Maturaarbeit

Flüchtlinge früher und heute: Eine Jüdin, ein Afghane, ein Schicksal

Hannah Dobbertin und Lara Manzelli (hinten von links) mit zwei Hauptdarstellern und einem Helfer vor der Szenerie beim Chapf in Aristau. zvg

Hannah Dobbertin und Lara Manzelli (hinten von links) mit zwei Hauptdarstellern und einem Helfer vor der Szenerie beim Chapf in Aristau. zvg

Zwei Kantischülerinnen zeigen Parallelen der Flüchtlinge von früher und heute in einem Film.

Es ist selten, dass Kantischülerinnen schon in der 1. Kanti wissen, was sie als Maturaarbeit machen wollen. Doch bei Hannah Dobbertin (18) aus Muri und Lara Manzelli (19) aus Wohlen war genau das der Fall. Damals drehten sie zusammen ein Musikvideo und waren sich bald einig, dass sie auch als Abschlussarbeit gemeinsam ein Videoprojekt angehen wollen. Diesen Samstag feiert ihr Kurzfilm «Seiten des Lebens» nun Premiere im Kino Mansarde in Muri. Das Thema stand in der 1. Kanti noch nicht fest, «das kam mir erst während eines Theaterfestivals in Avignon in den Sinn, das war gleich nach der 1. Kanti», erinnert sich Dobbertin. Das Thema sollte die Flucht sein, genauer die Gemeinsamkeiten eines jüdischen und eines afghanischen Flüchtlings, also damals und heute.

Teile verschiedener Biografien

Seit der 1. Kanti haben sich die Ideen immer weiter verdichtet, die beiden Schülerinnen haben viel gelesen und sind während ihrer freiwilligen Einsätze – Dobbertin unterrichtet beispielsweise Deutsch für Flüchtlinge – mit vielen Menschen, die geflohen sind, ins Gespräch gekommen. «All diese Geschichten haben wir als Inspiration verwendet», sagt Manzelli. Ihr ist wichtig zu erwähnen, dass weder die jüdische noch die afghanische Geschichte eins zu eins übernommen wurde. Besonders bei der jüdischen ist das wichtig, denn den Grundstein ihrer Geschichte durften die beiden jungen Frauen der Autobiografie der in Wohlen wohnhaften Hanna Meyer-Moses entlehnen – «wir haben aber auch vieles aus anderen Biografien hinzugefügt, man darf keine Verfilmung des Buches erwarten», so Dobbertin.

Im Film muss die Jüdin Miriam 1943 mit ihrem Bruder in die Schweiz fliehen. Sie werden auf einem Bauernhof aufgenommen. Miriam hat Lieder und andere Erinnerungen aus den Lagern in ein Büchlein geschrieben. Als sie bereits eine alte Frau geworden ist, nimmt sie selber einen Flüchtling auf. Sein Name ist Sajad. Er findet das Büchlein zufällig und beginnt, auch seine Geschichte und Erinnerungen einzutragen. Insbesondere im Gespräch zwischen den beiden kommt hervor, wie ähnlich die eine Flucht der anderen ist, auch wenn man das normalerweise nicht miteinander vergleicht.

«Uns war von Anfang an wichtig, dass unser Film die Menschen zum Nachdenken anregen kann», erklären die beiden Filmemacherinnen. Dobbertin präzisiert: «Viele Menschen denken, die Flüchtlingsgeschichten aus dem Zweiten Weltkrieg seien so lange her, das würde sowieso nie wieder passieren. Wir wollen zeigen, dass das nicht stimmt. Vor unserer Arbeit haben wir uns noch gefragt, ob wir mit dieser Aussage nicht übertreiben, aber während wir uns eingelesen und mit den Menschen, auch Frau Meyer-Moses, gesprochen haben, ist uns immer mehr bewusst geworden, dass das eben doch so ist.»

Premiere schon ausgebucht

Weil ihr 20-Minuten-Filmprojekt so viel Zeit in Anspruch genommen hat, durften die beiden die Vorarbeiten in der 3. Kanti bereits als Projektarbeit anrechnen lassen. Seit dem Frühling waren sie nun mit 15 Schauspielern, darunter ein afghanischer Flüchtling und verschiedene Kinder, mit den Dreharbeiten beschäftigt. Drehen durften sie im Garten des Hauses Chapf in Aristau und auf dem Biohof der Familie Keusch in Boswil.

Die meisten Schauspieler hatten bereits Erfahrung – einige von ihnen gehören dem Kellertheater Bremgarten an. Auch Kostüme durften sie von dort sowie von der Theatergesellschaft Villmergen ausleihen. «Sehr positiv überrascht waren wir von unserem afghanischen Schauspieler, der noch überhaupt keine Erfahrung hatte, aber sehr gut gespielt hat», freut sich Manzelli.

Abgeben müssen sie die Maturaarbeit erst im Januar, «aber wir fanden, wir beginnen besser früh genug, denn es war sehr viel Arbeit». Nach der Premiere in Muri möchten die beiden ihren Film in weiteren Kinos der Region zeigen, die Gespräche laufen. Ausserdem reichen sie ihn bei verschiedenen Festivals ein. In Muri werden sich die zwei auch in einem kurzen Podiumsgespräch den Fragen des Publikums stellen. Die Premiere, die diesen Samstag um 17 Uhr stattfindet, ist bereits bis auf den letzten Platz ausgebucht.

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