Nur alle zwei Jahre findet sie statt und — bisher jedenfalls — auch jeweils nur ein einziges Mal: die szenische Stadtführung in Bremgarten. Schon gegen 20 Inszenierungen dieser Art haben die Stadtführer von Bremgarten in den vergangenen Jahren aufs Kopfsteinpflaster gebracht. «Das lässt sich nicht mehr so genau eruieren», erklärt Reto Jäger, der Vorsteher der Stadtführergruppe, «weil diese szenischen Führungen sich einfach so nach und nach aus den öffentlichen Führungen heraus entwickelt haben.» Allerdings wurde aus dem anfänglichen Geheimtipp schon bald ein echter Publikumsmagnet. Bei der Durchführung vom Donnerstagabend promenierten, nach Schätzung der Veranstalter, zwischen 700 und 800 Zuschauer in vier Gruppen durch die Gassen der Bremgarter Oberstadt; fast doppelt so viele wie vor zwei Jahren.   

Unter dem Titel «Aufruhr und eine kluge Frau» konnten die Besucher des szenischen Rundgangs vier historische Wendepunkte aus drei Jahrhunderten Stadt- und Freiamtgeschichte miterleben. Der älteste ereignete sich vor genau 500 Jahren, als der aufmüpfige Stadtpfarrer Heinrich Bullinger dem päpstlichen Ablassprediger Bernhardin Sanson den Auftritt in der Stadtkirche verwehrte. Geschickt verwoben die Akteure dabei den Ablasshandel von damals mit demjenigen von heute, bei dem man sich durch den Erwerb von Klimazertifikaten vermeintlich reinwaschen kann.   

Mutige Pionierin

Im Jahr 1841 erschütterte der Aargauer Klosterstreit auch die liberal regierte, aber dennoch katholische Stadt Bremgarten, wo die Verhaftung aufständischer Konservativer beinahe einen Bürgerkrieg auslöste. Aus dem aufgehobenen Kapuzinerkloster wurde in der Folge ein Heim für geistig behinderte Kinder, aus dem dann die heute bekannte St. Josef-Stiftung Bremgarten hervorging. Auch bei dieser Geschichte sparten die Drehbuchschreiber nicht an feinen Ironiepfeilen, die sie quasi aus dem 19. Jahrhundert gleichsam in Richtung Gegenwart abschossen.   

Wer hätte gedacht, dass der bekannte Schuhgrosshändler namens Dosenbach seinen Ursprung in einem kleinen Sattlereigeschäft an der Bremgarter Marktgasse hat? Wagemutig und mit ausgeprägtem Geschäftssinn hat Franziska Dosenbach aus dem 1865 gegründeten Schuhgeschäft ein eigenes Imperium aufgebaut, in einer Zeit, in der Frauen wohl als Arbeiterinnen, Hausfrauen und Mütter, aber nicht in wirtschaftlichen Führungspositionen geduldet waren. In wenigen Tagen beginnt die Renovation des Hauses. Die Stadtführertruppe hat die Gunst der Stunde genutzt und hat den Geist der Gründerzeit noch einmal aufleben lassen in den Schaufenstern und bis auf die Marktgasse hinaus.

Die letzte Station führte auf den Schellenhausplatz, wo die 1. Augustfeier 1914 nachgespielt wurde, mit Turnern, Alphornbläsern und der abrupt unterbrochenen Ansprache infolge Generalmobilmachung. Die Bremgarterinnen reagierten damals mit Hamsterkäufen auf dem Markt, was nahtlos überging in den Apéro, der dem Publikum von den gut 50 Akteuren des Spektakels im Anschluss kredenzt wurde.