Bezirksgericht Bremgarten
Gestohlenes Geld per Post nach Moskau: Aargauer Hausfrau wegen Geldwäscherei verurteilt

Es ist ein skurriler Fall, mit dem sich das Bezirksgericht Bremgarten befassen musste. Der Beschuldigten – einer gepflegten Italienerin Anfang 40, zweifacher Mutter – wird vorgeworfen, eine schwere Straftat begangen zu haben.

Stefania Telesca
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Blick auf das Bremgarter Rathaus, in dem auch das Bezirksgericht untergebracht ist. (Archivbild)

Blick auf das Bremgarter Rathaus, in dem auch das Bezirksgericht untergebracht ist. (Archivbild)

Screenshot SRF

Gerichtspräsident Peter Thurnherr hörte der Beschuldigten aufmerksam zu, als diese ihre schier unglaubliche Geschichte erzählte:

Nach der Trennung von ihrem Mann war sie im Frühling 2020 auf der Suche nach einem Job. Seit 18 Jahren hatte die Hausfrau und gelernte Lebensmittelverkäuferin nicht mehr gearbeitet. Auf einem Internetjobportal fand sie eine Anstellung in Heimarbeit bei einer vermeintlichen Immobilienfirma. Den Vertrag bekam sie zugeschickt. Ihre Aufgaben: Immobilienunterlagen ausdrucken, Broschüren verpacken und verschicken. Lohn für 12 Stunden Arbeit pro Woche: 2400 Franken. Rechnet man dies auf eine 100-Prozent-Anstellung mit einer 42-Stunden-Woche hoch, so ergibt dies einen Lohn von 8000 Franken. «Mich erstaunt der hohe Lohn, den man Ihnen angeboten hat», kommentierte der Gerichtspräsident.

Laut Anklage hätte die Frau merken müssen, dass mit diesem Unternehmen etwas nicht stimmen konnte. Spätestens dann, als sie ihre erste und auch letzte Amtshandlung für die vermeintliche Immobilienfirma durchführen musste. Der Beschuldigten wurde ein Betrag von 8800 Franken auf ihr Privatkonto überwiesen. Geld, das eine unbekannte Täterschaft im Vorfeld mittels Phishing vom Konto eines unbeteiligten anderen Geschädigten betrügerisch abgezapft hatte.

Sie bekam die Anweisung, auf der Post zu lügen

Die Frau wurde zum sogenannten Moneymule, einem Geldesel. Ein Vorgehen, das Cyberkriminelle oft verwenden. In einer E-Mail informierte sie der vermeintliche Arbeitgeber genauestens darüber, wie sie vorzugehen hatte: «Man sagte mir, dass ich das Geld in ein Couvert legen musste, und zwar so, dass die Geldscheine nicht sichtbar sind, auch wenn man das Couvert gegen das Licht hält», sagte die Frau zum Richter. Weiter wies man sie an, auf der Post zu lügen und anzugeben, dass sich der Wert des Paketinhalts auf 15 Franken belaufe.

«Kam Ihnen das nicht spanisch vor?», wollte der Richter wissen. Sie habe sich nichts dabei gedacht, antwortete sie und wischte sich Tränen ab. Privat habe sie viele andere Sorgen gehabt. Ausserdem sei sie aufgrund der Trennung gezwungen gewesen, einen Job zu finden. Sogar das Wort Notlage fiel während der Verteidigung.

Da zog Gerichtspräsident Peter Thurnherr die Unterlagen hervor, auf denen die Unterhaltsbeiträge aufgrund der Trennung gerichtlich festgelegt worden waren. Bis Februar 2020 bekam die Frau von ihrem Noch-Ehemann monatliche Unterhaltszahlungen von 9250 Franken, ab März 2020 dann noch monatlich 7750 Franken. Beiträge für die Kinder noch nicht eingeschlossen. «So richtig finanziell am Anschlag dünkt mich die Situation nicht», sagte der Richter. «Da wären Sie nicht auf diesen merkwürdigen Job angewiesen gewesen.»

Fehlendes Know-how reichte als Argument nicht

Die Verteidigerin versuchte zu argumentieren, ihre Mandantin habe aufgrund fehlender Erfahrung auf dem Arbeitsmarkt nicht erkennen können, dass es sich um deliktisch erwirtschaftetes Geld handeln musste.

Der Gerichtspräsident folgte ihrer Argumentation nicht und sprach die 43-Jährige schuldig wegen Geldwäscherei. «Auch wenn Sie jahrelang im Haushalt gearbeitet und sich um die Kinder gekümmert haben, muss man trotzdem davon ausgehen, dass Sie auf diesem Planeten wohnen», sagte er. Der überdotierte Vertrag, der Auftrag, Bargeld zu verstecken und nach Russland zu schicken. «Sie hätten realisieren müssen, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging.»

Die Beschuldigte wurde zu einer bedingten Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 190 Franken, total 7600 Franken verurteilt mit Probezeit von zwei Jahren.

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