Foodewaste-Serie (1)
Gute Lebensmittel enden als Biogas – Schuld sind die Konsumenten

Die Biogasanlage Recycling Energie AG in Nesselnbach produziert aus Lebensmittel- und Speiseresten jedes Jahr für 5000 Haushalte sauberen Ökostrom. Eine Nachfrage bei der Biogasanlage und beim Bauernverband zeigt: Schuld sind die Konsumenten

Cornelia Schlatter
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Tonnen voller Lebensmittel werden die in die Biogasanlage gebracht – wie hier Lachsschnittabfälle.

Tonnen voller Lebensmittel werden die in die Biogasanlage gebracht – wie hier Lachsschnittabfälle.

Toni Widmer
Gute Lebensmittel enden als Biogas

Gute Lebensmittel enden als Biogas

Toni Widmer

Jährlich werden in der Schweiz über 2 Mio. Tonnen Nahrungsmittel vernichtet – davon wären 60 000 Tonnen noch geniessbar. Strom aus guten Lebensmitteln: Das hinterlässt einen fahlen Nachgeschmack, Worte wie Lebensmittelverschwendung und Foodwaste kommen einem in den Sinn. Deswegen fragt die AZ Freiamt nach: Wie kommt es, dass täglich so viele einwandfreie Lebensmittel weggeworfen werden müssen? Was sind die Ursachen und Hintergründe? Und vor allem: Was kann man dagegen unternehmen?

Ralf Bucher, Geschäftsführer des Bauernverbands Aargau, erklärt: «Die Gründe für Überschüsse sind vielfältig. Zum einen sind die Witterungsverhältnisse entscheidend: Ist es lange trocken oder regnet es viel, scheint genug oft die Sonne? Manchmal passiert es auch, dass alles auf einmal reif ist und der Markt förmlich überschwemmt wird.» Bei Gemüse sei ein gewisser Verlust normal, es werde sogar damit kalkuliert. In einem schlechten Jahr, wo es wenig Gemüse auf dem Markt gibt, sind die Zwischenhändler und Grossisten viel toleranter, da würden Normen schon mal etwas strapaziert, in guten Erntejahren hingegen würden die Schrauben wieder angezogen und die Anforderungen an die Standards steigen.

Einkaufsliste schreiben Eine Einkaufsliste zu schreiben, hilft auch gegen Lebensmittelverschwendung. Vor dem Einkaufen sollte ein Blick in den Kühlschrank geworfen werden, um herauszufinden, was fehlt und was noch brauchbar ist. Wer saisongerecht einkauft, hilft der Umwelt. Extratipp: Vor dem Einkaufen etwas essen, damit vor lauter Hunger nicht zu viel eingekauft wird.
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Kühlschrank organisieren Die richtige Platzordnung im Kühlschrank hält Nahrungsmittel länger frisch. So sollten frischgekaufte Joghurts immer weiter hinten lagern, während die mit jüngerem Ablaufdatum weiter vorne Platz finden. Äpfel können gut auch im Kühlschrank aufbewahrt werden. Die Butter wird am besten in der Seitentür platziert. Was oft im Kühlschrank lagert, dort aber nicht hingehört: Tomaten (am besten im Küchenschrank oder in der Gemüseschale) und Gurken (im Keller oder im Küchenschrank).
Richtige Lagerung Brot gehört zu den Lebensmitteln, die in Privathaushalten am häufigsten im Abfall landen (nach Frischgemüse und Kartoffeln). Deshalb: Brot am besten in einem Brotkasten lagern und noch einen Apfel dazulegen; so bleibt es länger frisch. Brot kann zudem auch gut eingefroren und bei Bedarf ganz einfach wieder aufgebacken werden. Für Brot sind Äpfel zwar gut, nicht aber für andere Lebensmittel: Zum Beispiel faulen Bananen schneller, wenn sie neben Äpfeln liegen.
Resteverwertung Reste können ganz einfach wiederverwertet werden. Mit etwas Kreativität können leckere Rezepte gekocht werden. Oder man kauft sich das passende Kochbuch: «Restenlos glücklich». Ansonsten gibt es im Internet inzwischen unzählige Vorschläge wie Reste wiederverwertet werden können. Extratipp: Wer im Restaurant nicht alles aufisst, kann sich den Rest ganz einfach einpacken lassen und mit nach Hause nehmen.

Einkaufsliste schreiben Eine Einkaufsliste zu schreiben, hilft auch gegen Lebensmittelverschwendung. Vor dem Einkaufen sollte ein Blick in den Kühlschrank geworfen werden, um herauszufinden, was fehlt und was noch brauchbar ist. Wer saisongerecht einkauft, hilft der Umwelt. Extratipp: Vor dem Einkaufen etwas essen, damit vor lauter Hunger nicht zu viel eingekauft wird.

