In Waltenschwil aufgewachsen
Fast 50 Jahre war sie in Papua-Neuguinea tätig: Was diese Missionarin bewogen hat, ins Kloster zu gehen

Missionarin Schwester Gaudentia (81) spricht über ihre Jugendzeit in Waltenschwil und ihre Beweggründe, ins Kloster zu gehen. Fast 50 Jahre lang war sie in Papua-Neuguinea tätig.

Toni Widmer
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Schwester Gaudentia beim Gespräch mit der AZ im Haus ihres Bruders José Meier in Waltenschwil. Ankunft in der Missionsstation in Det am 13. Oktober 1969. Schwester Gaudentia ist die zweite Frau von links (stehend). Schwester Gaudentia und eine einheimische Klosterfrau um 1990 in Det. Die beiden Kinder sind gleich alt, jenes rechts ist normal ernährt, das andere leidet an Mangel. Hygienelektion mit Plakaten 1971. So versuchte Gaudentia die Frauen zu motivieren, für die Geburt ihrer Kinder ins Geburtshaus der Missionsstation zu kommen. Die Buschklinik in Det um 1971. Schwester Gaudentia wird bereits von zwei angelernten einheimischen Schwestern unterstützt.
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Ankunft in der Missionsstation in Det am 13. Oktober 1969. Schwester Gaudentia ist die zweite Frau von links (stehend).
Schwester Gaudentia und eine einheimische Klosterfrau um 1990 in Det. Die beiden Kinder sind gleich alt, jenes rechts ist normal ernährt, das andere leidet an Mangel.
Hygienelektion mit Plakaten 1971. So versuchte Gaudentia die Frauen zu motivieren, für die Geburt ihrer Kinder ins Geburtshaus der Missionsstation zu kommen.
Die Buschklinik in Det um 1971. Schwester Gaudentia wird bereits von zwei angelernten einheimischen Schwestern unterstützt.

Schwester Gaudentia beim Gespräch mit der AZ im Haus ihres Bruders José Meier in Waltenschwil. Ankunft in der Missionsstation in Det am 13. Oktober 1969. Schwester Gaudentia ist die zweite Frau von links (stehend). Schwester Gaudentia und eine einheimische Klosterfrau um 1990 in Det. Die beiden Kinder sind gleich alt, jenes rechts ist normal ernährt, das andere leidet an Mangel. Hygienelektion mit Plakaten 1971. So versuchte Gaudentia die Frauen zu motivieren, für die Geburt ihrer Kinder ins Geburtshaus der Missionsstation zu kommen. Die Buschklinik in Det um 1971. Schwester Gaudentia wird bereits von zwei angelernten einheimischen Schwestern unterstützt.

Toni Widmer Bilder: zvg

«Mohrenkopf? Wo ist das Problem, wenn man die Waltenschwiler Spezialität so nennt? Entscheidend ist, was man dabei denkt. Ich habe den Ausdruck nie mit Schwarzen in Verbindung gebracht, sondern mit Mutterschweinen, eben Mohren». Die 81-jährige Ordensschwester und Missionarin Gaudentia, die in Waltenschwil als Margrit Meier aufgewachsen und fast 50 Jahre lang in Papua-Neuguinea tätig gewesen ist, erzählt dazu schmunzelnd von früher: «Unser Weg in die Sekundarschule hat dort vorbeigeführt, wo Robert Dubler senior in Wohlen einst mit der Mohrenkopf-Herstellung begonnen hat. Hinter seinem Haus lag stets ein Berg weisser Schaummasse. Das war ein Abfallprodukt aus der Produktion. Wir haben davon gegessen, uns aber auch gegenseitig damit beworfen. Zu Hause musste Mutter mir dann jeweils das klebrige Zeugs wieder aus den Haaren klauben.»

Von der Grossfamilie für das spätere Leben geprägt

Margrit war ein aufgewecktes Mädchen. Viel lieber, als im Haushalt zu helfen, ging sie mit dem Vater aufs Feld und steuerte den Traktor – einen der ersten, den es in Waltenschwil gab – oder schaute ihren Brüdern zu, wie sie die Maschinen reparierten «Das Elternhaus hat mich stark geprägt. Ich bin mit sieben Geschwistern, fünf Brüder und zwei Schwestern, aufgewachsen. Da war es selbstverständlich, dass die Älteren auf die Kleinen geschaut haben», erzählt sie. Dazu sagt José Meier, ihr jüngerer Bruder: «Wir sind weniger von der Mutter erzogen worden als vielmehr von unseren beiden älteren Schwestern Annemarie und Margrit.»

