Mutschellen
Geschasster Mutscheller Pfarrer: «Ich muss mir bei Verwandten Geld leihen»

Jetzt spricht der 53-jährige Pfarrer, der wegen einer Affäre mit einer Frau, die er seelsorgerisch betreut hatte, entlassen worden war. Er sagt, seine berufliche und finanzielle Situation sei schwierig. Eine feste Stelle hat er nicht in Aussicht.

Lukas Schumacher
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Der Mutscheller Pfarrer (links) anlässlich eines Aufenthalts 2006 als Friedensbeobachter im Grenzgebiet Palästina/Israel

Der Mutscheller Pfarrer (links) anlässlich eines Aufenthalts 2006 als Friedensbeobachter im Grenzgebiet Palästina/Israel

sl

Für den freigestellten Mutscheller Pfarrer schien die Rückkehr in den Kirchendienst bloss Formsache. In Widen beruhigten die Kirchenbehörden besorgte Pfarreiangehörige. Mühelos werde der 53-jährige Pfarrer eine neue Stelle in einer anderen Kirchgemeinde finden.

Der Kirchenrat der reformierten Landeskirche Aargau hatte den Pfarrer entlassen wegen einer Affäre mit einer erwachsenen Frau, die er seelsorgerisch betreute. Die Konsequenzen: Der Pfarrer darf nicht mehr in den 14 reformierten Kirchgemeinden des Dekanats Lenzburg arbeiten, er muss seinen Beruf ausserhalb des Dekanats ausüben.

«Habe keine Stelle in Aussicht»

Im Gegensatz zur Einschätzung der Kirchenbehörden sieht die berufliche Zukunft des verheirateten Mutscheller Pfarrers wenig rosig aus. Dass ihm die Pfarreiangehörigen, die Kirchenpflege und die Kirchenbehörde trotz des Fehltritts ein sehr gutes Zeugnis für sein 14-jähriges Wirken in der Kirchgemeinde Bremgarten-Mutschellen bescheinigen, scheint wenig hilfreich. «Ich habe derzeit keine feste neue Stelle in Aussicht», sagt der Pfarrer. Zudem erhielt er Absagen auf zwei Bewerbungen für Stellvertretungen. «Einer der beiden ablehnenden Entscheide», erläutert der Pfarrer, «jener aus Interlaken, wurde klipp und klar mit dem Hinweis auf meinen in den elektronischen Medien verbreiteten Fall begründet.»

Der Kirchenrat hatte am 22. August eine Medienorientierung zum Disziplinarverfahren gegen den Mutscheller Pfarrer veranstaltet und dabei die harte Massnahme, die Entlassung aus dem Kirchendienst, zu erläutern versucht. «In elektronischen Medien ist es danach teils zu Fehldeutungen gekommen. Dies ist bei der Stellensuche ein Handicap.»

«Muss mir Geld borgen»

Nicht nur die berufliche, auch die finanzielle Situation des Mutscheller Pfarrers ist schwierig. «Ich habe keine Reserven oder Rücklagen, ich muss drei studierende Kinder mitfinanzieren», sagt der Pfarrer. Immerhin habe der Älteste, der 28-Jährige, sein Studium kürzlich abgeschlossen. Um die Unterhalts- und Lebenskosten der nächsten Monate zu decken, werde er sich aber «Geld bei Verwandten leihen müssen. Anders geht es leider nicht».

Vorläufig erhält der Pfarrer kein Arbeitslosengeld. Ab wann er Gelder aus der Arbeitslosenkasse beziehen kann, ist wegen den speziellen Umständen seines Jobverlusts ungewiss. Zurzeit besucht der Pfarrer einen Kaderkurs für Stellenlose in Aarau. Vermutlich werde er umsatteln, sich beruflich neu orientieren müssen, «denn der kirchliche Weg ist für mich sehr steil geworden».

«Unverständliche Ausschlachtung»

Er bedauere den einstigen Vorfall sehr und respektiere auch den Vorwurf «Schwere Amtspflichtverletzung» durch den Kirchenrat als zuständiger Disziplinarbehörde, sagt der Pfarrer. «Unverständlich und unverhältnismässig dagegen ist für mich die öffentlich ausgeschlachtete Entlassung.» Wird der Mutscheller Pfarrer den Rechtsweg beschreiten? «Das ist offen. Ich muss mich innert 14 Tagen entscheiden, so lange läuft die Rekursfrist noch.»

Groll gegen den Kirchenratspräsidenten Christian Weber-Berg hegt der Pfarrer nicht: «Das Verfahren gegen mich wurde noch unter dem Vorsitz von Ratspräsidentin Claudia Bendixen im Juni abgeschlossen. Ihr Nachfolger Christian Weber-Berg musste die getroffene Massnahme dann mitteilen, begründen und einleiten.» Mit Weber-Berg habe er kürzlich ein sehr offenes, konstruktives Gespräch führen dürfen. Dafür sei er dankbar. «Grossen Dank schulde ich auch meiner Ehefrau. Sie ist mir eine starke Stütze in dieser auch für sie turbulenten Zeit.»