Niederwil

Fluch oder Segen? Die Stimmbürger müssen wegen Taracell einen folgenschweren Entscheid fällen

Hier entsteht das riesige Gebäude der Taracell AG. Doch nur wenn die Niederwiler an der Urne Ja sagen.

Hier entsteht das riesige Gebäude der Taracell AG. Doch nur wenn die Niederwiler an der Urne Ja sagen.

Nur bei einem Ja an der Referendumsabstimmung vom 24. November darf die Firma Taracell nach Niederwil ziehen. Die Stimmbürger müssen dafür die Umzonung des Gebiets «Geere» bewilligen.

1,85 Hektaren gross ist das Land, welches in Niederwil schon lange für Gesprächsstoff sorgt – und zwar seit der Gemeinderat das Land im Gebiet «Geere» gekauft hat. Seit 2012 fokussiert sich der Gemeinderat auf die aus ihrer Sicht optimale Lösung: Auf die Firma Taracell AG, derzeit in Künten zu Hause.

Sie soll ihre Produktionslinien nach Niederwil verlegen, wozu in der Geere ihr neuer, mächtiger Hauptsitz entstehen soll. Geplant ist ein Gebäude, das 175 Meter lang, 50 Meter breit und 15 bis 20 Meter hoch ist. Damit das Projekt umgesetzt werden kann, muss aber zuerst das Gebiet umgezont werden.

Dieses gilt derzeit als Arbeitszone 1, sprich hier sind industrielle und gewerbliche Bauten erlaubt, die nicht oder nur mässig stören. Für das geplante Büro- und Produktionsgebäude von Taracell braucht es aber die Arbeitszone 2 ‑ eine Zone, in der auch stark störende Betriebe zugelassen sind.

Im Juni sagte die Gemeindeversammlung knapp Ja zu dieser Umzonung, ein Komitee aus zehn Personen sammelte jedoch 548 Stimmen für ein Referendum, womit die Entscheidung am Sonntag, 24. November, fällt.

«Drastischer Eingriff in die Reusslandschaft»

Damit dieses Nein lautet, dafür engagiert sich das Referendumskomitee kräftig. Mit Leserbriefen in den lokalen Medien, sieben Plakaten an den Dorfeingängen, sowie einem Flyer, der Anfang dieser Woche an die Haushalte im Dorf verteilt wurde.

Darin wird der Bau als «Bauklotz» bezeichnet, der einen «drastischen Eingriff ins Ortsbild und in die schöne Reusslandschaft» darstelle. Zudem fürchten sich die Gegner vor dem Mehrverkehr, der mit Taracell in Niederwil Einzug halten würde.

«Ein solches Mammut-Objekt gehört in die Nähe eines Bahnverlads oder eines Autobahnanschlusses», sagt Toni Rohrer vom Referendumskomitee zur AZ. «Aber sicher nicht in die idyllische Reusslandschaft von Niederwil.» Rohrer betont, dass man nichts gegen die Firma hätte, «unser Widerstand richtet sich gegen das Objekt und den 7x24-Stunden-Betrieb».

Zudem könnte man die Umzonung nicht mehr so einfach rückgängig machen, gibt Rohrer zu bedenken. «Falls Taracell dann doch nicht kommt, könnte ein Unternehmen auf die Geere kommen, das noch mehr stören würde.»

Das Referendumskomitee will lieber, dass sich mehrere kleinere Betriebe in der «Geere» niederlassen, wie dies 2008 vom Souverän auch angedacht und beschlossen worden sei. So wie dies im Gebiet Fendler in Nesselnbach, mit zirka 20 Steuerzahlern, der Fall sei.

Den Befürchtungen der Gegner stehen die Hoffnungen des Gemeinderats gegenüber. Dieser ist davon überzeugt, dass Taracell eine Bereicherung für die Gemeinde wäre, wie er in seiner Broschüre zur Referendumsabstimmung darlegt. Man erhofft sich zusätzliche Steuererträge und sichere Arbeitsplätze.

«Mit den neuen Arbeitsplätzen steigt auch die Attraktivität des Wohnraums Niederwil. Dies wirkt sich wiederum positiv auf den Leerwohnungsbestand und auf die Steuereinnahmen aus», schreibt der Gemeinderat. Taracell beschäftigt in Künten derzeit um die 120 Mitarbeitenden, in Niederwil sollen es letztlich 160 sein.

Nebst der Hervorhebung der Vorteile versucht der Gemeinderat die Bevölkerung zu beruhigen. Der geplante Neubau sei tatsächlich gross, schreibt das Gremium, «die gute Eingliederung in das Landschaftsbild wird vom kantonalen Baudepartement jedoch ausdrücklich attestiert.»

Bezüglich Lärm und Verkehr verweist der Gemeinderat auf Erfahrungen, die in Künten gemacht worden sind. Dort seien keine Klagen bekannt. Gemäss einer Erhebung im Jahr 2017 wurden am Tag 186 Fahrten mit Personenwagen registriert, dazu 37 Fahrten mit Lastwagen und 56 Fahrten mit Lieferwagen.

Auch der Gewerbeverein Reusstal macht Werbung für ein Ja zur Umzonung. In einer Medienmitteilung schreibt der Vorstand des Vereins, er erachte es für eine zukunftsorientierte Gemeinde als wichtig, dass Gewerbe angesiedelt werde.

«Ein neues Unternehmen im Dorf generiert neben den vielen Arbeitsstellen, auch Steuern und sicher auch Aufträge fürs Gewerbe in der Region.» Eine brachliegende Wiese sei keine Alternative zur Ansiedlung eines neuen Unternehmens.

Verwandtes Thema:

Autor

Fabio Vonarburg

Fabio Vonarburg

Meistgesehen

Artboard 1