Andreas Glarner, Sie sind seit 1998 Gemeinderat und seit 2006 Gemeindeammann in Oberwil-Lieli. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Andreas Glarner: Wir sind die Nr. 1 beim Steuerfuss im Kanton, wir belegen den gleichen Platz beim «Weltwoche»-Rating in Bezug auf die Lebensqualität im Dorf, wir haben ein neues Schulhaus gebaut, einen neuen Kindergarten, Alterswohnungen, ein neues Feuerwehrgebäude mit Werkhof, eine Freizeitanlage, wir haben das Gemeindehaus saniert, zwei Dorffeste durchgeführt – es ist einiges passiert über die Jahre.

Der Steuerfuss lag zu Beginn Ihrer Amtszeit bei 98 % und ist mittlerweile auf 57 % gesunken, das hat sicher auch mit der Lage des Dorfes zu tun – landschaftlich schön gelegen, nahe bei Zürich.

Unser Nachbardorf Berikon hat diesbezüglich die gleichen Bedingungen. Trotzdem ist dort der Steuerfuss 50 % höher. Wir haben also offenbar doch ein paar Sachen richtig gemacht.

Was hat Oberwil-Lieli in den letzten Jahren besser gemacht als Berikon?

Wir haben, unter anderem, die Sozialkosten im Griff.

Weil Sie dafür gesorgt haben, dass das Dorf für Sozialhilfebezüger unattraktiv wird?

Es geht in diese Richtung, ja. Man kann nicht einfach Geld verteilen an jene, die Geld abholen wollen. Man muss die Leute röntgen, ihnen das Autokennzeichen wegnehmen, sie zum Arbeiten bringen. Wir haben auch mit den Vermietern gesprochen, damit auch sie darauf achten, wem sie Wohnungen vermieten.

Und das hat gewirkt?

Ja, das hat extrem gewirkt. Vor allem auch, weil wir den Mietzins nicht an die Vermieter überweisen, sondern direkt an die Sozialhilfebezüger.

Krass ausgedrückt: Da bleibt einfach die soziale Verantwortung von Oberwil-Lieli auf der Strecke.

Völlig falsch: Wir vertreten die Ansicht, dass jene Leute unterstützt werden sollen, die diese Unterstützung auch wirklich nötig haben, und nicht jene, die einfach zu bequem zum Arbeiten sind. Wer am Morgen aufsteht und arbeiten geht, für den muss es sich lohnen. Anderseits muss der Bezug von Sozialleistungen mit Einschränkungen verbunden sein.

Sparen um jeden Preis auf dem Buckel der sozial Schwachen?

Nochmals entschieden nein. Bedürftigen muss und soll geholfen werden. Aber Sozialhilfe darf nicht einen Anreiz zum Zurücklehnen bieten. Es soll eine vorübergehende Massnahme sein, aus der man rasch wieder raus will.

Sie sind Unternehmer. Haben Sie auch schon sozial Schwachen eine Chance gegeben?

Ja, ich habe schon verschiedentlich solche Leute eingestellt. Ich beschäftige auch Alleinerziehende, die ihre Arbeitszeit je nach Bedarf flexibel einteilen können. Im Notfall können sie ihre Kinder auch an den Arbeitsplatz mitnehmen, wir haben dafür sogar Spielsachen im Haus.

Glarner als Beispiel für andere Unternehmer?

Das sehe ich so. Würden mehr Unternehmer ihre soziale Verantwortung wahrnehmen, könnte man sicher da und dort ein Abgleiten in die Sozialhilfe verhindern.

In Oberwil-Lieli steht also alles zum Besten. Ausser, dass die Kriminalitätsrate gestiegen ist?

Wie kommen Sie jetzt darauf?

Die Gemeinde hat Asylbewerber aufgenommen, und Sie haben schon oft erklärt, dass mit Asylbewerbern die Kriminalitätsrate steige.

Entschuldigung, aber das ist absoluter Quatsch. Sie konstruieren einen völlig falschen Zusammenhang. Mit echten Flüchtlingen steigt die Kriminalitätsrate nicht. Wir haben bei uns eine christliche Familie aus Syrien aufgenommen. Die wohnt sogar im Schulhaus und das Ganze ist eine Erfolgsgeschichte.

Weil Sie die eher problematischen Asylbewerber nach Rudolfstetten abgeschoben haben und dafür bezahlen?

Ich halte fest: Das ist eine gute Lösung.

Und ich sage, das ist fies. Die Gemeinde Oberwil-Lieli bezahlt, damit Rudolfstetten ihr die unerwünschten Asylbewerber abnimmt.

Das ist überhaupt nicht fies. Rudolfstetten hat uns angefragt, und wir haben eine Lösung gefunden, die für beide Gemeinden stimmt. Das Problem liegt tiefer. Die Asylpolitik der Schweiz ist falsch. Man kann doch nicht einfach alle Leute aufnehmen, die hierher kommen wollen. Man soll die wirklich Bedürftigen aufnehmen, da habe ich keineswegs etwas dagegen. Wenn wir die Wirtschaftsflüchtlinge aussperren würden, dann hätten wir für die echten Flüchtlinge auch genügend Mittel zur Verfügung.

