Bettwil
Grossrat Wolfgang Schibler zügelt: «Rücktritt wäre für mich ein Aufgeben»

Bettwils Gemeindeammann Wolfgang Schibler zieht nach Buchs, bleibt aber für das Freiamt im Grossen Rat. Im Interview verteidigt er diesen Entscheid.

Eddy Schambron
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Wolfgang Schibler, abtretender Gemeindeammann von Bettwil und Grossrat, bei der Schulanlage Bettwil. ES

Wolfgang Schibler, abtretender Gemeindeammann von Bettwil und Grossrat, bei der Schulanlage Bettwil. ES

Es sind bald die letzten Dokumente, die Gemeindeammann Wolfgang Schibler im Sitzungszimmer des Gemeinderates Bettwil unterschreibt. Ende September geht seine Amtszeit vorzeitig zu Ende, weil er nach Buchs zügelt. Am 28. September sitzt er aber noch im Wahlbüro, obwohl er an diesem Tag auch Geburtstag hat. «Ich erfülle meine Pflicht bis zuletzt», sagt er.

Nach Ihrer Pensionierung ziehen Sie nach Buchs, in eine urbanere Umgebung. Ist Bettwil kein guter Ort, um alt zu werden?

Bettwil ist im Kanton Aargau einer der schöneren und besseren Orte, um alt zu werden. Meine Frau und auch ich wünschten uns jedoch eine urbanere Wohnsituation für unsere gemeinsame Zukunft. Das ist der Hauptgrund, weshalb wir nach Buchs ziehen.

Trotzdem: Bescheidener öffentlicher Verkehr, wenig los im Dorf. Müssen sich Landgemeinden wie Bettwil angesichts der demografischen Entwicklung nicht die Frage stellen, ob sie für eine ältere Bevölkerung überhaupt tauglich sind?

Das ist der zweite Grund neben dem persönlichen, der mich sehr schnell überzeugt hat, in Buchs Wohnsitz zu nehmen. Wir sind in vier Minuten im Bahnhof Buchs, dann in zweieinhalb Minuten mit dem Zug im Bahnhof Aarau. Wir haben Busverbindungen. Mit einem Spaziergang durch den Park des Kantonsspitals Aarau sind wir wieder am Bahnhof. Das sind Vorzüge, die im Alter an Gewicht gewinnen. Das können Landgemeinden nicht bieten.

Und es ist mehr los in der Stadt.

Ja, eine Stadt lebt und pulsiert eher als ein Dorf. Kontaktmöglichkeiten in der Stadt sind zahlreicher als im Dorf. Kommt hinzu, dass ich von Aarau aus schnell in Olten bin, wo ich einerseits meine Wurzeln habe und andererseits mein Bruder ist, Geschäftsführer des Stadttheaters Olten. Wir haben jetzt dort ein Abonnement gelöst. Auch sind die Wege mit dem Zug nach Lenzburg, Zürich oder Basel kurz.

Wie sehen Sie die Zukunft der kleineren Landgemeinden?

Der Regionalplanungsverband nimmt sich ja bereits dieses Themas an. Aber die Gemeinden müssten verstärkt überlegen, was sie eigentlich anbieten wollen und können. Dazu müssen sie auch die Bevölkerung befragen. Die Betrachtung sollte im Verbund mit den Nachbargemeinden geschehen. In Bettwil haben wir das Thema in einer moderierten Klausur angesprochen. Wir tun nichts aktiv in Richtung Fusion, aber man muss sich sicher überlegen, ob und in welcher Form es Bettwil in Zukunft noch geben wird. Die Überlegungen dürfen auch über die Gemeindegrenze hinausgehen. Wie starr sind die Bezirksgrenzen? Oder im Fall von Bettwil sogar die Kantonsgrenzen. Die Gedanken seien erlaubt.

Bettwil ist national bekannt geworden durch seinen Widerstand gegen die geplante Asylunterkunft – ein Widerstand, der in seiner Art auch in Bettwil längst nicht allen gefallen hat. Man hatte nicht den Eindruck, dass Sie als Gemeindeammann de-eskalierend gewirkt hätten.

