Wohlen
Freiämter bringen die Geschichte des Landesstreiks nach Olten

Im Chappelehof-Saal wurden interessierte Laienschauspieler für das nationale Theaterprojekt mobilisiert.

Timea Hunkeler
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Paul Steinmann (Konzept, Autorenarbeit), Anna Galizia (Produktionsleitung, Regieassistenz) und Adrian Meyer (Konzept, Gesamtleitung und Regie, von links) sind für den szenischen Beitrag des Kantons Aargau verantwortlich.

Paul Steinmann (Konzept, Autorenarbeit), Anna Galizia (Produktionsleitung, Regieassistenz) und Adrian Meyer (Konzept, Gesamtleitung und Regie, von links) sind für den szenischen Beitrag des Kantons Aargau verantwortlich.

Timea Hunkeler

Dienstagabend: Der Chappelehof-Saal wirkte wie ein grosses Klassenzimmer. In vier Reihen sassen gut 40 Leute, die gebannt dem Geschichtsprofessor lauschten. Das Besondere: Das Thema seiner Rede, ein einschneidendes Ereignis in der Schweizer Geschichte, kannten viele der Anwesenden nicht. Sie schüttelten ungläubig die Köpfe, als Andreas Thürer, der extra aus der Ostschweiz angereist war, ihnen vom Landesstreik im Jahr 1918 erzählte. «Es ist ein Kapitel, das lange verdrängt wurde und auch in der Schule nicht behandelt wird», erklärt Thürer, der eine 1500-seitige Arbeit zum Thema geschrieben hat. Damals, 1918, zogen rund 250 000 Arbeiter in den Streik, weil sie mit der aktuellen Situation im Land nicht zufrieden waren. Nun nimmt sich das nationale Theaterprojekt dieses Themas an. «100 Jahre Landesstreik» heisst die Produktion, die 2018 in Olten aufgeführt wird.

Neben dem Gastgeberkanton Solothurn sind 22 andere Kantone am Theaterprojekt beteiligt. Darunter auch der Aargau. Im Chappelehof-Saal wurden mögliche Interessenten, die sich als Laienschauspieler oder als Helfer beteiligen möchten, am Dienstagabend über den szenischen Beitrag aus dem Kanton informiert. «Aus organisatorischen Gründen ist es am einfachsten, Mitwirkende in der theaterfreudigen Region Freiamt zu mobilisieren, da uns viele der Laienspieler aus früheren Projekten bekannt sind», erklärt der gebürtige Wohler Adrian Meyer. Er ist für das Konzept sowie die Gesamtleitung des Projekts zuständig und führt Regie.

Aargauer spielen Bürgerwehr

«Gewehret euch!», heisst das Thema, zu dem der Kanton Aargau eine sechs- bis achtminütige Szene einstudieren wird. «Wir waren bei der Themenwahl sehr frei. Da die Bürgerwehren hier sehr gut organisiert waren, galt der Aargau bald als Musterkanton. Deshalb entschieden wir uns dafür, dass wir dem Publikum mit diesem Thema die Perspektive des Bürgertums zu den Ereignissen im Jahr 1918 eröffnen möchten», sagte Meyer. Der Autor Paul Steinmann, der ebenfalls für das Konzept verantwortlich ist, fügte hinzu: «Geplant sind drei Teile, die jeweils zwei Minuten dauern.» Wahrscheinlich werden die Szenen auch musikalisch und choreografisch umrahmt. «Es ist egal, ob ein Auftritt 20 oder 2 Minuten dauert. Er muss immer gut sein», betont Steinmann. «Es ist wie bei der Fasnacht: Man bereitet sich lange für einen kurzen Auftritt vor.»

Im Saal erklärte Geschichtsprofessor Andreas Thürer (vorne rechts), der extra aus der Ostschweiz angereist war, den geschichtlichen Kontext zum Landesstreik im Jahr 1918, von dem das nationale Theaterprojekt handeln wird.

Im Saal erklärte Geschichtsprofessor Andreas Thürer (vorne rechts), der extra aus der Ostschweiz angereist war, den geschichtlichen Kontext zum Landesstreik im Jahr 1918, von dem das nationale Theaterprojekt handeln wird.

Timea Hunkeler

Dieser Auftritt beginne bereits im Zug auf dem Weg nach Olten. «Die Schauspieler sollen das Thema Landesstreik schon bei der Anreise unter die Passagiere bringen», sagt der Autor. «Unser Ziel ist es ausserdem, mit möglichst vielen motivierten Leuten nach Olten zu reisen und einen tollen Auftritt hinlegen zu können. Wir nehmen gerne Anmeldungen von Laienspielern aus dem ganzen Kanton entgegen.» Von Mai bis Juli 2018 werde sechs- bis zehnmal im Freiamt geprobt. Wo genau, sei allerdings noch nicht klar.

In 107 Orten wurde gestreikt

«Meinen Vater erlebte ich noch wütend, weil mein Grossvater damals für die Bürgerwehr einrücken musste», erklärt Liliana Heimberg, Regisseurin des Gesamtprojekts, den persönlichen Bezug zum Thema. Sie zeigt auf eine grosse Karte, auf der die Schweiz abgebildet ist. «In 107 Orten in der ganzen Schweiz waren die Menschen damals unzufrieden und bereit, ihre Arbeit niederzulegen», erklärt die Regisseurin die Illustration. «Es ist etwas ganz Spezielles, dass nun vom 16. August bis zum 22. September (25. September, falls die Aufführung verlängert wird) etwa 120 nichtprofessionelle Schauspieler ein solch wichtiges Kapitel der Schweizer Geschichte inszenieren.» Da die Kantone an verschiednen Tagen auftreten, sei jeder der insgesamt 24 Aufführungsabende im Spätsommer anders.

«Nach langer Suche wurde uns schliesslich von den SBB die alte Hauptwerkstätte in Olten als Spielort zur Verfügung gestellt. In dieser Halle wird es uns an nichts fehlen», freut sich Heimberg. «Dass Leute aus dem ganzen Land anreisen und ein Stück Geschichte nach Olten bringen, ist einfach einmalig. Ich bin sehr gespannt auf dieses Projekt.»

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