Muri/Mexiko
Freiämterin hilft Schildkrötenbabys ins Meer

Die ehemalige AZ-Praktikantin Céline Arnold (21) hat in Naturschutzcamps an der Pazifikküste mitgearbeitet. Sie berichtet vom Highlight, die Schildkrötenbabys zum Meer zu bringen, aber auch vom Zwiespalt zwischen Naturschutz und Touristenattraktion.

Céline Arnold
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Als Volontärin kann Céline Arnold vor Ort beim Schutz der Meeresschildkröten mithelfen.

Als Volontärin kann Céline Arnold vor Ort beim Schutz der Meeresschildkröten mithelfen.

Ein menschenleerer Sandstrand und der Pazifik, soweit das Auge reicht – mit diesem Ausblick, die Zehen im Sand vergrabend, fühle ich mich in eine andere Welt versetzt. Hinter mir im Kokoshain erstreckt sich das Bungalow-Camp mit seinen halb fertigen Palmblattdächern: Das Campamento Tortuguero zum Schutz der Meeresschildkröten an Mexikos Westküste.

Der Tag beginnt im Camp schon morgens um 6 Uhr, doch am Äquator, wo die Sonne schon früh am Himmel steht und sich die Palmkronen in der sanften Meeresbrise wiegen, fällt das Aufstehen leicht. Der Tagesablauf ist schnell verinnerlicht. Am Morgen kontrolliere ich die im Koral angelegten Schildkrötengelege und sammle über Nacht geschlüpfte Jungtiere ein. Tagsüber werden bereits verlassene Nester gesäubert – eine unangenehme Arbeit, da verwesende Eierreste und nicht selten tote Schildkrötenbabys ausgegraben werden müssen. Abends finden die Freilassungen statt. Diese sind auch nach zwei Wochen Campleben noch mein tägliches Highlight.

Während die Sonne leuchtend orange im graublauen Horizont des Pazifiks versinkt, schieben sich die knapp sieben Zentimeter kleinen Schildkrötenbabys der Olive Ridley Turtle über den Sand dem Meer entgegen. Einmal im Wasser fällt ihnen die Fortbewegung leichter. Dort lauern aber auch zahlreiche Gefahren auf sie, für Fische und Pelikane sind sie leichte Beute. Nur etwa ein Prozent überlebt und erreicht das
Erwachsenenalter.

In der Nacht findet dann der wohl anstrengendste Teil der Arbeit als Volontär statt. Im Schichtbetrieb suchen die Campmitarbeiter den Strand Kilometer um Kilometer nach frischen Schildkrötengelegen ab. Werden sie fündig, graben sie die bis zu 150 Eier umfassenden Nester aus und im umzäunten Koral wieder ein. Im Gehege sind die Nester vor Fressfeinden wie Waschbären geschützt, und nach etwa zwei Monaten wird eine grössere Anzahl Jungtiere schlüpfen können. Das Geschlecht der Schildkröten hängt übrigens von der Temperatur des Sandes und somit vom Wetter ab. Bei hohen Temperaturen schlüpfen ausschliesslich Weibchen, ist der Sand kühler, entwickeln sich die Tiere zu Männchen.

An Mexikos Pazifikküste kommen sieben der weltweit acht Meeresschildkrötenarten zur Eiablage an Land. Der neun Kilometer lange Strandabschnitt meines Camps steht unter Schutz und bietet den Schildkrötenweibchen einen sicheren Platz zur Eiablage. In der Hochsaison von Juli bis Oktober finden die Campmitarbeiter pro Nacht bis zu 40 Nester. In den Zwischenmonaten flaut der Stress für die Volontäre und Biologen ab.

Da ich Anfang Dezember im Camp angekommen bin, verläuft der Alltag für mich relativ ruhig. Ich bekomme zwar unzählige Schildkrötenbabys zu sehen, aber kaum ein ausgewachsenes Tier. Um adulte Schildkröten bei ihrem Gang ans Land beobachten zu können, besuche ich schliesslich ein Camp weiter südlich in Nuevo Vallarta. Es liegt an einem von Hotels gesäumten Strandabschnitt – nicht unbedingt ein Ort, an dem man eierlegende Schildkröten vermutet. Aufgrund der geschützten Bucht kommen hier zwischen Plastikliegestühlen aber ganzjährig zahlreiche Schildkrötenweibchen an Land. Sind wir Campmitarbeiter rechtzeitig vor Ort, legen einem die Muttertiere ihre golfballgrossen Eier direkt in die Hände.

Ich persönlich habe im Schildkrötencamp an einem der wenigen noch unberührten Strände verbringen sowie einen Einblick in die Arbeit engagierter und auch weniger professioneller Biologen erhalten können. Mexikos Flora, Fauna und die Menschen haben bei mir Eindruck hinterlassen. Ich war vom vielseitigen Land so fasziniert, dass ich nach meinem zweimonatigen Freiwilligeneinsatz kurzerhand den Rückflug verschoben habe. Aus dem geplanten achtwöchigen Aufenthalt ist eine neunmonatige Reise geworden, und bald werde ich nach Mexiko zurückkehren. Rückblickend denke ich: Einen besseren Reisestart als meinen Besuch im Schildkrötencamp hätte ich mir nicht wünschen können.