Ich habe jeweils Gespräche mit dem Komiteeführer manchmal bis tief in die Nacht hinein geführt, wo ich ihn darauf aufmerksam machte, dass sich da eine gefährliche Eigendynamik entwickelt, dass die Aktionen des Komitees Pro Bettwil nicht zu einem guten Image der Gemeinde führen. Wir als Gemeinderat haben uns im Hintergrund sehr wohl für eine Entschärfung der aufgeladenen Situation eingesetzt. Wo ich nicht dagegen gehalten habe, war an der unseligen Informationsveranstaltung am 24. November 2011 in der Mehrzweckhalle. Das war für uns alles neu, wir wurden von vorgefassten Meinungen regelrecht überfahren. Solidarisch erklärt habe ich mich gegen das unbedachte, unabgeklärte und arrogante Vorgehen des Departementes Gesundheit und Soziales unter Regierungsrätin Susanne Hochuli und gegen die Vielzahl von Asylsuchenden von zuerst 140, dann 80 und dann 40 Personen. Ich fühlte mich zornig, wie man mit einer Gemeinde umging. Angeheizt habe ich nichts. Ich war nicht einverstanden damit, dass man Wörter gegen eine Frau ausgesprochen hat, die man nicht ausspricht, und dass man mit Güllenfässern ihren Dienstwagen blockiert hat. Schräg reingekommen ist mir die Berichterstattung, wir hätten im Restaurant Bauernhof einen «Sieg» gefeiert. Tatsächlich haben wir nur gefeiert, dass am 11. Januar 2012 Regierungsrat Urs Hofmann anerkannte, dass unser Rechtsgutachten rechtens war. Wir haben nicht den Erfolg über Menschen, die in der Schweiz keine Bleibe haben, gefeiert.

Würden Sie heute etwas anders machen?

Ich würde heute frühzeitig vor die Medien treten und erklären, dass der Gemeinderat nicht hinter der Aktion der Güllenfässer und der Verunglimpfung von gewählten Personen steht. Diese Distanzierung hat gefehlt. Aber man muss auch sehen: Ich bin am 1. November als Ammann gewählt worden, am 3. November hat mir Frau Hochuli telefoniert, und dann hatte ich plötzlich Mikrofone vor der Nase, die Medien, kein Privatleben mehr. Das hatte ich noch nie erlebt. Dazu kam das Unbehagen davor, was spontan gemachte Äusserungen bewirken können.

Diejenigen, die am heftigsten gegen die Asylunterkunft angetreten sind, engagieren sich offenbar in der Gemeinde jetzt nicht mehr.

Sie haben sich auch vorher nicht besonders engagiert. Das Hauptproblem ist für sie offenbar gelöst.

Sie sind 2007 in den Gemeinderat gewählt worden, seit 2011 Gemeindeammann – was hat Ihnen in der Kommunalpolitik am besten gefallen?

Politik besteht aus Menschen. Es ist spannend, sich mit all den Themen, mit allen gesellschaftlichen und politischen Strömungen auseinanderzusetzen. Parteipolitik hat in dieser kleinen Gemeinde keinen Platz. SVP heisst ja auch «Schiblers vernünftige Politik». Wenn man in der Gemeinde politisiert, erfährt und erlebt man etwas, man spürt den Gesprächspartner und kann etwas bewirken.

Jetzt stehen in Bettwil Ergänzungswahlen an. Michel Greber soll Gemeindeammann werden, Monika Schibler neue Gemeinderätin. Ist sie verwandt mit Ihnen?

Wir sind dem nicht nachgegangen. Aber wenn ich die Bürgerorte anschaue – meiner ist Walterswil SO und ihrer ist Däniken SO –, so sind unsere Wurzeln wohl nicht wahnsinnig weit auseinander.

Und in Buchs, wird es da vielleicht einmal einen Gemeinderat Schibler geben?

Nein, sicher nicht. Ich werde in Buchs nicht mehr kommunalpolitisch tätig sein, schon vom Alter her nicht mehr. Wenn ich jünger wäre, sähe das anders aus. Dann könnte ich mir auch noch andere Ambitionen vorstellen.

