Wohlen
Frauenhandball-Hochburg fällt: Wohler Mannschaft ohne Wohlerinnen

Bereits nach einem Jahr wird der Versuch wieder abgebrochen: Handball SPL-2-Spielgemeinschaft GC Ami/Wohlen wird per Ende Saison aufgelöst – die Wohler Handballerinnen beginnen wieder ganz unten.

Andrea Weibel
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Die 3.-Liga-Frauen von Handball Wohlen, unter ihnen viele Ehemalige aus der SPL 2, feierten vor einer Woche mit Trainer Boubou Keller (Mitte) und einigen kleinen Fans ihren Aufstieg in die 2. Liga. zvg/Jan Gelpke

Die 3.-Liga-Frauen von Handball Wohlen, unter ihnen viele Ehemalige aus der SPL 2, feierten vor einer Woche mit Trainer Boubou Keller (Mitte) und einigen kleinen Fans ihren Aufstieg in die 2. Liga. zvg/Jan Gelpke

Aargauer Zeitung

In der ersten Damenmannschaft von Handball Wohlen, der Spielgemeinschaft GC Ami/Wohlen, spielt tatsächlich keine einzige Spielerin des Freiämter Vereins mit. Ausserdem finden weder Trainings noch Spiele in Wohlen statt. Wie kommt das? Die Geschichte dahinter ist emotional, hat aber ein Happy End.

Jahrelang haben sich die Wohlerinnen ihren Platz in der zweithöchsten Liga der Schweiz, der SPL 2 (siehe Box), hart erkämpft. «Doch es wurde immer schwieriger, genügend Spielerinnen zu finden. Vor jeder Saison hatten wir dieselben Probleme», erklärt Martin Laubacher, Präsident von Handball Wohlen.

Vor einem Jahr wurde es prekär. Rückraumspielerin Dominique Meier erinnert sich: «Wir hatten eine schlechte Saison hinter uns. Obwohl wir ein gutes Team waren, konnten wir nicht locker aufspielen, das belastete uns alle.» Danach fehlten endgültig genügend Frauen, die bereit waren, diesen Druck und die vielen Trainings auf sich zu nehmen.

Dann kam die Idee: Der Verein GC Amicitia Zürich, der über Teams in der SPL 1 und in der 2. Liga verfügt, war interessiert an einer Zusammenarbeit. «Unsere Juniorinnen können so in der SPL 2 Erfahrungen sammeln, während die Wohlerinnen unterstützt werden», nennt Trainer Toni Kern, der beide SPL-Teams des Zürcher Klubs gleichzeitig trainiert, die Vorteile. Die Alternative wäre gewesen, den SPL-2-Platz aufzugeben. «Dafür waren wir aber so spät dran, dass wir hätten Busse zahlen müssen», sagt Laubacher. So wurden sich die Verantwortlichen der Vereine einig, die Spielgemeinschaft vertraglich geregelt.

«Im Regen stehen gelassen»

Doch wie ging es den Spielerinnen? Einige Wohlerinnen waren bereits in andere Vereine abgewandert. Acht waren übrig, vier interessiert daran, mit den Zürcherinnen zusammenzuspielen. «Doch da die Trainings ausschliesslich in Zürich und immer sehr früh am Abend angesetzt waren, war es für einige von uns schlicht nicht möglich, die Trainings zu besuchen», erklärt Meier.

Trainer Kern ist sich dessen bewusst: «Einerseits lohnte es sich aber nicht, dass alle Zürcherinnen in Wohlen trainieren sollten, wenn es kaum Wohlerinnen im Team gab. Andererseits darf man in der Wohler Halle kein Harz verwenden, was uns stark eingeschränkt hätte.» Corinne Leuenberger, die letzte Wohlerin, die noch bei GC Amicitia blieb, verletzte sich am Kreuzband, sodass nun auch sie ausfällt.

