Christoph Pfister, ein «unabhängiger Historiker und Burgenforscher», wie er sich selbst auf seiner Internetseite bezeichnet, hat eine interessante Entdeckung gemacht. «Seit 1995 studierte ich zum wiederholten Mal die gallorömischen Spuren auf der Engehalbinsel nördlich von Bern. Besonders die Arena auf dem dortigen Rossfeld stellte sich als interessantes Objekt heraus. Dort nämlich sind verschiedene astronomische Orientierungen enthalten», schreibt Pfister.

Parallele Linien

Unter anderem gebe es auch eine Orientierung, die 58 Grad Richtung Nordosten zeige. Diese Linien – laut Pfister in der keltischen Landvermessung verbreitet – seien durch «natürliche oder künstliche Markpunkte definiert. Diese Punkte können Burgen, Findlinge, Wall-Winkel, Bergspitzen oder Passübergänge sein.» 

Wissenschaftlich unhaltbar

Wie sind diese parallel verlaufenden Linien zu erklären? Christoph Pfisters Theorien dazu sind in wissenschaftlichen Kreisen mehr als nur umstritten. Er ist ein Anhänger der sogenannten Chronologiekritik, die unter Wissenschaftern als bedeutungslos angesehen wird. «Die Quellen zur älteren Geschichte sind sämtlich gefälscht, erfunden oder erdichtet», schreibt Pfister. Deshalb ist für ihn klar, dass die Ortsnamen nicht «aus grauer Vorzeit stammen, sondern Erzeugnisse der grossen Fälschungsaktion am Beginn der Geschichte sind.» Für Pfister liegt dieser Beginn am Anfang des 18. Jahrhunderts – alles davor sei «nicht real». Wie es zu einer so umfassenden Fälschung hätte kommen können, lässt Pfister offen.

Villmergen und Vielbringen

«Dem Phänomen der gleichen Ortsnamen hat sich beispielsweise der Sprachwissenschafter Bruno Boesch angenommen», erklärt Matthias Fuchs, Präsident der historischen Gesellschaft des Kantons Aargau. «Boesch nimmt neben Wohlen, Bremgarten und Muri auch noch Villmergen dazu, das er mit Vielbringen nördlich von Rubigen in Verbindung bringt. Dann stimmt allerdings die Theorie von Herrn Pfister, dass die Orte ungefähr dieselbe Anordnung in der Landschaft haben sollen, nicht mehr.»

Fuchs weist weiter darauf hin, dass das Phänomen der Gruppenbildung von Ortsnamen hin und wieder auftrete. «Gründe dafür können einerseits Auswanderung und Neugründung von Siedlungen sein, bei denen man auf die aus der Heimat geläufigen Namen zurückgreift.» Beispiele dafür seien in den ehemaligen britischen Kolonien oder in den USA zu finden. «Gruppenbildung findet sich auch im religiösen Kontext, da wäre etwa der Versuch der Bischöfe von Konstanz zu nennen, die römische Kirchentopographie um Konstanz nachzubilden», erklärt Fuchs. Im Falle von Wohlen, Bremgarten und Muri seien besonders bei Bremgarten die Gründe für die Übereinstimmung des Ortsnamens aus topografischen Gründen nachvollziehbar.

Tatsächlich gibt es einige solcher topografischer Gemeinsamkeiten – auf die im Übrigen auch Pfister hinweist. So liegen etwa beide Bremgarten in einer Flussschlaufe, und Wohlen liegt angelehnt an einen Hügelzug. Dieser heisst beim bernischen Wohlen Lindach-, im aargauischen Wohlen Lindenberg.

Alles nur Zufall?

Auch Martin Graf, Redaktor beim schweizerdeutschen Wörterbuch Idiotikon, das auch Ortsnamenforschung betreibt, verweist auf Villmergen und sein bernisches Pendent Vielbringen: «Beide gehen auf einen historisch identischen Ortsnamen Vilmaringen zurück.»

Ein ähnliches Phänomen kenne man auch in der luzernisch-aargauischen Ortsnamengruppe Reinach-Beinwil-Aesch-Bettwil, die sich im solothurnisch-basellandschaftlichen Grenzgebiet mit Reinach, Aesch, Bettwil und Beinwil spiegle.

«An Zufall zu denken, fällt tatsächlich schwer», gibt Graf zu. «Heute weiss man aber, dass viele Ortsnamen aufgrund von einfachen Namenübertragungen entstanden, also nicht quasi organisch vor Ort gewachsen sind. In der Entstehungszeit der Orte war die stark anwachsende Bevölkerung enorm mobil, und es gibt viele Hinweise auf dauernde Aussiedlerbewegungen von Personengruppen, die vom einen Ort wegzogen und denselben an einem andern Ort neu gründeten», erklärt Graf.