Er ist erst gut einen Monat bei Médecins Sans Frontières/Ärzte ohne Grenzen (MSF) und hat doch schon an vier Orten in drei Ländern inklusive Genf gearbeitet. Nun ist Manuel Brunner, der in Villmergen aufgewachsen ist, im Flüchtlingslager Nyarugusu an der Westgrenze Tansanias angekommen. Hier führt der gelernte Banker und studierte Betriebsökonom die Administration für einen MSF-Notfalleinsatz. «Unter Tausenden von Flüchtlingen, die derzeit aus Burundi nach Tansania strömen, ist Cholera ausgebrochen. Deshalb führen wir hier ein sogenanntes CTC, ein Cholera-Behandlungszentrum», erklärt er.

Kamerun ist zu unsicher

Doch warum ist er nicht mehr in Kamerun, wo er seinen ersten Einsatz für MSF Mitte Mai begonnen hat? Einerseits wurde für den Notfalleinsatz in Tansania gerade ein Administrator gebraucht. «Andererseits ist der Norden Kameruns um Kousséri, wo MSF ein Krankenhaus unterstützt, noch immer instabil», erklärt Brunner. Vor allem die islamistische Terror-Organisation Boko Haram aus Nigeria ist in dieser Gegend aktiv. «Als sich die Sicherheitslage änderte, wurden alle Mitarbeiter, die nicht unabkömmlich waren, vorübergehend aus dem Gebiet abgezogen.» So bestieg auch Brunner am 24. Mai das Flugzeug nach Daressalam, Tansania.

Anderthalb Wochen blieb der 29-Jährige in der inoffiziellen Hauptstadt des Landes, wo er den Transit der anderen MSF-Mitarbeiter, die in die Choleragebiete reisten, organisierte. «Ich war beispielsweise dafür verantwortlich, dass ihre Hotels gebucht wurden und sie Telefone mit nationalen SIM-Karten erhielten. Daneben war ich mit dem Gesundheitsministerium und dem Ministerium für nationale Angelegenheiten in Kontakt, um die Registrierung unserer Mitarbeiter, aber auch die Registrierung von MSF in Tansania zu starten.» Weil dies der erste MSF-Einsatz in Tansania seit zehn Jahren ist, «musste ich mich über alle Prozesse neu informieren». Um Infos über die Lage in Nyarugusu zu erhalten und Kontakte mit anderen Nicht-Regierungsorganisationen zu knüpfen, nahm Brunner an Meetings des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR teil.

Über 100 000 Flüchtlinge

Mit wenig Gepäck, einem grossen Rucksack plus einer Tasche voller MSF-Material als Handgepäck reiste der Freiämter am 3. Juni dann endlich an seinen eigentlichen Einsatzort, ins Flüchtlingslager Nyarugusu. Dieses besteht bereits seit 1999 und war bisher hauptsächlich von Flüchtlingen aus dem Kongo bewohnt. «Weil nun aber so viele Flüchtlinge aus Burundi über die Grenze kommen, hat sich die Bewohnerzahl in den letzten Wochen auf über 100 000 Menschen verdoppelt», hält er fest. Pro Tag strömen weiterhin einige hundert Flüchtlinge ins Lager. «Die früheren Bewohner leben in Häusern, es sieht in gewissen Teilen wie ein normales Dorf aus. Aber die Neuankömmlinge werden in einer Zeltstadt untergebracht.»

Der massive Anstieg der Bevölkerung lässt die Infrastruktur an ihre Grenzen stossen. «Dies führt zu einem erhöhten Cholera-Risiko, denn die Leute trinken verseuchtes Wasser und benutzen nicht die Latrinen. Dabei beugen schon Händewaschen und das Trinken von sauberem Wasser gegen Cholera vor.»

Grosse Impfkampagne

Durch die rasche Intervention von MSF konnte der Cholera-Ausbruch rasch eingedämmt werden. Ausserdem wurden die meisten Cholera-Patienten schon auf dem Weg ins Lager behandelt. Für Brunner und sein Team bedeutete dies Grossarbeit. «Zum Aufbau des Zentrums gehörte auch die Rekrutierung von Angestellten, aktuell alles Flüchtlinge, und die spezifische Ausbildung des Teams bezüglich Cholera.»

Am Wochenende hat MSF in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsministerium eine Impfkampagne gestartet. «In nur vier Tagen wurden 100 000 Flüchtlinge geimpft.» Dies war auch wichtig, weil aufgrund der Wahlen in Burundi bald noch mehr Flüchtlinge erwartet werden (siehe Kasten). «Die Impfung soll helfen, einen erneuten Cholera-Ausbruch im Voraus zu verhindern.»

Doch wie Brunner berichtet, bleibt die Lage im Camp angespannt: «Durch die Verdoppelung der Lagerbewohner innert weniger Wochen mangelt es an Wasser, Latrinen, Essen und Fachpersonen im Gesundheitswesen. Eine weitere Flüchtlingswelle würde die Situation noch zusätzlich verschlimmern.»

«Chapati Sans Frontières»

Und wie geht es dem Freiämter selbst? «Mir geht es gut. Obwohl wir beinahe durchgehend arbeiten, denn hier gibt es kein ‹Wochenende› und nach drei Wochen hatte ich meinen ersten freien Tag, ist die Stimmung im Team gut.» Die Tage seien lang, da man sich schon zum Frühstück abspreche. «Am Abend geht es dann auch ausserhalb des Camps mit Meetings weiter.»

Manuel Brunner wohnt in einem Gästehaus etwa 20 Minuten vom Lager entfernt. «Hier hat jeder sein eigenes Zimmer. Ein wenig Privatsphäre ist an so einem Ort sehr wichtig.» Warmes Wasser gibt es immer, dafür stehe stets ein grosses Wasserfass über dem Feuer – ein grosser Luxus. «Zum Duschen nimmt man einen Eimer und giesst sich das warme Wasser über den Kopf.»

Das Essen war zu Beginn eher spartanisch. «In den ersten Tagen hatten wir nur Biscuits. Dann gab es Chapati, jedoch pur, ohne etwas dazu. Dann kamen Chapati mit Saucen. Jetzt hat sich der Speiseplan aber stark verbessert, es gibt Gemüse, Fleisch, Reis, Kartoffeln und oft gebratene Bananen.» Lachend fügt er hinzu: «Anfangs haben wir gewitzelt, dass es jeden Tag Chapati gibt, wir nannten sie ‹Chapati Sans Frontières›. Aber heute vermissen wir es, wenn es an einem Tag keine Chapati gibt.»

Viele Sprachen, ein Ziel

«Ich finde es faszinierend, welch toller Teamgeist entstehen kann, wenn ein bunt gemischtes Team fürs gleiche Ziel arbeitet», so Brunner. «Wir haben Mitarbeiter aus der Schweiz, Frankreich, Australien, Kanada, Mexiko, Uganda, Swasiland und dem Kongo. Es herrscht ein Sprachenwirrwarr, aber wir unterhalten uns meist auf Englisch oder Französisch und verstehen uns gut.»

Ein Erlebnis ist Brunner besonders in Erinnerung geblieben: «Wegen einer im Camp geltenden Lohnregelung, die uns in den ersten Wochen nicht bekannt war, musste ich rund 80 Angestellte über eine Lohnsenkung informieren. Auf Französisch. Das war eine grosse Herausforderung für mich.» Mit einem zufriedenen Grinsen fügt er an: «Obwohl mein Französisch seit der Schulzeit nur ein bisschen besser geworden ist, lief alles gut.»