gewesen. Karl Lüond meint, die Todesurteile hätten der öffentlichen Meinung von damals entsprochen – «und zwar von links bis rechts im politischen Spektrum». So habe sich auch der linke Politiker Walther Bringolf für die Todesstrafe für Landesverräter ausgesprochen. Paul Meier zückt sein Militärdienstbüchlein. Über 700 Aktivdiensttage im 2. WK, «etwas weniger als meine Dienstkameraden», räumt er ein. Das hat seinen Grund: Meier war im Krieg als Müller in der Mühle in Jonen angestellt und wurde auf höheren Befehl monatelang vom Dienst freigestellt, «weil die Mühle als wichtig für die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Tierfutter eingestuft wurde.» Der Joner Gemeindeammann Walter Fröhli spannte seinen Schulfreund Jakob Huber aus Jonen ein, damals geachteter Generalstabschef und zweiter Mann neben General Henri Guisan. «Jakob Huber hat meine Dispensgesuche immer bewilligt, auch wenn das meinem Hauptmann nicht passte.»


Vom Müller zum Berater

Meier wollte eigentlich die Mühle in Jonen kaufen, was aber nicht zustande kam, weil sich der Eigentümer und Meier nicht einig wurden. Deshalb trat er in die Dienste der Neumühle Kuhn in Wohlen. Später führte ihn der Weg zum Volg, nun als Tierfutterspezialist und Kundenberater von vielen Landwirten. Mit seinem Fachwissen fiel er auch dem Volg-Direktor Ernst Jaggi und dem ETH-Professor Erich Bickel auf. «Bickel lud mich einmal zu sich ins Büro ein und liess mich meine Ansichten über gesundes Tierfutter vortragen, die er gut fand. Er war erstaunt, dass ich «bloss» Müller gelernt und nicht studiert hatte.» Paul Meier liess sich 1947 in Wohlen nieder und blieb lange übers Pensionsalter berufstätig. Er geniesst seinen Ruhestand erst seit ein paar Jahren – aber in vollen Zügen. «Man weiss nie, wann es vorbei ist. Letztes Jahr lag ich todkrank mit einer Lungenentzündung im Bifang im Bett. Eine hervorragende Krankenschwester hat mich wieder gesundgepflegt. Ich bin ihr dankbar dafür», sagt er.

* Namen der Redaktion bekannt

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