Sie wusste, wie man Autos und Lastwagen flickt

Schwester Gaudentia hat in der Grossfamilie viele Erfahrungen gesammelt, von denen sie später als Missionarin profitieren konnte. Sie wusste nicht nur, wie man Autos und Lastwagen flickt oder ein defektes Kraftwerk wieder zum Laufen bringt, sie hat auch früh gelernt, anzupacken. «Ich habe stets nach dem Motto gelebt: ‹Nicht lange diskutieren, sondern machen›.» Sie habe aber auch gelernt, sagt die 82-Jährige, sich durchzusetzen. Dies habe ihr im fernen Papua oft geholfen. «Ja gelegentlich musste ich deutlich werden und erklären: ‹Eso god’s und ned andersch›», lacht sie.

Schon zu Hause, sagt Schwester Gaudentia, habe sie auch die Erkenntnis gewonnen: Eine Grossfamilie mit vielen Kindern ist eine grosse physische und psychische Herausforderung an die Mutter. «Am Beispiel meiner Mutter habe ich gesehen, dass dafür einfach die Kraft fehlt. Wohl auch deshalb habe ich mich später in der Mission für geregelte Empfängnisverhütung starkgemacht. Obwohl das nicht alle katholischen Geistlichen gerne gesehen haben.»

Das war allerdings nicht der Grund dafür, dass Margrit Meier nicht Mut- ter geworden, sondern 1961 mit 22 Jahren ins Kloster Baldegg eingetreten ist. «Ich habe als Teenager immer wieder darüber nachgedacht, was ich nach der Schule machen sollte. Das plagte mich, ich wusste einfach nicht, was aus mir werden sollte. Dann, im letzten Schuljahr, hatte ich eine Blinddarmentzündung und musste ins Spital. Dort besuchte mich meine Handarbeitslehrerin, und sagte: ‹Du würdest eigentlich eine gute Krankenschwester abgeben›», zitiert Autorin Helene Arnet Gaudentia im soeben erschienenen Buch «Mit Gottvertrauen im Gepäck» (siehe Text unten).

War letztlich also der Blinddarm schuld daran, dass aus Margrit Meier eine Klosterschwester und Missionarin geworden ist? Sr. Gaudentia lacht auf diese Frage beim Gespräch im Haus ihres Bruders in Waltenschwil und sagt: «Ja, das ist durchaus möglich.» Nach ihrer Ausbildung an der Pflegerinnenschule Sursee, wo sie von Baldegger Schwestern unterrichtet wurde, arbeitete sie im dortigen Spital. Doch das befriedigte sie nicht vollends: «Ich war jetzt zwar Krankenschwester, aber ich wollte mehr aus meinem Leben machen.» Im Spital tätige Ordensschwestern erzählten ihr von ihrem Leben in einer Missionsstation in Tansania. In Margrit Meier reifte der Entschluss, ebenfalls Missionarin zu werden.

Dafür musste sie jedoch ins Kloster eintreten. Ein Entscheid, der zu Hause in Waltenschwil mit gemischten Gefühlen aufgenommen wurde: «Wirst Du jetzt eine Betschwester?», habe sie ihr kleiner Bruder José gefragt. Und auf ihr entschiedenes Nein nachgehakt: «Wie geht das, ins Kloster gehen und keine Betschwester werden?» Sie habe geantwortet: «Ich bete schon gern, aber indem ich etwas tue.»

«Entwicklungshilfe kam für mich vor dem Glauben»

Missionieren hat Schwester Gaudentia nie primär mit Bekehren gleichgesetzt: «Mir ging es darum, den Menschen vor Ort zu helfen, die Ernährung, die Gesundheitsvorsorge und die Bildung zu verbessern. Wenn die Leute schliesslich zum katholischen Glauben übergetreten sind, weil wir gute Arbeit geleistet und ihr Vertrauen erworben haben, umso besser», sagt sie und erklärt: «Ja, es ist schon so. Die Entwicklungshilfe kam für mich und meine Mitschwestern vor dem Glauben. Das hat aber auch der verantwortliche Bischof in Papua-Neuguinea so gesehen.» Zudem gelte es, in einem fernen Land auch die einheimischen Gebräuche und Regeln zu respektieren: «Das ist sehr wichtig, wenn man das Vertrauen der Menschen gewinnen will. Mir ist das nicht schwergefallen, weil ich der Meinung bin, dass die europäische Kultur nicht die einzige und allwissende ist.»

Am 28. Februar 2021 wird Schwester Gaudentia Meier 82 Jahre alt. Ist sie zufrieden mit ihrem strengen und entbehrungsreichen Leben? «Ja. Mein Leben war sehr erfüllt und abwechslungsreich und ich habe viele Menschen kennen gelernt und ihnen helfen können.» Man spürt, dass sie diese vielen Menschen vermisst. Wird sie ihre Wirkungsstätten in Papua-Neuguinea noch einmal besuchen? «Ich würde furchtbar gern noch einmal dorthin reisen, wenn es meine Gesundheit erlaubt.»