Die Wohlerinnen blieben auf der Strecke. «Wir fühlten uns im Regen stehen gelassen», fasst Dominique Meier die emotionale Zeit zusammen. Wäre früher reagiert worden, hätte man das Team in der 1. Liga anmelden können, «für mich wäre das die beste Lösung gewesen, doch dafür war es zu spät», sagt sie.

Und dass die Spielgemeinschaft für GC Ami sehr vorteilhaft war, sieht sie ein, denn das Zürcher Team behält den SPL-2-Platz, sofern es nicht Ende Saison absteigen sollte. Wohlen hingegen hält nicht an der Zusammenarbeit fest. «Das macht ja dann keinen Sinn mehr», ist Laubacher bewusst, auch wenn damit die letzte Frauenhandball-Hochburg im Aargau fällt.

Mehr Tennis als Handball

Doch Handball Wohlen ist nicht leer ausgegangen. Die Spielerinnen, die geblieben sind, haben ihr Schicksal selbst in die Hand genommen. Vor allem Flügelspielerin Francisca Meier setzte sich mit dem Präsidenten dafür ein, dass den Spielerinnen ein Ausweg geboten werden konnte: «Sehr kurzfristig gründeten sie eine neue Damenmannschaft, die aber natürlich in der untersten, also der 3. Liga, anfangen musste.

Und sie fanden in Boubou Keller einen engagierten Trainer, der schon früher für Handball Wohlen gearbeitet hat», berichtet Dominique Meier. «Viele von den vorherigen Wohlerinnen fanden die Idee gut und blieben, dazu kamen ehemalige Spielerinnen, sodass wir bald ein gutes Team beisammen hatten.»

Doch dieses formierte sich so kurzfristig, dass sie aufgrund der über die Sommerferien geschlossenen Turnhalle vor der Saison kaum gemeinsam Handball spielen konnten. «Boubou spielt und unterrichtet auch Tennis und nahm uns stattdessen auf den Tennisplatz mit. Wir hatten beinahe mehr gemeinsam Tennis gespielt als Handball», lacht Meier. «Aber für die Teambildung war das ungeheuer positiv.»

Die Saison war speziell: Dass vorherige SPL-2-Spielerinnen nun in der 3. Liga spielen, war sowohl für sie selbst als auch für ihre Gegnerinnen nicht leicht, was Resultate wie 40:3, 20:3 oder 28:8 beweisen. «Aber immerhin konnten wir trainieren, spielen und vor allem unseren U18-Juniorinnen viel Spielzeit einräumen. So kamen wir selber zwar noch weniger zum Spielen, aber für sie haben wir das gern gemacht und hatten eine tolle Saison», erzählt Meier fröhlich. Sehr deutlich schafften sie den Aufstieg in die 2. Liga.

Erneut sind sie nun auf Spielerinnensuche, doch die Geschichte fand ein gutes Ende: «Man kann es sogar als Schritt vorwärts betrachten, denn die Spielerinnen, die geblieben sind, identifizieren sich wieder richtig mit dem Verein», findet der Präsident. Dominique Meier sieht das nicht genau gleich, aber ähnlich: «Der Umweg über die 3. Liga wäre nicht nötig gewesen, aber jetzt haben wir mit dem Aufstieg und einem tollen neu formierten Team wieder einen wichtigen Schritt erreicht.»

Schweizer Frauenhandball: SPL 1 und 2 hiessen früher Nationalliga A und B

Für Nichthandballer sind die Bezeichnungen der Handball-Ligen nicht leicht verständlich. Insbesondere, da sie bei Damen- und Herrenteams unterschiedlich sind. Früher hiessen die obersten beiden Ligen jeweils Nationalliga A und B. Bei den Männern ist dies noch so, bei den Frauen heissen sie nun Spar Premium League (SPL) 1 und 2. Darunter folgen bei den Frauen die 1., 2. und 3. Liga, bei den Männern ist die 4. Liga die schwächste. (aw)