Beinwil
Fräulein Lehrerin lobte die Türken als ehrlich und brav

Marie Frey war bis zur Heirat mit Geometer Heinrich Bosshardt eine beliebte Lehrerin. Sie hat vor 100 Jahren in einem schön geschriebenen Büchlein die Erlebnisse ihrer Reise in die Türkei festgehalten.

Eddy Schambron
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Lehrerin Marie Frey aus Beinwil hat vor 100 Jahren in einem schön geschriebenen Büchlein die Erlebnisse ihrer Reise in die Türkei festgehalten.

Lehrerin Marie Frey aus Beinwil hat vor 100 Jahren in einem schön geschriebenen Büchlein die Erlebnisse ihrer Reise in die Türkei festgehalten.

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Ein Reisebericht ist ein Reisebericht. Aber nicht, wenn er vor 100 Jahren geschrieben wurde und wenn das «Fräulein Lehrerin» Marie Bosshardt, geborene Frey aus Beinwil ihn verfasst hat. Sie hat das akkurat geschriebene Büchlein, das ihre Reise mit ihrem Mann Heinrich Bosshardt, Vermessungstechniker aus Winterthur, in die Türkei schildert, auch ihm gewidmet.

Sie beschreibt in ihrem Büchlein nicht nur die weite Reise 1914 mit der Bahn, ihre Erlebnisse unterwegs, sondern stellt etwa fest, dass man «im Abendland vielfach über die Bewohner der Türkei falsch unterrichtet» ist und Vorurteile hat, «die ganz schwinden, wenn man den Mohammedaner näher kennen lernt.» Der «gebildete» Türke sei ein liebenswürdiger Gesellschafter, gut unterrichtet über die Verhältnisse im Abendland, habe ein besonderes Talent fremde Sprachen rasch zu lernen. «Er ist wie sein Bruder des niederen Standes ehrlich und brav, wohltätig und wohlmeinend seinen Untergebenen gegenüber.» Bei einem Kauf mit dem Türken müsse man nicht befürchten, dass man betrogen oder überfordert würde. «Freilich ist er faul und arbeitsscheu, ein Arbeiten vom frühen Morgen bis späten Abend kennt er nicht. Er ist aber genügsam und fühlt sich glücklich, wenn er reichlich Wasser, einige Oliven, Brot und vielleicht ein Ei zu geniessen hat.»

Die Frau als Rätsel

Für den Europäer sei die türkische Frau das grösste Rätsel und darum auch am meisten der Neugierde des Fremden ausgesetzt. «Wir sehen ja nichts als einen schwarzen, etwa auch violetten oder grünen weiten Mantel, der nur die kleinen Füsschen in allermodernsten Lackschuhen neckisch erscheinen lässt. Der Kopf ist eng umhüllt, die Haare jedem fremden Blick entzogen und über das Gesicht fällt ein düsterer Schleier, welcher die Linien des Gesichts nur unbestimmt und nur bei günstiger Beleuchtung erkennen lässt. Die Türkin werde streng von den Männern ferngehalten. Auf der Bahn, im Tram, im Schiff, überall habe man eigene Abteilungen für sie. «Da schlagen sie dann ihre Schleier über den Kopf zurück und schwatzen gerade so eifrig wie wir Frauen der Abendländer. Bleich sind ihre Gesichter nicht, aber oft sehr schön die Gesichtsformen.»

Eine der ersten Lehrerinnen

Das Original des Reisebuches befindet sich im Besitz von Albert Kreyenbühl. Die Abschrift aus der alten deutschen Schrift besorgte Brigitt Müller-Kurmann aus Mühlau.

Marie Frey wurde am 22. Juli 1873 als Tochter des aus Ehrendingen stammenden Lehrers Frey in Hermetschwil geboren. Im Juni 1893 wurde sie nach längerer Diskussion der Schulpflege und mit deren Erkenntnis, dass sich eine weibliche Lehrperson besser für die unteren Klassen eigne, als eine der ersten Lehrerinnen im Bezirk Muri als Unterschullehrerin gewählt. Sie war die Nachfolgerin von Josef Bütler und wohnte auch in der Familie ihres Vorgängers. Bis April 1913 unterrichtete sie die jüngsten Beinwiler, dann verheiratete sie sich mit Heinrich Bosshardt aus Winterthur. Die beider hatten sich kennen gelernt, als der Geometer in Beinwil die Vermessung durchführte.

Mustergültige Lehrerin

Der aus Winterschwil stammende Nationalrat Dr. Nietlispach, Schüler von Marie Frey, beschrieb in seinem Kondolenzschreiben seine ehemalige Lehrerin so: «Sie war eine mustergültige Lehrerin von aussergewöhnlicher Intelligenz, mit einer sehr guten Mitteilungsgabe und wusste, obwohl klein von Gestalt, auch der wildesten Klasse Meister zu werden.» Auch im Nachruf wird festgehalten, dass sie «Pünktlichkeit und Disziplin stramm gehandhabt» habe. «Obwohl klein von Gestalt, imponierte sie durch ihre Energie und Geistesgrösse.» Die Ehe blieb kinderlos, und irgendwann trennten sich die Partner. Die sehr fromme Frau Bosshardt wohnte danach etliche Jahre im Melligerhaus im Beinwiler Oberdorf. Als ihre körperlichen und geistigen Kräfte abnahmen, übersiedelte sie in die Pflegeanstalt Gnadenthal. Am 14. September 1950 verstarb sie still und einsam im Gnadenthal.

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