Im Zweiten Weltkrieg brauchte es mutige Frauen und Männer, die dem Gegenwind der Behörden trotzten und sich für die jüdischen Flüchtlinge in der Schweiz engagierten. Der Flüchtlingsmutter Berty Wyler-Hermann aus Bremgarten widmet die Erwachsenenbildnerin Heidi Ehrensperger in den Bremgarter Neujahrsblättern ein bewegendes Porträt.

Berty Wyler-Hermann (1907–1949) wuchs in Zürich auf und kam durch die Heirat mit Maximilian Wyler, dem Enkel des ersten jüdischen Hauptmanns der Schweizer Armee (Julius Wyler), nach Bremgarten. Sie erwarb das Handelsdiplom, verfügte über ausgezeichnete Fremdsprachenkenntnisse, die ihr bei ihrer Arbeit als Fürsorgerin für Emigranten und Flüchtlinge gute Dienste leisteten. Silvain S. Guggenheim, ein entfernter Verwandter, hatte Berty Wyler angefragt, ob sie sich der jüdischen Menschen annehmen wolle. Sie folgte dem Ruf und nahm sich der Entrechteten und Verfolgten an.

Ruhe in schwierigen Zeiten

Einer der dunklen Punkte in der offiziellen Flüchtlingspolitik der Schweiz war, dass die Schweizer Juden selber für ihre geflüchteten Landsleute sorgen mussten. Wenn neue Emigranten im Freiamt ankamen, stellten sie oft die Frage nach der nächsten Synagoge. Diese befand sich in Bremgarten. So organisierte Berty Wyler, dass die Männer aus den streng überwachten Lagern an hohen Feiertagen in die Synagoge kommen konnten. Danach wurden sie von den jüdischen Familien in Bremgarten zum Mittagessen eingeladen. «So war wenigstens an Feiertagen etwas vertraute ‹Normalität› möglich», schreibt Heidi Ehrensperger in ihrem Beitrag. Für ihre Arbeit konnte sich die Autorin auf ein schwarzes Notizbüchlein von Berty Wyler stützen, das die Tochter Ruth Hirt-Wyler aufbewahrt hat.

Im von Berty Wyler geführten Namensregister tauchen auch Stefan und Felix Zweig auf, zwei Neffen des weltberühmten jüdischen Schriftstellers Stefan Zweig. Dieser konnte vor den Nazi-Häschern flüchten, nahm sich aber aus Verzweiflung im letzten Exil in Brasilien das Leben. Berty Wyler engagierte sich auch für den Sänger Joseph Schmidt, der aus gesundheitlichen Gründen in ein anderes Lager versetzt werden wollte, aber bereits so krank war, dass er vor der Verlegung starb. Eines der Flüchtlingslager befand sich im ehemaligen St.-Clara-Kloster in Bremgarten. Die verfolgten Menschen durften sich in voraus festgesetzten Sprechstunden mit ihren Problemen an Berty Wyler wenden.

Viele Verbündete gefunden

Aktenkundig ist, dass der Bremgarter Zahnarzt Louis Gottet die Flüchtlinge gratis behandelte. Wichtige Verbündete fand Berty Wyler unter vielen anderen auch in Moritz Sobol, dem Vorbeter der jüdischen Gemeinde Bremgarten, und seiner Frau Hanni Sobol-Lande. Wohltäter waren auch die Fabrikanten Theodor Heymann, René Meyer, Inhaber der Kleiderfabrik, und die Familie Dreifuss in Wohlen. Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Flüchtlingslager geschlossen worden waren, setzte sich Berty Wyler weiter dafür ein, dass die Emigranten auswandern konnten. Die mutige Frau aus Bremgarten wird in den Herzen der Nachfahren der Entrechteten auf immer einen Platz einnehmen.

Die Frauen im Mittelpunkt Sieben herausragende Frauen aus Bremgarten aus dem 15. bis 20. Jahrhundert stehen in den Bremgarter Neujahrsblättern 2016 im Mittelpunkt. In einer Serie stellt die AZ einige der Persönlichkeiten vor. Die Jahresschrift ist für 30 Franken an folgenden Verkaufsstellen in Bremgarten erhältlich: Buchhandlung Furrer, Sunnemärt, Schalter BDWM, Apotheke Dr. A. Meier, Something Special, Marktgasse 20.