Murimoos
Früher als erwartet: Murimoos-Himmel ist wieder voller Störche

Früher als erwartet sind die Vögel nach 10000 Kilometern Flug im Murimoos angekommen. Fast 30 Horste sind auf dem Gelände besetzt.

Eddy Schambron
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Horst neben Horst: Auf den Bäumen und Dächern, auf Stangen und Masten bereiten im Murimoos gegen 30 Storchenpaare ihre Nester für den Nachwuchs vor. ES

Horst neben Horst: Auf den Bäumen und Dächern, auf Stangen und Masten bereiten im Murimoos gegen 30 Storchenpaare ihre Nester für den Nachwuchs vor. ES

Eddy Schambron

Jetzt sind sie wieder da. Die Störche im Murimoos klappern um die Wette und erfreuen mit ihrem eleganten Flug die Besucherinnen und Besucher. «Sie sind früher als sonst», stellt Storchenvater Agustin Gavilan fest, «aber das scheint inzwischen der Normalfall zu sein.»

Fast 30 Horste auf dem Gelände vom Murimoos sowie in unmittelbarer Nähe sind besetzt. Beim Dorfplatz musste aus Sicherheitsgründen das Horsten der Störche sogar eingeschränkt werden.

Bleibt das Wetter warm und einigermassen trocken, ist die relativ frühe Ankunft für die Störche kein Problem. Wird es aber nass und kalt und die Jungtiere sind noch im Flaum und nicht in einem schützenden Federkleid, ist ihr Leben bedroht.

2013 bleibt Gavilan diesbezüglich in schlechter Erinnerung: Es konnten damals lediglich 20 Jungtiere beringt werden, ein Drittel der sonst üblichen Anzahl Jungstörche im Murimoos.

Die Jungstörche, die zur Zeit des lang anhaltenden Regens mit tiefen Temperaturen geboren wurden, erfroren in ihren in luftiger Höhe exponierten Nestern. Viel besser war es im letzten Jahr: Die Zählung ergab eine Rekordpopulation von 35 Paaren mit 92 Jungen.

Lange Reisen

Im Herbst sind die meisten Murimoos-Störche weggezogen in den Süden, über Frankreich, Spanien, Gibraltar, Marokko und Mauretanien nach Mali oder bis nach Ghana und im Frühling wieder zurück. Dabei legten sie bis zum 10 000 Kilometer zurück. Nicht alle überleben diese Reisen jeweils. Einige fallen elektrischen Verdrahtungen, Umweltchemikalien oder auch Abschüssen zum Opfer.

Murimoos als idealer Ort

Ab 1950 galt der Storch bei uns als praktisch ausgestorben. Max Blösch hatte die Idee, den erlöschenden Storchenbestand durch Gehegezucht zu stützen, unterstützt von einem Wildhüter. Daraus entstand die legendäre Storchenstation Altreu. Die Leitung der sogenannten Arbeitskolonie Murimoos kam 1986 zur Überzeugung, dass sich das Gebiet für die Wiederansiedlung des Storches eigne. Diese Meinung teilte Blösch. Im Herbst 1987 brachte er eine Gruppe von zwölf Störchen ins Murimoos. Im Frühjahr 1988 wurden acht Störche freigelassen, vier Jungstörche blieben als sogenannte Bodenstörche im Gehege. Von den freigelassenen Störchen haben sich drei Brutpaare gebildet, die sofort die bereitgestellten Horstunterlagen auf den umliegenden Dächern bezogen. Zudem sind schon im ersten Jahr zwei fremde Brutpaare zugeflogen. Waren es 2000 noch acht brütende Paare, konnten im Sommer 2012 34 Horste mit 76 Jungen gezählt werden.

Heute werden in der Schweiz keine Störche mehr in Gehegen gehalten, auf eine Zufütterung wird verzichtet. Die Gegend selbst soll angesiedelten, frei fliegenden Störchen genügend Nahrung für die Aufzucht ihrer Jungen bieten. Im Murimoos herrschen mit dem Biolandbau, den ökologischen Ausgleichsflächen, dem Weidebetrieb und den Feuchtgebieten sehr gute Voraussetzungen.

Viele Störche sind des Frosches Tod

Die vielen Störche im Murimoos erfreuen alle. Sie können jedoch in einem gewissen Sinn auch zum Problem werden. Da sie einen erheblichen Nahrungsbedarf haben, sind sie eine grosse Gefahr für Frösche und Kröten. «Mit den Störchen wird der Bestand an Kröten und Fröschen deutlich dezimiert», weiss Agustin Gavilan. Ihr Futter finden die Störche dabei auf der freien Wiese zwischen dem Waldstück und dem Weiher fast wie auf dem Präsentierteller. Diese Strecke legen die Amphibien auf ihrem Weg zum Weiher, ihrem Laichgewässer, zurück. Schlimmer sind, beziehungsweise waren, jedoch die «Verkehrsopfer» unter den Fröschen. Deshalb werden seit geraumer Zeit entlang der Strasse, die ins Murimoos und zu den Gewerbebetrieben führt, zur Laichzeit Hindernisse für die Frösche aufgebaut, damit sie während ihre Wanderung einerseits nicht von Autos überfahren werden, andererseits nicht alle von den Störchen gefressen werden. Die Frösche werden regelmässig eingesammelt und zum Weiher gebracht. «Dort sind sie sicherer, weil sich die Störche nicht gerne in den Waldstreifen des Teiches vorwagen», stellt Gavilan fest.
Weissstörche sind bis 100 Zentimeter lang, haben eine Flügelspannweite von bis 220 Zentimetern und ein Gewicht von etwa 2,5 bis 4,5 kg. Sie ernähren sich vor allem von Mäusen und Kleinsäugern, Regenwürmern, Insekten und Larven, Fröschen oder Fischen. Pro Tag braucht ein Storch etwa ein halbes Kilo Nahrung für sich und bis zu 1,2 kg pro Jungstorch im Nest. Für Letztere sind Würmer, Larven und weitere Kleintiere in den ersten Wochen wichtig, weil der Storch seine Beute nicht zerteilen kann. Weitere Informationen: www.stoerche.ch; www.storch-schweiz.ch. (es)