Wohlen

Geissmann entschuldigt sich für Judas-Beleidigung

Thomas Geissmann

Thomas Geissmann

FDP-Fraktionspräsident Thomas Geissmann beschimpfte frisch vereidigten Einwohnerrat Oliver Degischer als «Judas». Geissmann bereut die verbale Attacke im Einwohnerrat. Er sei zu weit gegangen, sagt er.

«Charakterlosigkeit» und «masslose Selbstüberschätzung» hat FDP-Fraktionspräsident Thomas Geissmann an der Sitzung vom Montag dem frisch vereidigten Einwohnerrat Oliver Degischer (parteilos) vorgeworfen. Ausserdem sei Degischers Wahlannahme «moralisch verwerflich» und ein «verachtungswürdiges Verhalten».

Doch der Höhepunkt der Tirade folgte erst noch. Grund dafür war Degischers Vereidigung als Ratsmitglied. Er war noch FDP-Mitglied, als er in den Einwohnerrat gewählt wurde. Weil er den Sitz nach seinem Partei-Austritt im April nicht der FDP überlassen wollte, beschimpfte ihn Geissmann als Verräter. «Dieser Sitz gehört der FDP», so Geissmann.

Doch erst beim Schlusssatz seiner Rede blieb den Einwohnerräten und Zuschauern der Mund endgültig offen stehen. «Judas hatte wenigstens den Anstand, nach seinem Verrat freiwillig aus dem Leben zu scheiden», so die Worte Geissmanns. «So weit wollen wir nicht gehen, der Austritt reicht uns.»

FDP-Präsident: «unverständlich»

Bei dieser Äusserung rief Einwohnerratspräsident Arsène Perroud ihn zur Vernunft und wies ihn anschliessend unter vier Augen zurecht. Gestern folgte laut Geissmann eine kurze Aussprache zwischen ihm und Perroud.

Auch Konrad Gfeller, Präsident der FDP Wohlen, konnte die verbale Attacke nicht verstehen. «Es war uns wichtig, dass wir gegenüber dem Verhalten von Oliver Degischer unsere Meinung klar zum Ausdruck bringen», sagte er auf Anfrage. «Aber mit Anstand. Die Art und Weise dieser Rede kann ich nicht goutieren.» Allerdings kenne er Thomas Geissmann sonst überhaupt nicht von dieser Seite. «Es ist mir unverständlich, was ihn dazu bewogen hat, so etwas zu sagen. Ich werde mich mit ihm noch zusammensetzen und die Sache besprechen.» Für die Partei sei das sicher nicht gut, aber «gesagt ist gesagt», so Gfeller.

Schriftliche Entschuldigung

Auch Thomas Geissmann hat seinen Fauxpas unterdessen eingesehen. «Beim letzten Teil meiner Rede bin ich zu weit gegangen und habe gewisse Gefühle verletzt», gab er gestern gegenüber der az Aargauer Zeitung zu. Auf die Frage, weshalb er diese Worte überhaupt gewählt habe, sagte er: «Ich habe wohl im Affekt gehandelt und zu wenig nachgedacht. Aber ich bin auch nur ein Mensch und Fehler passieren.»

Um diesen Fehler zu bereinigen, verfasste er ein Entschuldigungsschreiben, indem er gegenüber Degischer betont: «An der letzten Einwohnerratssitzung verglich ich dich - wenn auch indirekt - mit einem Judas. Es ist mir bewusst, dass ich mit dieser Äusserung zu weit gegangen bin. Es tut mir leid, wenn ich damit deine Gefühle verletzt habe. Mit diesem Schreiben bitte ich dich dafür um Entschuldigung.» Er hoffe, Degischer könne ihm die «hoch gegangenen Emotionen» nachsehen und ihm «diesen Fehltritt verzeihen», heisst es im Brief weiter. Geissmann unterzeichnete das Schreiben «mit versöhnlichen Grüssen».

«Nehme es zur Kenntnis»

Oliver Degischer selbst wollte am Montag nicht auf die Beschimpfungen eingehen und «reagierte souverän», wie FDP-Präsident Gfeller äusserte. Gestern gab er sich gelassen: «Jeder spricht für sich selbst und jeder Anwesende konnte sich seine Meinung bilden. Ich will mich nicht auf ein solches Niveau begeben.»

Die Entschuldigung nimmt er zur Kenntnis. «Aber die Sache mit Judas war nur die Krönung. Thomas Geissmann hat sich nur dafür entschuldigt, die restlichen Beleidigungen in seiner Rede nimmt er nicht zurück», so Degischer. Tatsächlich bestätigt Geissmann: «Zu meinen anderen Aussagen stehe ich.»

«Wenn das wirklich die Meinung der Fraktion ist, degradiert Geissmann sich und die Partei selbst», stellt der Parteilose fest. «So zerschlägt man mehr Geschirr, als wenn man sich fragen würde, warum ein bürgerlicher Politiker aus der FDP austritt. Es braucht viel Leim, um den Scherbenhaufen wieder zu flicken.» Aber der Einwohnerrat bestehe aus 40 Mitgliedern. «Als Parteiloser muss ich nicht mit der FDP zusammenarbeiten, es gibt genügend Ratsmitglieder, mit denen man sachlich diskutieren kann.»

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