Bibel
«Fernsehen ist schlimmer als die Bibel»

In der Merenschwander Religionsstunde geht es auch um Inzest und Massenmorde. Dass in den Bibel-Geschichten nicht immer geliebt und Frieden gestiftet wird, ist den Schülern bewusst.

Maja Sommerhalder
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Massenmord, Verrat und Inzest: Die Heilige Schrift lässt nichts aus. Doch kann man das Kindern und Jugendlichen tatsächlich zumuten? Auf keinen Fall findet eine Gruppe von Kirchengegnern, die eine Bibelzensur für Kinder unter 16 Jahren fordern. Grund: Kinder könnten die Bibeltexte nicht einordnen und wüssten nicht, dass man nicht alles wörtlich nehmen dürfe.

«Natürlich verstehen sie das. Kinder sind reif», findet Maria Villiger. Sie ist eine besonnene Frau, die schon seit 30 Jahren als Religionslehrerin arbeitet. Trotzdem: Über die Forderung der Kirchengegner schüttelt sie den Kopf. «Die Kinder wollen die Bibelgeschichten kennenlernen. Heute sind sie sogar noch neugieriger als früher. Auch scheuen sie sich nicht, kritische Fragen zu stellen», sagt sie und verteilt die dicken roten Bücher an ihre Realschüler im katholischen Merenschwand.

Heilige Schrift als Lebenshilfe

Denise (12), Jennifer (13), Franziska (13), Raphael (13) und Severin (13) sitzen um den runden Tisch und lesen sich gegenseitig Passagen aus der Bibel vor. Obwohl die Oberstüfeler an diesem Nachmittag schon viele Schulstunden hinter sich haben, wird konzentriert gearbeitet. Leises Kichern, als die Schüler beim Vorlesen über komplizierte Wörter stolpern. Nicht verwunderlich, denn die Sprache der Bibeltexte ist nicht gerade einfach und modern. Und doch: Die Jugendlichen verstehen genau, um was es in den Geschichten eigentlich geht. Stichworte wie Liebe, Freundschaft oder Frieden fallen beim anschliessenden Analysieren mit der Religionslehrerin. Keineswegs verstaubte Werte findet Franziska: «Liebe und Freundschaft sind auch in meinem Leben wichtig.»

Inzest wird nicht ausgeklammert

Die Heilige Schrift als Lebenshilfe: Für die Kirchengegner ist dies definitiv vorbei. «Kindern sollte man die Bibel nicht zumuten. Sie finden dort keine Lösungen für heutige Probleme», heisst es. Religionslehrerin Maria Villiger ist da anderer Meinung: «Die Bibel ist eine grosse Hilfe. Die Geschichten zeigen, dass Gott in guten und schlechten Zeiten für einen da ist.»

Deshalb klammert sie im Religionsunterricht nichts aus, selbst wenn es in der Bibel um Mord, Verrat oder Inzest geht: «Negative Dinge gehören nun mal zum Leben.» Nur: Ist das den Jugendlichen auch bewusst, wenn sie die Bibel ohne die Erklärungen der Religionslehrerin konsumieren? «Es wird wohl kaum ein Kind die Heilige Schrift allein durchlesen. Selbst Erwachsene verschlingen die Bibel nicht wie einen Roman», so Villiger.

«Fernsehen ist schlimmer»

In der Gemeinde Merenschwand jedenfalls hat noch kein Realschüler ausserhalb des Unterrichtes in die Bibel geschaut. Dass in den Geschichten nicht immer geliebt und Frieden gestiftet wird, ist ihnen aber bewusst: «Manchmal sind es echte Krimis. Zum Beispiel als Jesus an das Kreuz genagelt wird», erzählt Franziska.

Wäre das nicht ein Grund für ein Bibelverbot? «Nein. Im Fernsehen sieht man schlimmere Dinge», findet Raphael und betont: «So genau sind die brutalen Szenen in der Bibel gar nicht beschrieben. Es ist ja nie von heraustretenden Gedärmen die Rede.»