Villmergen
Gehen, wenns am schönsten ist: Heimleiter Martin Weissen zieht weiter

Martin Weissen ist seit 2005 Heimleiter im Seniorenzentrum Obere Mühle – Ende März zieht er weiter. Dies, nicht weil es ihm nicht mehr gefallen würde, im Gegenteil. Er findet: Veränderung tut not und sucht eine neue Herausforderung in Risch-Rotkreuz.

Andrea Weibel
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Altersheimleiter Martin Weissen (Mitte) verlässt die «Obere Mühle». Hier lacht er mit den Bewohnern Paul Keller (links) und Hertor Bauer. aw

Altersheimleiter Martin Weissen (Mitte) verlässt die «Obere Mühle». Hier lacht er mit den Bewohnern Paul Keller (links) und Hertor Bauer. aw

Frisch aus dem Urlaub zurück sitzt Martin Weissen im Büro zwischen Haupteingang und Cafeteria des Seniorenzentrums Obere Mühle und erwartet den Interviewtermin.

Telefonisch hat er sich bereits vorab über die Themen informiert. Er ist vorbereitet: Vier gedruckte Seiten hat er geschrieben, dazu liegen Lebenslauf, Kündigungsschreiben und Infos zum Seniorenzentrum bereit.

Aber nachdem er all das erklärt hat, erzählt er frisch von der Leber weg, erinnert sich an schöne und traurige Momente und ist fast etwas wehmütig, nach neun Jahren die «Obere Mühle» zu verlassen. Diese Szene scheint bezeichnend für den 51-Jährigen: Administrativ ist er top vorbereitet, doch was ihm wirklich wichtig ist, sind die persönlichen Gespräche. Genau so scheint er auch das Seniorenzentrum zu leiten.

Herr Weissen, Sie wechseln am 28. März nach neun Jahren von Villmergen zum Alterszentrum Dreilinden in Risch-Rotkreuz. Wieso?

Martin Weissen: Die Entscheidung hat nichts damit zu tun, dass es mir in Villmergen nicht gefällt. Ich habe rückblickend eine wunderbare Zeit hier erlebt. Ich finde aber, Veränderungen tun gut und ich möchte mich neuen Herausforderungen stellen.

Was hat sich in den neun Jahren, die Sie die «Obere Mühle» geleitet haben, verändert?

Die aufwendigste und sichtbarste Veränderung war die Erneuerung der gesamten Infrastruktur. Dann haben wir uns als Ausbildungsbetrieb in den verschiedensten Sektoren etabliert. Mir ist auch wichtig, dass wir alle Stellen besetzen konnten. Und auch die Kosten haben wir im Griff.

Das klingt durchwegs positiv. Gibt es auch negative Veränderungen?

Was ich als negativ empfinde, ist die zunehmende Bürokratisierung. Ich glaube einfach nicht, dass das einen Mehrwert für die Bewohnerinnen und Bewohner bringt. Früher wurden Heimleiter «Heimväter» genannt, heute sind sie «Geschäftsführer». Der Begriff zeigt schon die Minderung der emotionalen Komponente. Dabei bin ich sicher, dass etwas mehr Heimvater und weniger Verwalter den Bedürfnissen der Betroffenen viel eher entspricht.

Hatten Sie denn viel Kontakt mit den Bewohnern?

Ja, das war mir immer sehr wichtig. Mich interessierten die Geschichten der Leute, das ist ein unglaublicher Fundus. Und was, wenn nicht die schönen kleinen Momente, in denen man merkt, dass man den Leuten beispielsweise durch Zuhören eine Freude machen kann, macht einen solchen Beruf aus? Man hat schliesslich so viel mit dem Tod zu tun, dass es noch wichtiger wird, sich um die Lebenden zu kümmern.

Wie verarbeiten Sie es, immer wieder Menschen sterben zu sehen?

Das ist jedes Mal schwierig, sowohl für die Angehörigen als auch für die anderen Bewohner, die Mitarbeiter und für mich. Ich versuche, an jede Beerdigung zu gehen, das hilft mir beim Abschiednehmen. Manchmal trifft es mich sehr hart, wenn Leute sterben, bei denen man es überhaupt nicht erwartet hätte, während andere schon so lange auf den Tod warten. In einem Monat hatten wir zehn Todesfälle, das überfordert uns wirklich. Das Wichtigste ist, dass wir den Leuten einen Ort geben, wo sie sich wohlfühlen und vom Leben loslassen können. Und so herzlich, wie sich die Angehörigen im Nachhinein bei uns bedanken, scheint uns das zu gelingen. Das berührt mich sehr.

Sie haben sich diese Fähigkeiten erst aneignen müssen, denn ursprünglich sind Sie Lehrer. Warum haben Sie gewechselt?

Als ich die Schule verliess, fragte mich ein Kind, ob es mir nicht gefallen habe. Ich sagte, es gefalle mir sogar sehr gut an der Schule. Dann fragte es, warum ich dann weggehe. Diese Frage ist verständlich. Aber ich will mich immer wieder neu orientieren und neue Herausforderungen angehen. Manchmal frage ich mich, wie es mir in dreissig Jahren gehen wird und wo ich sein werde. Mir sind die Menschen wichtig. Deshalb sind Schule und Seniorenzentrum gar nicht so verschieden. An beiden Orten sind es Menschen, denen man begegnet und für die man das Beste möchte. Und das versuche ich zu erreichen, ganz egal, wo ich gerade arbeite.