Prozess
Freispruch für Autofahrerin, die nachts einen Betrunkenen umfuhr

Eine junge Frau fährt im August 2014 einen betrunkenen Fussgänger um. Der stirbt einige Tage später. Nun stand die Lenkerin vor dem Bezirksgericht Bremgarten – sie war wegen fahrlässiger Tötung angeklagt.

Mario Fuchs
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Bremgarten: Fussgänger morgens um 4.30 Uhr auf der Fischbachstrasse von Auto erfasst
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Der Fussgänger starb sechs Tage später im Spital.
Der Unfall passierte an einem Sonntagmorgen im August 2014, um 4.30 Uhr zwischen Bremgarten und Fischbach.
Die Lenkerin fuhr mit Freundinnen von einer Geburtstagsparty nach Hause.
«Ich habe abgeblendet, dann sah ich plötzlich zwei weisse Flecken. Und dann hat’s geklöpft», erzählt die Lenkerin vor Gericht.
Im Licht des Autos sieht sie einen Menschen im Gras neben der Strasse liegen. Der junge Mann ist schwerst verletzt, an Kopf und Hals, Rumpf und Bein.
Sechs Tage später stirbt das Unfallopfer im Spital.

Bremgarten: Fussgänger morgens um 4.30 Uhr auf der Fischbachstrasse von Auto erfasst

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Ein Sonntagmorgen im August 2014, es ist zwanzig nach vier. Der Sommer ist vorbei, zehn Grad draussen, Regen fällt. Erst in zwei Stunden geht die Sonne auf.

Zwischen Fischbach-Göslikon und Bremgarten sind junge Menschen auf dem Nachhauseweg vom Ausgang. Die Hauptstrasse, 80er-Zone, führt hier durch ein Waldstück. Mara*, 21, fährt mit Freundinnen in einem Renault Clio. Sie waren an einer Geburtstagsparty, aber Mara nahm nur ein Glas Champagner, um Mitternacht zum Anstossen.

Stefan*, 28, hat auch getrunken. Mara und ihre Freundinnen kennt er nicht. Dass sie in diesem Moment auf ihn zufahren, weiss er auch nicht. Er will im Waldstück vor Bremgarten, dort wo das Industriegebiet beginnt, nur die Strasse überqueren. Lässt ein paar Autos vorbei, torkelt ein wenig, geht, schwarze Kapuze über dem Kopf.

Mara muss sich konzentrieren, die Strasse ist nass, Autos kommen entgegen, blenden. «Ich habe abgeblendet, dann sah ich plötzlich zwei weisse Flecken. Und dann hat’s geklöpft.» Sie weint, als sie sich am Dienstag vor dem Bezirksgericht Bremgarten noch einmal erinnern muss.

Mara weiss nicht, was die zwei Punkte gewesen sein könnten. Sie steigt sofort aus, weiss, dass sie in etwas gefahren ist, aber nicht, in was. Im Licht des Autos sieht sie einen Menschen im Gras neben der Strasse liegen. Stefan ist schwerst verletzt, an Kopf und Hals, Rumpf und Bein. Die weissen Punkte waren seine Turnschuhe. Sechs Tage später stirbt er im Spital.

Nur ein Meter hätte gefehlt

Die Staatsanwaltschaft fordert eine bedingte Geldstrafe von 27'000 Franken und eine Busse wegen fahrlässiger Tötung. In der Anklageschrift heisst es: «Um selber nicht geblendet zu werden, konzentrierte sich die Beschuldigte auf den rechten Fahrbahnrand, wohin sie ausschliesslich ihren Blick richtete. Sie wollte damit vermeiden, rechts von der Fahrbahn abzukommen. Damit vernachlässigte sie, ihre Aufmerksamkeit dem Rest der Strasse zu schenken.»

Besonders tragisch für Stefans Familie, die auch im Gerichtssaal sitzt: Gemäss einem Gutachten hätte dem jungen Mann nur noch ein Meter gefehlt und er wäre in Sicherheit gewesen. Der Staatsanwalt wirft Mara vor, sie sei zu wenig aufmerksam gewesen, hätte langsamer als die von den Ermittlern nachträglich gemessenen 72 bis 83 Stundenkilometer fahren sollen.

Er sagt aber auch: «Selbst wenn sie etwa mit 60 km/h gefahren wäre, hätte sie nicht rechtzeitig anhalten können.» Dennoch hätte sie damit rechnen müssen, dass sich Hindernisse auf der Strasse befinden könnten.

Damit ist der Verteidiger von Mara nicht einverstanden. Er argumentiert: «Es ist ausserorts schlicht nicht möglich, mit einem Auto weniger als 60 Stundenkilometer zu fahren. Das ist fern jeglicher Realität.»

Man könne von einem Lenker, einer Lenkerin nicht verlangen, damit zu rechnen, dass mitten in der Nacht in einem Industriegebiet plötzlich ein Betrunkener auf die Strasse schreite. «Das ist keine Verletzung der Sorgfaltspflicht, sondern schlicht ein sehr tragischer Unfall.»

Für niemanden vermeidbar

Man lerne schon als Kind: «Links gehen, Gefahr sehen» – deshalb müsse man als Autofahrer just den rechten Strassenrand im Auge behalten. Und später in der Fahrschule werde einem beigebracht, sich bei schlechten Verhältnissen am rechten Fahrbahnrand zu orientieren. Im Verhalten seiner Klientin seien deshalb «keine Fehler vorhanden. Im Gegenteil: Sie hat alles richtig gemacht.»

Gerichtspräsident Peter Thurnherr kommt nach 20 Minuten Bedenkzeit zum Schluss: Mara wird freigesprochen. Sie habe die Geschwindigkeit angepasst. Stefan sei dunkel gekleidet gewesen, habe sich mitten auf der Strasse befunden – «zwischen den Lichtern entgegenkommender Fahrzeuge nicht erkennbar.»

Er sei sehr froh, habe sich die Staatsanwaltschaft die Mühe genommen, den Unfall gründlich aufzuklären, gar auf der gesperrten Strasse nachzustellen. «Aber das hat gezeigt: Dass jemand über die Strasse ging, war erst kurz vor der Kollision erkennbar. Sie wäre für keinen einzigen Autofahrer unter uns vermeidbar gewesen.»