Mehr finanzielle Probleme in den Familien, mehr Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, in der Schule und in der Lehre, mehr Personen mit psychischen Problemen: Die Jugend-, Ehe- und Familienberatung des Bezirks Muri stellt eine Verschiebung der Problemkreise in nur einem Jahr fest. Die Beratungsstelle betreut auch viele Jugendliche mit Adoleszenzkrisen, «denen die Familie, die Schule und die Lehrstelle keine genügenden Ressourcen mehr zur Verfügung stellen können».

Wie Stellenleiter Peter Wiederkehr weiter feststellt, dürften solche Gründe auch die steigende Zahl der Fremdplatzierungen erklären: 2016 wurden 33 Kinder und Jugendliche fremd platziert, davon 25 in Heime und 8 in Pflegefamilien. Ein Jahr zuvor waren es noch 38, davon 22 in Heime und 12 in Pflegefamilien. 2014 lag die Zahl der Fremdplatzierungen bei insgesamt 29.

Ansprüche gestiegen

Die Zunahme der Fälle widerspiegle nicht nur die qualitative und quantitative Bevölkerungszunahme, sondern auch die höheren Beratungsnachfragen von Eltern, die durch die Individualisierung, Pluralisierung und den damit einhergehenden Krisen (zum Beispiel Scheidung, aber auch Wohnorts- und Arbeitsstellenwechsel) ausgelöst würden. «Auch die Ansprüche an die Erziehungskompetenz der Eltern, an sich selber, an die Förderung der Kinder durch Schule und Gesellschaft, sind markant gestiegen und gehen teilweise mit Gefühlen des Versagens, Unvermögens und Nicht-Genügens einher, die neuen Stress verursachen können.» Bei 216 Fällen wurden im Problembereich Erziehungsschwierigkeiten genannt.

Zu wenig Stellenprozente

Im letzten Jahr wurden in der Jugend-, Ehe- und Familienberatung 524 Dossiers behandelt. In den Beratungsprozess waren 1767 Personen einbezogen. Von den 524 Dossiers waren 309 Übernahmen und 215 Neuaufnahmen. Zwar haben die Neuaufnahmen leicht abgenommen. Aber zugenommen haben sehr komplexe, freiwillige und gesetzliche Kinderschutzfälle, die einen hohen Arbeitsaufwand bedingen, sowie die langfristigen Beratungen, die zu einer Belastung der Beratungsstelle auf einem sehr hohen Niveau führen, wie Wiederkehr ausführt. «Geht man von Richtzahlen pro 100 Prozent Sozialarbeiter aus, fehlen uns etwa 40 Stellenprozente. Dies führt zu einer hohen Anzahl von Überstunden.»

Auf einem hohen Niveau bleiben die Erziehungsbeistandschaften. Diese werden vom Familiengericht angeordnet, wenn die Eltern ihre Kinder in deren psychosozialen Entwicklung ungenügend unterstützen. 2015 wurden 156 Erziehungsbeistandschaften gezählt, eine Zahl, die sich seit 2008 mehr als verdoppelt hat. Eine Gefährdung liegt vor, sobald die ernstliche Möglichkeit einer Beeinträchtigung des Kindeswohls vorauszusehen ist. Eine solche kann zum Beispiel das Aufwachsen in einer hochkonflikthaften Trennungsfamilie sein. «Das Konfliktniveau solcher Familien ist meistens bereits vor der Trennung hoch und bleibt es auch nach der Trennung.» In der Schweiz geht man davon aus, dass etwa 50 Prozent der Erziehungsbeistandschaften dem Problembereich Besuchsrechtsschwierigkeiten zuzuordnen sind.

Die Generalversammlung des Vereins Familienberatung des Bezirks Muri findet am 10. Mai, 19 Uhr, im Alterswohnheim St. Martin in Muri statt. Im Anschluss findet die Abgeordnetenversammlung des Gemeindeverbandes Kindes- und Erwachsenenschutzdienst (KESD) Bezirk Muri statt.