Bremgarten
«Gülle»-Prozess: «Dass es stinkt, heisst nicht, dass es gefährlich ist»

Vor dem Bezirksgericht Bremgarten stand ein Mann, der gegen den Gewässerschutz verstossen haben sollte. Er hatte – wie mit einem Bauern abgemacht – ein altes Güllenloch gereinigt und Material an einem Ort deponiert, wo es drei Tage lang liegen blieb.

Dominic Kobelt
Drucken
Teilen
Der Angeklagte vereinbarte mit einem Bauern, das Material an einer geeigneten Stelle zu deponieren. Der Bauern sollte es abends mit dem Traktor auf dem Feld verteilen und in den Boden einarbeiten. (Symbolbild)

Der Angeklagte vereinbarte mit einem Bauern, das Material an einer geeigneten Stelle zu deponieren. Der Bauern sollte es abends mit dem Traktor auf dem Feld verteilen und in den Boden einarbeiten. (Symbolbild)

AZ

Drei Tage lang war Simon* mit der Leerung und Reinigung eines Güllenlochs beschäftigt. Er arbeitet bei einer Firma, die solche Arbeiten für viele Bauern erledigt – sicherlich schon über 100 habe er geleert, sagte er diese Woche vor dem Bezirksgericht. Besagtes Güllenloch ist schon seit Jahren nicht mehr in Betrieb.

Weil aber Regenwasser hereinläuft und sich Sand und Kies ansammelt, musste das stickstoffhaltige Material mit einem Schlauch herausgepumpt werden. Die Flüssigkeit verteilte Simon direkt auf dem Feld.

Die pastenähnlichen Reste, die sich jeweils am Tankboden ansammeln, kann er aber nicht durch den Schlauch herausspritzen. Wie üblich machte er mit dem Bauern ab, dass er dieses Material an einer geeigneten Stelle deponiert, und der Bauer es am Abend mit dem Traktor auf dem Feld verteilt und in den Boden einarbeitet.

Der Bauer hat diese Arbeit aber nicht gemacht. Am dritten Abend – es war Regen für den kommenden Tag angesagt – griff der kantonale Schadendienst ein und ordnete an, dass die Ablagerungen sofort verteilt und eingearbeitet werden müssen.

«Ohne die durchgeführte Sofortmassnahmen hätte mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Abschwemmung der wassergefährdenden Stoffe via Einlaufschächte oder über die Drainagen» in den nahen Bach stattgefunden, heisst es in der Anklageschrift. 2000 Franken Busse und eine bedingte Geldstrafe von 9600 Franken wären die Folge für Simon gewesen, hätte er nicht Einsprache erhoben.

Anerkennung statt Strafe

Für Simon war es unverständlich, warum er für seine Arbeit hätte bestraft werden sollen. «Das Material, das ich abgeladen habe, war unbedenklich», sagte er. Dies, weil seit Jahren nur noch Regenwasser in das Güllenloch laufe und es zwar durchaus stickstoffhaltige Rückstände habe, aber das Material eben nicht mit «richtiger» Gülle zu vergleichen sei. «Wir machen das seit 40 Jahren so. Dass es stinkt, heisst nicht, dass es gefährlich ist.»

Die Frage, ob überhaupt eine Gefährdung der Umwelt vorgelegen hat, blieb unbeantwortet. «Es ist schon naheliegend, dass man verhindert, dass dieses Material im Bachbett landet», sagte Gerichtspräsident Lukas Trost bei der Urteilsverkündung.

Für das Gericht war aber ein anderer Aspekt entscheidend: «Sie wollten ja, dass der Bauer das Material auf dem Feld verteilt, und genau das haben die Behörden schliesslich angeordnet», sagte Trost. «Stellt sich die Frage, ob Sie dafür verantwortlich sind, wenn sich der Bauer nicht an die Absprache hält. Ich finde, das ginge definitiv zu weit», begründete er den Freispruch. «Ich habe den Eindruck, sie sind jemand, der seinen Job gut und verantwortungsbewusst machen will, und dafür haben sie keine Strafe, sondern Anerkennung verdient.»

*Name von der Redaktion geändert.

Aktuelle Nachrichten