Wohlen

Flüchtlingsfamilie: Lieber zurück in den Irak, als in Italien verhungern

Hawraa Al Rubney, ihr Mann Ali Al-Itbi und die gemeinsamen Kinder Nursa, Asinad und Sajjad.

Hawraa Al Rubney, ihr Mann Ali Al-Itbi und die gemeinsamen Kinder Nursa, Asinad und Sajjad.

Die Flüchtlings-Familie des Irakers Ali Al-Itbi aus Wohlen ginge lieber zurück in den Krieg, als nach Italien abgeschoben zu werden. Am 15. November müssen sie die Schweiz verlassen.

Die 27-jährige Hawraa Al Rubney und ihr drei Jahre älterer Mann Ali Al-Itbi sind verzweifelt. Ihr 8-jähriger Sohn Sajjad redet sehr gut Schweizerdeutsch, er besucht die zweite Klasse in Wohlen. Ihre 4- und 6-jährigen Töchter haben im Kindergarten ebenfalls bereits ein wenig Deutsch gelernt. Vor allem aber fühlen sich die Kleinen hier wohl, sie haben Freunde und sind weit weg vom Krieg, der in ihrer Heimatstadt Bagdad tobt. Doch die internationalen Gesetze sind gegen sie. Aufgrund des Dublin-Abkommens müssen sie zurück in das Land, auf dessen Boden sie erstmals in Europa einen Fuss gesetzt haben: nach Italien.

Dublin ist gegen sie

Die Familie flüchtete vor knapp zwei Jahren aus ihrer Heimat. «Es herrschte Krieg, Terrorismus, wir hatten kein Wasser, keine Elektrizität. Sicherheit gab es dort einfach nicht», berichtet Hawraa. Der Entschluss, ihr Daheim zu verlassen, fiel dem Ehepaar schwer, aber sie wollten ihre Kinder nicht länger dieser Gefahr aussetzen. Mutter und Kinder fuhren allein mit dem Schiff von Ägypten nach Italien, acht Tage eingepfercht mit unzähligen anderen Flüchtlingen. Weil das Geld nicht reichte, musste Vater Ali ihnen über den Landweg via Türkei und Griechenland folgen. In der Schweiz fanden sie sich nach acht Monaten endlich wieder.

Knapp eineinhalb Jahre sind sie nun schon in der Schweiz, etwas über die Hälfte davon haben sie in der Wohler Asylunterkunft Salmen gewohnt. Doch am 15. November müssen sie nach Italien zurück, und zwar die ganze Familie. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) erklärt: «Ein zentrales Ziel der Bestimmungen in der Dublin-Verordnung ist es, Familien gemeinsam zu behandeln.» Im Falle geteilter Zuständigkeiten würden deshalb üblicherweise Gesuche aus humanitären Gründen an jenen Dublin-Staat gestellt, der für die meisten Familienmitglieder (ggf. auch die älteste Person) verantwortlich ist.

Schweizer Familien würden Kinder aufnehmen

Doch nach Italien zurückzugehen, kann sich die Familie nicht vorstellen. «Wir haben Schlimmes erlebt und auch von anderen Familien erfahren, wie es ist, als Flüchtling in Italien zu sein. Es sind viel zu viele Flüchtlinge dort, man stiehlt sich gegenseitig das Essen, und man ist genauso wenig sicher wie im Irak. Das können wir unseren Kindern nicht antun», sagt Hawraa unter Tränen.

Die Schweizerische Flüchtlingshilfe SFH sieht die Situation ähnlich. In einem Bericht vom März 2016 erklärt sie, es fehle in Italien ein festgelegtes Vorgehen für die Aufnahme von Dublin-Rückkehrern. Der Bericht fasst zusammen: In Rom leben zahlreiche Flüchtlinge auf der Strasse, ohne Zugang zum Gesundheitssystem, fänden aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit keinen Job, und junge und alleinstehende Frauen seien der Gefahr sexuellen Missbrauchs besonders ausgesetzt.

Es gäbe eine Möglichkeit, um den Kindern die Zustände in Italien zu ersparen: «Im Kindergarten haben mehrere Eltern angeboten, unsere kleinste Tochter bei sich aufzunehmen, bis wir in einigen Jahren wieder aus Italien zurück wären, und das ginge auch mit den älteren zwei», sagt Hawraa und weint noch mehr. «Aber als Mutter kann ich das einfach nicht. Ich kann meine Kinder nicht zurücklassen, auch wenn ich weiss, dass es ihnen hier gut gehen würde.»

Frist bis am 15.November

Darum hat sich die Familie zu einer schwerwiegenden Entscheidung durchgerungen: «Wir gehen lieber zurück in den Irak, als nach Italien abgeschoben zu werden. Dort herrscht zwar Krieg und es ist schlimm, aber dort können wir zumindest von den Müllhalden Essen besorgen und müssen nicht verhungern.» Die Aussage zeigt die Verzweiflung des Paares. Eine Rückkehr ins Heimatland sei laut SEM immer möglich: «Personen können jederzeit in ihre Heimat zurückkehren, wenn dies ihrem Wunsch entspricht. Die Schweizer Behörden hindern sie nicht daran.»

Das Problem ist das Geld: Am 15. November wird die Familie ausgeschafft, bis dahin müssen sie die Flugtickets nach Bagdad besorgt haben, andernfalls schreitet die Behörde ein, in diesem Fall der Kanton: «Einer ausreisepflichtigen Person/Familie wird immer erst die Möglichkeit gegeben, selbstständig auszureisen. Erst wenn diese freiwillige Ausreise verweigert wird, werden vom Amt für Migration und Integration (MIKA) Zwangsmassnahmen geprüft und die Person/en allenfalls unter Anwendung von Zwangsmitteln zurückgeführt», schreibt Daniel Küttel, Stabsleiter des MIKA, auf Anfrage.

Familie Al-Itbi weiss nicht weiter. Sie ist verzweifelt und sucht Hilfe. Sie versteht nicht, warum andere Flüchtlinge, die zusammen mit ihnen via Italien angereist sind, bereits Aufenthaltsbewilligungen erhalten haben, während sie zurückmüssen. Doch das Gesetz ist eindeutig. Ihre letzte Hoffnung ist es, dass ihnen doch noch jemand auf irgendeine Art helfen kann. Doch diese Hoffnung ist äusserst klein.

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