Ihr Widerstand gegen die Flüchtlingspolitik hat international für Schlagzeilen gesorgt und Oberwil-Lieli als Gemeinde in die rechte Ecke gerückt. Ist Ihnen dabei eigentlich noch wohl?

Ich gebe zu, da ist nicht alles gut gelaufen. Das vor allem, weil die Sache in den Medien gross aufgebauscht worden ist. Man hat volles Rohr gegen mich und die Gemeinde geschossen. Ich kann nachvollziehen, dass dieses negative Medienecho für Teile der Bevölkerung zu viel geworden ist. Ich habe mich vor der Gemeindeversammlung dafür entschuldigt. Allerdings: Mein Kurs ist vom Gemeinderat mitgetragen worden und die Erneuerungswahlen im Herbst haben gezeigt, dass wir offenbar auch in den Augen der Stimmberechtigten doch nicht so falsch gelegen sind.

Sie rügen die Medien. Es ist eine Tatsache, dass kaum ein Politiker in der Schweiz so gut auf dem Medienklavier zu spielen versteht wie Sie.

Ja, das will ich ja auch nicht abstreiten. Aber in diesem Fall wäre etwas mehr Neutralität und Ausgewogenheit wünschenswert gewesen. In den meisten Medien wurden nicht meine Argumente rausgeschält, sondern schlicht und einfach gegen mich und Oberwil-Lieli gebollert.

Ganz so schlimm war es auch nicht, Ihre Argumente wurden durchaus von den Medien aufgegriffen.

Ja, jene die man negativ ausschlachten konnte. Unsere Aktion Schweizerkreuz.ch hingegen hat man sehr tief gehalten. Oberwil-Lieli hat an diese Aktion über 400 000 Franken gespendet. Das war den Medien allerdings kaum grosse Schlagzeilen wert.

Um was geht es bei dieser Aktion?

Es geht um direkte Hilfe für syrische Flüchtlinge vor Ort, in Griechenland und in der Türkei.

Bringt das den Flüchtlingen wirklich etwas?

Sicher ist auch das nur Symptombekämpfung. Aber ich habe mich mehrmals in diesen Flüchtlingslagern darüber informiert, dass es etwas bringt.

Nennen Sie uns fünf positive Schlagzeilen, die wir zu Oberwil-Lieli setzen können.

Oberwil-Lieli ist die lebenswerteste Gemeinde im Kanton Aargau.

Für reiche Leute …

Nein, für alle. Reiche zahlen Steuern, und mit diesem Geld haben wir die Gemeinde in den letzten Jahren entwickeln können.

Weitere positive Schlagzeilen …

Wir haben eine gute Infrastruktur auf dem neuesten Stand, wir haben einen tiefen Steuerfuss, wir bieten den besten Service für unsere Bürgerinnen und Bürger, wir haben eine Baubewilligungsbehörde und nicht eine Bauverhinderungsbehörde, wir behandeln unsere Bürger als Kunden und nicht als Bittsteller. Beispielsweise haben wir die Kleingebühren am Schalter der Gemeindeverwaltung abgeschafft …

Weil sich Oberwil-Lieli als reichste Aargauer Gemeinde so etwas leisten kann …

Nein, weil diese Kleingebühren nichts bringen. Wir denken unternehmerisch. Solche Gebühren sind ein Unding. Der Aufwand, sie zu erheben, kostet weit mehr, als man damit einnimmt. Auch weniger finanzstarke Gemeinden könnten diese Gebühren abschaffen und dadurch Geld sparen.

Zum Schluss: Was ist der bessere Job, Nationalrat, Grossrat oder Gemeindeammann?

Ganz klar Gemeinderat und Gemeindeammann. Da sitzt man dem Bürger 1:1 gegenüber, da hat man einen Gestaltungsspielraum und da hört man auch direkt, was man falsch und was man richtig macht. Dieses Amt hat mich in den vergangenen 20 Jahren fasziniert und erfüllt. Es war die bisher lehrreichste und spannendste Zeit in meinem Leben. Dafür hätte ich sogar noch bezahlt.

Wenn es Ihnen so gut gefallen hat, können Sie sich dann überhaupt davon lösen oder werden Sie weiterhin aus dem Hintergrund die Geschicke der Gemeinde zu bestimmen versuchen?

Ich hoffe, dass es mir gelingt, das nicht zu tun. Ich habe mir vorgenommen, zu sagen: «So fertig, das wars» und nicht meinen Nachfolgern vorzuschreiben, was sie zu tun haben. Aber klar, ich habe viel Herzblut in mein Amt gesteckt, und das Schicksal dieser Gemeinde wird mir auch in Zukunft nicht einfach egal sein.