Öffentlicher Verkehr

Gefangen auf dem Bahnperron von Mühlau

40 Treppenstufen in Mühlau: Wer hier mit dem Rollstuhl aussteigt, hat keine Chance

40 Treppenstufen in Mühlau: Wer hier mit dem Rollstuhl aussteigt, hat keine Chance

Die Flirt-Züge, die neu auch im oberen Freiamt verkehren, sind behindertengerecht, aber noch lange nicht alle Bahnhöfe. Ein besonders krasses Beispiel ist Mühlau.

Unterbricht ein Rollstuhlfahrer von Sins Richtung Wohlen seine Bahnfahrt in Mühlau, hat er verloren: Vom Perron gibt es für ihn kein Wegkommen, über 40 Treppenstufen stehen ihm im Weg. Auch die Mutter mit dem Kinderwagen hat ihre liebe Mühe, ins Dorf zu kommen und braucht erhebliche Muskelkraft, um die steile Treppe zu überwinden. Sowohl der Gemeinde als auch den SBB ist die Situation bewusst.

Was tun? «Rollstuhlfahrer und Rollstuhlfahrerinnen, welche nach Mühlau reisen, steigen am besten in Muri aus», hält SBB-Mediensprecher Roman Marti fest. «Von Muri oder Sins aus nehmen Rollstuhlfahrende dann am besten das Behinderten-Taxi bis nach Mühlau.» Ausserdem verweist er auf das SBB Call-Center Handicap (www.sbb.ch/handicap) und auf die Gratis-Telefonnummer 0800 007 102, welche Behinderte kostenlos beraten.

SBB in Kontakt mit Mühlau

Mit der Gemeinde Mühlau seien die SBB hinsichtlich einer treppenfreien Erschliessung des Perrons in Kontakt. Möglich wäre es, den Aussenperron mit einer Rampe zu erschliessen. «Ein konkretes Projekt ist noch nicht erarbeitet.»

Der Mühlauer Gemeindeammann Josef Huwyler erachtet das Problem als akut. «Auch Frauen mit Kindern tun sich mit der Treppe sehr schwer.» Der Gemeinderat habe mit dem angrenzenden Landeigentümer auch schon Kontakt für einen treppenfreien Zugang zum Perron gesucht, aber die Gemeinde sei finanziell nicht in der Lage, ein solches Projekt umzusetzen.

Ausserdem planten die SBB eine Höherlegung des Trassees. «Bevor das neue Trassee kommt, wird eine bauliche Änderung der Situation ohnehin nicht konkret.» Perronerhöhungen und Rampen zur Umsetzung des Behindertengleichstellungsgesetzes hat der Bund als Infrastruktureigentümer zu finanzieren.

Gemeinden sind mitverantwortlich

Aber auch Standortgemeinden würden sich an einer besseren Zugänglichkeit der Bahnhöfe für behinderte Menschen beteiligen, stellt Marti fest. Die Gemeinden seien für eine gute Erschliessung des Bahnhofs mitverantwortlich. «Letztlich profitieren die Gemeinden: Ein gut zugänglicher Bahnhof ist ein Standortvorteil für die Gemeinde, sowohl was das Wohnen und Arbeiten als auch den Tourismus angeht.»

Mühlau ist bei weitem nicht die einzige Bahnstation an der Südbahnlinie, die nicht vollumfänglich behindertentauglich ausgebaut ist (siehe Kasten). Laut dem 2004 in Kraft getretenen Behindertengleichstellungsgesetz sollen bis Ende 2023 alle Halte für Bahn, Tram und Bus für behinderte Menschen hindernisfrei zugänglich sein. Allerdings fehlt es an Geld, und der Bundesrat schlägt vor, die Frist für die Realisierung bis Ende 2038 zu erstrecken. Die SBB selber investieren laut Marti bis 2030 insgesamt 20 Milliarden Franken in neue Züge und Wagen, welche über einen Niederflureinstieg verfügen.

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