Claudio Thoma

Gerade Ware ist besser stapelbar

Wieso müssen Gurken und Karotten immer kerzengerade sein und dürfen bloss keine Eigenheiten aufweisen? Die Form hat doch mit Qualität und Geschmack nichts zu tun. Bucher erklärt das mit den Normen der Logistik: «Wenn Gurken und Karotten gerade sind, können sie besser in Kisten verpackt werden, ohne dass dabei unerwünschte Hohlräume entstehen. So passen viel grössere Mengen in eine Kiste, und diese sind besser stapelbar.» Kartoffeln müssen zum Beispiel für die Pommes-frites-Herstellung einen bestimmten Stärkegehalt aufweisen, für die Chips-Produktion dagegen eine Mindestgrösse. «Das Problem ist auch, dass viele Leute heute keinen Garten mehr haben und so keinen Bezug mehr zum Gemüse, das aus der Erde kommt. Sie meinen, ein Rüebli müsse ein gewisses Aussehen haben, sonst sei es nicht geniessbar.» Immer wieder werden Stimmen laut, die Zweitklasseware in den Läden fordern. Diese wird auch angeboten. «Allerdings muss dem Konsumenten bewusst sein, dass der geringere Preis, den er dafür erwartet, nicht etwa mit geringerer Qualität zu tun hat, sondern schlicht damit, dass der Bauer weniger Geld dafür bekommt.

Serie

In einer vierteiligen Serie zeigt die Aargauer Zeitung Freiamt noch vor Weihnachten, wie viele Lebensmittel täglich weggeworfen werden, was die Gründe dafür sind und wie jeder mithelfen kann, das zu vermeiden.

Alle anderen Kosten für Reinigung, Verpackung, Vertrieb und so weiter bleiben gleich, daran kann nicht gerüttelt werden.» So ist es verständlich, dass Zweitklasseware von Bauern weniger geschätzt wird, da sie weniger lukrativ ist.

Gegen Verschwendung daheim

Neben frischem Gemüse und Obst werden aber auch Speisereste aus Restaurants, Heimen, Spitälern und Personalkantinen in die Biogasanlage gebracht. Früher war es erlaubt, aus diesen Resten einen Futterbrei für die Schweinemast herzustellen, heutzutage ist das aus hygienischen Gründen verboten. Die Angst vor Keimen und Krankheiten im Fleisch ist zu gross. Was allerdings immer noch als Schweinefutter verwendet werden darf, sind Kartoffeln und Karotten.

Ralf Bucher betont aber vor allem eines: «Rund ein Drittel der Lebensmittel geht in den Haushalten verloren.» Das ist auch der Agrargenossenschaft Fenaco bewusst. Sie gibt Tipps, wie man im Haushalt vermeiden kann, dass zu viele Lebensmittel weggeworfen werden müssen. Es sind die eigentlich bestens bekannten Dinge: Nie hungrig einkaufen gehen, sich vorher überlegen, was man kochen will, und eine Liste machen, um unnötigen Zusatzkäufen vorzubeugen. Reste sollen gut gelagert und rasch aufgegessen werden. Weiter hilft richtiges Portionieren, und ab und zu könnte man etwas einfrieren, anstatt es wegzuwerfen.

Soziale Food-Projekte

Statt Lebensmittel wegzuwerfen oder in der Biogasanlage zu vernichten, verweist die Agrargenossenschaft Fenaco auf die Spendendatenbank Food Bridge. Allein 2015 hat die Fenaco rund 82 Tonnen Lebensmittel an Foodbridge gespendet. Diese werden an Institutionen wie die Schweizer Tafel, Tischlein deck dich, Gassenküchen oder die Caritas verteilt. Auch arbeitet die Fenaco mit Solo Mania zusammen. Dort werden überreife Früchte zu Trockenfrüchten weiterverarbeitet, eine echte Alternative zum Biogas. (csl)

Die Fenaco unterstützt soziale Food-Projekte (siehe Box oben) und arbeitet bereits in der Anbauplanung mit den Landwirtinnen und Landwirten zusammen. Ihr Ziel ist es, dass nur so viel angebaut wird, wie auf dem Markt Absatz findet. Alice Chalupny, Leiterin Unternehmenskommunikation der Fenaco-Genossenschaft, erklärt: «Wir stellen fest, dass die Sensibilität für das Thema Foodwaste seit einigen Jahren deutlich zugenommen hat. Langsam findet ein Umdenken statt, der Weg ist aber noch lang.» Die Fenaco tritt immer wieder mit Projekten und Ideen zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung an ihre Kunden. Zum Beispiel bieten sie flexible, kurzfristige Bestellmöglichkeiten. Ein gelungenes Beispiel ist auch das Spezial-Label Ünique von Coop, unter dem optisch «nicht ganz perfekte» Lebensmittel verkauft werden.

Es liegt an den Konsumenten

Am Ende ist die Verwertung in der Biogasanlage Recycling Energie AG in Nesselnbach, die aus Bioabfällen Energie gewinnt, immer noch die bessere Lösung, als die Abfälle einfach zu verbrennen. Sie stellt aus altem Frittieröl Biodiesel her, Biogas aus organischen Abfällen, Ökostrom aus Speiseresten, und selbst die übrig gebliebene Biomasse (Gärgülle) eignet sich als landwirtschaftliches Düngemittel.

Die Verantwortung liegt beim Endkonsumenten: Besteht er nicht darauf, bis fünf Minuten vor Ladenschluss die volle Auswahl zu haben, werden die Lebensmittel gut und kühl gelagert, kauft er mit bedacht und wohlüberlegt ein und verwertet er auch die Reste, die beim Kochen übrig bleiben, so wäre ein grosser Schritt in die richtige Richtung getan. Da sind sich Bauernverband, Fenaco und Recycling Energie AG einig.