Aber Sie bleiben Grossrat, obwohl es Leute gibt, die sagen, mit Ihrem Wegzug verliere das Freiamt einen Grossratssitz. Oder Sie würden verhindern, dass der erste SVP-Ersatz bei den nächsten Wahlen mit dem Bisherigen-Bonus antreten könnte.

Wir haben jetzt drei Sitze. Würde ich zurücktreten, würde Daniel Urech nachrutschen. Ob es aber bei den nächsten Wahlen wieder drei Sitze geben wird, kann man heute noch nicht sagen. Der Schibler wurde ja nur wegen der Auseinandersetzung um das Asylzentrum Bettwil gewählt. Ohne den hätte die SVP im Bezirk Muri wohl weiterhin zwei Sitze gehabt. Ich werde bis 2016 in der Bezirkspartei Muri bleiben, ich werde meine Aufgabe zwischen Milly Stöckli und Benjamin Brander erfüllen und ich werde an Veranstaltungen im Bezirk Muri weiterhin teilnehmen. Ich bin im Bezirk Muri nicht gewählt worden, um zurückzutreten, sondern um das Mandat zu Ende zu führen. Das werde ich auch tun, ob ich jetzt in Buchs wohne oder nicht.

Und danach?

Ich kann mir vorstellen, im Bezirk Aarau für den Grossen Rat zu kandidieren, wenn die Partei das will. Mir macht die Parlamentstätigkeit viel Spass.

Wenn Sie für eine Kandidatur als Nationalrat angefragt würden?

Bern wäre natürlich schon schaurig spannend. Aber ich würde absagen. Man muss realistisch sein: Mein Alter spricht gegen die Politik in Bundesbern, das sollen Jüngere machen.

Sie haben den Ruf als SVP-Hardliner erworben.

Logisch. Beim Widerstand gegen das Asylzentrum musste einer den Kopf hinhalten. Das war ich. Wenn Hardliner so definiert wird, dass er die Interessen der Bevölkerung, der Sache und des Gesetzes gegenüber Aarau und Bern vertritt, dann bin ich gerne einer. Wenn damit aber gemeint ist, dass ich Menschen, die auf der Flucht sind und um Asyl nachsuchen, nicht beschützen will, verwahre ich mich vehement dagegen. Vielleicht rührt der Ruf auch daher, dass ich unverblümt meine Meinung sage, übrigens auch wenn ich nicht die Parteimeinung teile.

Sie sind sehr direkt.

Vielleicht wäre ich mit 45 Jahren, ambitioniert nach Bern schielend, etwas diplomatischer, würde die Worte genauer abwägen. Jetzt zähle ich 65 Jahre, muss nichts mehr beweisen oder Rücksichten nehmen. Ich bleibe einfach anständig und konkret in meinen politischen Aussagen. Und wenn es mit der Politik vorbei sein sollte, habe ich auch noch andere Lebensinhalte.

Würden Sie, wenn Sie zurück könnten, früher mit der Politik beginnen?

Auf jeden Fall. Ich rufe deshalb die jungen Leute auf, neugierig zu sein, sich zu engagieren und sich einzubringen.

Sie sind mit dem Velo von Genf nach Barcelona gefahren und von dort nach Bordeaux und haben dabei zahlreiche hohe Pässe überquert. Wieso tun Sie sich das an?

Ich bin ein harter Hund. Ich fuhr schon immer Velo, bin ein Gümmeler, aber einer, der auf die Berge muss. Flach fahren kann jeder. Ich muss die französischen Alpen haben, die Pyrenäen, und das habe ich mir zum 65. Geburtstag geschenkt, zusammen mit einem Kollegen. Ich wollte sehen, wo die Grenzen sind. Wenn man dann am Ziel ankommt, ist man stolz. Es braucht eben ein gewisses Durchstehvermögen. Aufgeben ist nicht mein Ding. Deshalb zurück zur Frage nach dem Grossratsmandat: Der Rücktritt wäre für mich ein Aufgeben.