Sie blühen in leuchtendem Gelb. Dieses Jahr wachsen sie besonders üppig, die prächtigen Blumen auf dem Grünstreifen zwischen Bahnlinie und Bach. Doch der Schein trügt: So schön sich das Jakobskreuzkraut in seiner herrlichen Blütenpracht zeigt, so giftig ist diese Pflanze.
Die AZ ist mit Othmar Berger unterwegs an einem Feldrand in der Nähe des Bahndamms in Boswil. Der Leiter des Bauamts zieht am langen Stiel eines Jakobskreuzkrauts und löst es aus dem Boden. «Es lässt sich relativ einfach ausreissen. Meistens mitsamt der Wurzel. Das ist sehr wichtig, denn auf diese Weise kann die Verbreitung des Krauts eingedämmt werden.» Er hat noch einen wesentlichen Hinweis: «Wer Jakobskreuzkräuter ausgerissen hat, muss sie zwingend in den Kehricht geben und darf sie auf gar keinen Fall kompostieren.»

Beim Jakobskreuzkraut handelt es sich um ein einheimisches Gewächs und nicht um einen Neophyten. Die Pflanze wurde also nicht aus dem Ausland eingeschleppt, sondern sie hat sich in den letzten Jahren, bedingt durch die extensive Bewirtschaftung von Strassenrändern und Weiden, in verschiedenen Regionen stark ausgebreitet. Als extensive Landnutzung gilt die Bewirtschaftung von Böden mit geringem Eingriff in den Naturhaushalt und unter Belassung der vegetativen Standortfaktoren; es überwiegt die natürliche Entwicklung. Das Jakobskreuzkraut ist ein sehr anpassungsfähiges Gewächs, es kann sich auch in intensiv bewirtschafteten Kulturen rasch ausbreiten und so die einheimischen Pflanzen verdrängen oder beim Futterverzehr zu Vergiftungen bei Weidetieren (Vieh und Pferden) führen.

In jedem Stadium giftig

Was es zu beachten gilt: Alle Pflanzenteile in jedem Wachstumsstadium sind giftig, bedingt durch einen hohen Gehalt an Alkaloiden. Das wiederum sind natürlich vorkommende, chemisch heterogene, meist alkalische, stickstoffhaltige organische Verbindungen des Sekundärstoffwechsels, die auf den tierischen Organismus wirken. Die Pflanzen werden in grünem Zustand von den Tieren gemieden, da sie einen starken Bitterstoff aufweisen. Junge Pflanzen hingegen enthalten weniger Bitterstoff und werden somit eher gefressen. Den höchsten Alkaloid-Gehalt weisen die Blüten auf. Bei der Futterkonservierung, zum Beispiel im Heu, in der Silage oder im Emd, wird der Bitterstoff zwar abgebaut, nicht aber die giftigen Alkaloide, die in den schlimmsten Fällen bei Tieren zum Tod führen können.

Die Alkaloide verursachen bei den vergifteten Tieren unter anderem Magen-Darm-Beschwerden, Krämpfe und oftmals irreversible Leberschädigungen. Aber wie geht man in der Landwirtschaft mit dem Jakobskreuzkraut um? Die AZ erkundigte sich bei Samuel Ineichen vom Sentenhof in Boswil, dem grössten privaten Bauerngut der Schweiz: «Wo wir die Pflanzen sehen, reissen wir sie sofort aus. Das ist vor allem an Feld- und Wegrändern der Fall. In der normalen Fruchtfolge dringt diese Pflanze eher weniger in Weideflächen ein. Generell ist zu sagen, dass das Jakobskreuzkraut auf unserem Land noch nicht üppig wächst. Dennoch sind wir wachsam und beseitigen die vorhandenen Pflanzen rigoros.» Das giftige Kraut kann aber durchaus einmal ins Viehfutter gelangen. Die AZ wollte wissen, ob es bei den Kühen auf dem Sentenhof schon einmal Vergiftungen durch das Jakobskreuzkraut gab. «Zum Glück ist das noch nie passiert. Auch von anderen Betrieben ist uns nichts derartiges bekannt», erklärte Ineichen.

SBB: Unterhaltsbudget zu gering

Einerseits ist es die Landwirtschaft, die das Jakobskreuzkraut, so gut es eben geht, in Schach hält. Auf der anderen Seite sind aber auch die Gemeinden aktiv. So hat zum Beispiel das Bauamt Boswil an vielen Orten im Gemeindebann das Jakobskreuzkraut beseitigt. Entlang der Bahnlinie ist das jedoch Sache der SBB. Die Schweizerischen Bundesbahnen wurden vom Gemeinderat Boswil mittels Schreiben auf die Problematik hingewiesen und ersucht, die Bekämpfung des Krauts an die Hand zu nehmen. «Doch uns wurde beschieden, das Unterhaltsbudget sei gering und die Bahn könne sich nicht um die Bekämpfung des Jakobskreuzkrauts kümmern. Wir sind schon ein wenig enttäuscht über diese Haltung der SBB», hielt Gemeindeschreiber Daniel Wicki gegenüber der AZ fest. Der Gemeinderat werde nächstens entscheiden, ob das Bauamt auch noch die entlang der Bahnböschung wachsenden Kräuter entfernen soll.

«Grundsätzlich kann die Verbreitung des Jakobskreuzkrauts verhindert werden, indem die Pflanzen in den Monaten Juni/Juli bis August entlang von Wegrändern und auf den Weiden ausgerissen und vernichtet werden», bestätigte Thomas Hufschmid vom Pflanzenschutzdienst des Landwirtschaftlichen Zentrums Liebegg, Gränichen, im Gespräch mit der AZ. «Die Problematik bei dieser Pflanze ist ihre totale Giftigkeit während des gesamten Wachstumszustandes. Die Bitterstoffe verschwinden zwar nach der Konservierung des Futtergrases, aber die giftigen Alkaloide bleiben erhalten und somit gefährlich für die Tiere.» Es gebe bezüglich des Jakobskreuzkrautes verschiedene Ansichten, so Hufschmid: «Die Bauern wollen die Pflanze nicht, viele Leute wiederum finden sie schön.» Dennoch empfiehlt der Pflanzenschutzdienst der Liebegg, das Jakobskreuzkraut vor dem Mähen der Wiesen auszureissen, einzusammeln und mit dem Kehricht zu entsorgen, damit es sich nicht weiter verbreitet.