So viel ist sicher: Es werden Tränen fliessen am Samstag. Abschiedstränen bei Familie Bollinger und Freudentränen bei den Glücklichen, die bei einem besonders begehrten Stück den Zuschlag erhalten.

Der ganze Geräte- und Fahrzeugpark von Bollinger Gemüsebau gelangt ab 9 Uhr unter den Hammer. Türöffnung und Besichtigung der Steigerungsobjekte ist um 8 Uhr. «Wenn es dann losgeht, wird es sicher schon schwer werden für mich», sagt Firmeninhaber Matthias Bollinger, der den 21-Hektaren-Betrieb 1994 zusammen mit seinem Bruder vom Vater übernommen und ab 2007 dann im Alleingang weitergeführt hat.

Das Tröstliche für den eidgenössisch diplomierten Gemüsegärtnermeister ist, dass er nicht verkaufen muss, sondern dass er verkaufen will. «Ich habe immer noch Freude an meiner Arbeit», bestätigt Bollinger, «darum habe ich auch so lange weitergemacht.»

Seine Frau habe ihm in den letzten Jahren immer wieder gesagt: «Hör doch auf!» Denn als Hauptgründe nennt er seine angeschlagene Gesundheit und die schwierige Marktlage in seiner Branche. Aber erst habe er eine gute Lösung finden wollen.

Gefunden hat er diese in der Anfrage seines Nachbarn, der auf der Suche nach geeignetem Pachtland war. Bollinger hat ihm 18 Hektaren seines Landes verpachtet «und Maschinen für die Bearbeitung braucht er ja auch noch».

Schrebergärtner mit Traktor

Einen kleinen Teil seiner fruchtbaren Äcker behält Bollinger aber, um für zwei, drei treue Kunden ganz spezielle Gemüse anzubauen. Couves, eine portugiesische Kohlart, ist eines davon. Dieser Kohl wird in Portugal ausschliesslich an Festtagen zubereitet.

Auch Bollingers auffallend aromatische und süsse Karotten gedeihen im sandigen Reussboden besonders gut. «Alle Gemüse, die in die Erde wachsen, kommen auf unserem Boden gut; zum Beispiel Rüebli, Sellerie oder Rettich», erklärt der 54-Jährige, der sich schon sehr auf sein neues Leben als «grösserer Schrebergärtner mit Traktor» freut, wie er augenzwinkernd hinzufügt.

Sein Lieblingstraktor, ein Bührer GP21, Jahrgang ’72, soll darum auch nicht versteigert werden. Für Bollinger und seine ganze Familie ist es schon schlimm genug, dass sie sich von ihrem Scania 143 M trennen müssen. Diese liebevoll gepflegte 500-PS-Maschine wurde im selben Jahr produziert, in dem Bollinger mit seinem Bruder den elterlichen Betrieb übernommen hat.

In diesem Truck, der damals als wahres Luxusgefährt mit allen erdenklichen Extras heiss begehrt war, steckt ebenso viel Geschichte wie in den übrigen 100 Objekten, die am Samstag vom famosen Gantrufer Bruno Furrer aus Mosen angepriesen werden.

Was die Gant einbringen wird, wagt Bollinger nicht abzuschätzen: «Ich habe keine Ahnung, obs läuft. Aber der Gantrufer hat sich alles genau angeschaut und meinte, das lasse sich sehr gut verkaufen.» Ausserdem sorgt Familie Bollinger dafür, dass sich die Gantbesucher auf ihrem Hof in jeder Hinsicht wohl und willkommen fühlen.

Glühwein, Punsch, Wein, lokales Bier und saurer Most sollen die Bieterlaune heben; dazu kann man Raclette, Würste vom Grill oder eine Gourmet-Rüeblisuppe geniessen. «Die macht ein Freund von uns», erklärt Bollinger, «nach einem original Armeerezept – allerdings getunt.»

Das vielsagende Lächeln hinter dieser Aussage lässt vermuten, dass einen diese Suppe nicht nur allein durch ihre Serviertemperatur wärmt. Dazu wird Musik gespielt und für alle Skifans läuft das Lauberhornrennen auf Grossleinwand.

Gebäude werden umgenutzt

Nach der Versteigerung beginnt für Matthias und Vroni Bollinger ein neuer Lebensabschnitt. «Vom Gemüseproduzenten zum Vermieter», betitelt er das neue Kapitel. Die Umnutzungsbewilligung für die verschiedenen Gebäude auf seinem Grundstück hat er bereits erhalten. Er wird sie in Zukunft ausmieten als Einstell- und Gewerberäume.

Die vier Kinder von Bollingers sind alle erwachsen und gehen ihren eigenen Berufen nach. Obwohl alle im Betrieb mitgeholfen haben und eng mit der Familie verbunden sind, wollte keines die Firma übernehmen. «Sie kennen die schönen Seiten dieses Berufs», sagt Vroni Bollinger, «aber sie wissen auch alle, wie viel Arbeit das bedeutet und dass es sehr schwer ist, auf einen grünen Zweig zu kommen damit.» Nicht zuletzt deswegen sind Bollingers froh, dass sie nach diesem Samstag einen Gang zurückschalten dürfen. Allfällige Abschiedstränen inklusive.