Villmergen
Faszination Tradition: Mit Pauken und Hörnern läuten die 64er die Fasnacht ein

az-Nachwuchsreporter Patrick Züst nimmt am traditionellen Güggen der Jahrgänger teil – und lässt sich sogar als Nicht-Fasnächtler vom Enthusiasmus der Fasnachts-Freunde anstecken.

Patrick Züst
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Man muss nicht zwingend 50 sein, um Güggen zu gehen. Schon die ganz Kleinen sind mit viel Begeisterung und Elan dabei.

Man muss nicht zwingend 50 sein, um Güggen zu gehen. Schon die ganz Kleinen sind mit viel Begeisterung und Elan dabei.

Patrick Züst

Ich bin kein Fasnächtler. Ich bin auch kein Guggenmusik-Fan und erst recht kein Frühaufsteher. Nie hätte ich gedacht, dass ich je freiwillig um 3.30 Uhr morgens aufstehen würde, nur um in tiefster Nacht mit den hartgesottenen Villmerger Fasnachtsbegeisterten und mit viel Krach durchs Dorf zu ziehen.

Das «Güggen» am Schmutzigen Donnerstag ist seit Jahren ein fester Bestandteil der Villmerger Fasnacht und für viele nicht mehr wegzudenken. Obwohl ich schon fast mein ganzes Leben in Villmergen wohne, konnte ich dem lautstarken Brauch noch nie viel abgewinnen, da er mich jährlich ein paar Stunden Schlaf kostete.

Dieses Jahr aber sollte alles anders werden. Denn dieses Jahr packe ich mich warm ein, bewaffne mich mit Kamera und Notizblock und nehme selbst an der wohl berühmtesten Villmerger Tradition teil.

Faszination der Tradition

Bei meinem Eintreffen tummeln sich bereits um die fünfzig Leute beim «Güggibueb». Die Skulptur von Jules Jäggi steht symbolisch für den traditionellen Villmerger Brauch und ist von den Jahrgängern passend zum diesjährigen Fasnachtsmotto «Rindliweid» eingekleidet worden.

«Es ist einfach Tradition», sagt OK-Präsidentin Mirjam Keusch-Fischer zur Faszination, die das Güggen auf die Dorfbevölkerung ausübt. Für sie ist der Brauch Pflicht: «Villmerger, die 50 werden, gehen güggen.

Das ist schon ewig so und wird hoffentlich auch noch lange so bleiben.» Und obwohl es noch Jahrzehnte dauert, bis ich selbst ins Alter eines potenziellen Güggers komme, ist bei mir beim Abmarsch um 4 Uhr von jugendlicher Frische so rein gar nichts zu spüren.

«Dü, dü, düü. Dü, dü düü», hallt es durch das ganze Dorf. Bereits vor einem halben Jahr haben die Jahrgänger mit der Herstellung ihrer Güggi begonnen, damit sie heute den unverkennbaren Rhythmus durch ganz Villmergen tragen können.

Im gemächlichen Tempo drehen wir unsere Runden durchs Dorf. Von überall her schaut man uns zu, denn zu überhören sind wir beim besten Willen nicht. Neben den alteingesessenen Villmergern, die uns freudig zuwinken, erkennt man auch einige Zuzügler, die uns oftmals mit Schrecken oder gar mit Entsetzen im Blick zuschauen.

Ausklang mit Ausblick

Zwei Stunden später stehe ich hoch über dem Dorf auf der Weiermatt, wo das Fasnachtsfeuer brennt. Mein Blick schweift über das noch dunkle Villmergen, wo nun auch die restlichen Einwohner langsam aufwachen – bereits zum zweiten Mal in dieser Nacht. Und trotz fasnächtlicher Euphorie wird es auch für mich langsam Zeit, mich von den Güggern zu verabschieden und meinen eigenen Tag zu beginnen.

Mit ihrer begeisternden und enthusiastischen Art vertrieben die Jahrgänger beim nächtlichen Spaziergang nicht nur meine Müdigkeit, sondern auch meine Skepsis gegenüber der alten Tradition. So ganz hat sich meine Einstellung zur Fasnacht aber doch nicht geändert: Während das Güggen für die 64er-Jahrgänger erst der Auftakt der Villmerger Fasnacht war, war es für mich wahrscheinlich bereits der Abschluss.