Ein Konditor mit Haube reitet auf einem Lippizaner, in der freien Hand eine Schwarzwälder Kirschtorte: Das Umschlagbild auf Christian Lierschs Autobiografie könnte nicht besser passen. Es zeigt nicht nur die beiden Berufe – Konditor und Bereiter beziehungsweise Reitlehrer – des gebürtigen Deutschen, der genau heute seinen 75. Geburtstag feiern kann. Es steht auch symbolisch für all die unglaublichen Dinge, die er in seinem Leben in Deutschland, Österreich und der Schweiz erlebt hat. Das Buch liest sich wie eine liebevoll gestaltete Geschichte, jedoch wirken manche Szenen so fantastisch, dass sie gar nicht wahr sein können. «Aber sicher sind die wahr», entgegnet Liersch lachend. «Manchmal wünschte ich, sie wären es nicht, aber sie sind alle wahr.»

Einige Müsterli: Haarscharf konnte seine Mutter mit ihren beiden Söhnen aus Dresden fliehen, und das einen Tag, bevor die Stadt am 9. Februar 1945 zerbombt wurde. Sie flohen in den Westen. Später reisten die 12- und 13-jährigen Brüder alleine zurück in die DDR, weil sie von ihrem Grossvater ein Erbe entgegennehmen durften. Dies konnte aber nicht über die Grenze gebracht werden, also hatten die Buben den offiziellen Auftrag ihrer Eltern, alles auszugeben und Spass zu haben. Sie liessen sich neue Kleider machen, bestachen alle möglichen Leute, fuhren sogar illegalerweise an die Ostsee und kauften sich Tickets, um einen Tag lang auf einem Segelboot mitfahren zu dürfen – was eigentlich ausschliesslich hohen Funktionären vorbehalten war.

Die Geschichte mit dem Pferd

Doch auch hier setzt Liersch noch einen drauf: Bei einem Schulausflug nach München schlich er sich von seiner Klasse weg zur Pferderennbahn. Dort liess ihn ein Stallknecht helfen, ein Rennpferd zu führen. Doch klein Volker (warum er heute Christian heisst, ist eine weitere lustige Geschichte) begnügte sich nicht mit dem Führen, sondern kletterte auf den Pferderücken – und da er zuvor noch nie geritten war, ging das Rennpferd natürlich mit ihm durch und hetzte im Galopp über die Rennbahn. Unglaublich, aber wahr, so hat Christian Lierschs Karriere begonnen, die ihn unter anderem an die Spanische Hofreitschule in Wien brachte, wo er als Bereiter für die Lippizaner mitverantwortlich war. Und da an der Hofreitschule nur Österreicher beschäftigt werden durften, wurde Liersch kurzerhand innert einem Tag eingebürgert. Und irgendwann dazwischen wurde er im berühmten Bayerischen Hof in München zum Konditor ausgebildet.

Rückschläge und viel Glück

So reiht sich eine atemberaubende Geschichte an die nächste. Liersch lernte seine spätere Frau Heidi kennen, mit der er mittlerweile über 50 Jahre verheiratet ist. Gemeinsam führten sie sechs Gehöfte in der Deutsch- und Westschweiz. «Wie der Titel sagt, war ich willensstark, aber ich hatte auch immer wieder unglaubliches Glück, sonst hätte all das nie klappen können», sagt er heute. Doch dieses Glück hatte auch seine Schattenseiten: «Manchmal hätte ich mir gewünscht, ich hätte an einem Ort bleiben können, statt immer wieder etwas Neues zu finden, weil ich vom alten Ort weg musste», berichtet er. Dass er überhaupt weg musste, hatte die verschiedensten Gründe: Andere Reitlehrer, die ihm das Leben schwer machten, die Verpächter, bei denen es einen Wechsel gegeben hatte, und die «etwas Neues» probieren wollten, und so weiter.

1986 hat das Paar mit der Reithalle Rotmatt in Hermetschwil-Staffeln zum letzten Mal ganz von vorne angefangen. 20 Jahre lang lebten Heidi und Christian Liersch dort, unterhielten die Weiden und Ställe, gaben Reitunterricht und vieles mehr. Er kaufte sich einen Lipizzaner aus Wien und wollte ihn sich so zureiten, dass er im Alter ein richtig gutes Pferd für sich alleine hatte. «Doch zuerst hatte ich einen Traktorunfall, bei dem ich mir den Fuss zertrümmerte, danach sechs Jahre lang Probleme mit Bauchschmerzen bis hin zu Zusammenbrüchen, bevor man endlich eine Operation an meiner Bauspeicheldrüse durchführte. Und am Ende, das war schon nach unserer Zeit in Hermetschwil-Staffeln, starb auch noch mein geliebter Lipizzaner Pluto Patrizia aufgrund einer Verletzung, die er sich wohl als Junghengst zugezogen hatte.» Christian Liersch schüttelt den Kopf: «Irgendwann ist es genug mit Schicksalsschlägen.»

Heute kann er darüber lachen

Doch Christian Liersch ist alles andere als verbittert. Seit zehn Jahren wohnt er nun schon zusammen mit seiner Frau, seinen Hunden und einer Voliere voller australischer Prachtfinken in Waltenschwil. Die Wohnung ist geschmackvoll eingerichtet, wobei jedes Stück ihn und seine Frau an einen Abschnitt aus ihrem Leben erinnert – seien es Originalbilder der bekannten Pferdemalerin Inge Ungewitter, eine ungarische Reiterpeitsche oder ein Miniatur-Holzboot von seiner Bubenreise an die Ostsee. Christian Liersch kann heute über all die Geschichten lachen. «Zum Glück, denn damals waren sie meist alles andere als lustig», sagt er mit einem breiten Grinsen.

«Willensstark durchs Leben» von Christian Volker Liersch, 184 Seiten, ISBN: 978-3-906112-78-7, erhältlich unter www.swiboo.ch oder 062 865 40 90 (Zumsteg Druck, Frick)