Prozess in Bremgarten

Familienvater wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht – ist er Opfer einer Verschwörung?

Das Bezirksgericht Bremgarten sah sich in einem Fall von Vergewaltigung mit einer alles anderen als alltäglichen Konstellation konfrontiert.

Vor dem Bezirksgericht Bremgarten

Das Bezirksgericht Bremgarten sah sich in einem Fall von Vergewaltigung mit einer alles anderen als alltäglichen Konstellation konfrontiert.

Vor dem Bezirksgericht Bremgarten stand ein Familienvater, der seine Nichte und zwei weitere Kinder sexuell missbraucht haben soll. Das Gericht befand ihn schuldig, der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe nach wie vor und bezichtigt die Frau der Verschwörung.

Hat der 27-jährige Beschuldigte sexuelle Handlungen mit Mädchen im Alter von 8, 14 und 15 Jahren begangen oder wurden ihm diese Vergehen von seiner Frau und deren Schwester angehängt? Mit dieser Frage musste sich kürzlich das Bezirksgericht Bremgarten befassen. Zur Vorgeschichte: Marco (alle Namen geändert), der Angeklagte, ein Italiener, der in der Region lebt, ist mit Giulia verheiratet. Giulia hat ein gemeinsames Kind mit Marco und zwei Kinder von anderen Männern. Auch Marco hat zwei weitere Kinder, die bei ihren Müttern in Italien leben.

Marco, klein, kurze Haare, Kettchen um den Hals, lebte mit seiner Frau in prekären finanziellen Verhältnissen. Das sagte er vor Gericht. Das Ehepaar bezog Sozialhilfe, Marco entwickelte eine Online-Spielsucht, er und Giulia stritten am laufenden Band. Der Frau ging es psychisch zunehmend schlechter. Als ein weiterer Streit eskalierte, nahm sie Tabletten – sie überlebte. Die Ehe war also alles andere als harmonisch.

Angeklagter bestreitet Vorwürfe

Nun zur Anklage: Giulias Schwester hat eine Tochter, Sofia, deren Entwicklung laut der Staatsanwältin verzögert ist. Die damals 8-Jährige war im Sommer 2017 mehrmals zu Besuch bei ihrer Tante Giulia und ihrem Onkel Marco. Zweimal soll Marco Sofia ins Schlafzimmer geführt haben. Er soll sich ausgezogen und Sofia unter anderem aufgefordert haben, ihre Hand auf seinen Penis zu legen. Weiter soll er zwei 14- und 15-jährigen Mädchen, Bekannte seiner Frau, mehrmals an die Brüste und in den Schritt gefasst sowie auf den Mund geküsst haben.

Vor Gericht bestritt Marco alle Vorwürfe. Seine Aussagen mussten übersetzt werden. Er sagte, er sei selbst Vater, er könnte so etwas nie machen. Die Vorwürfe seien ein abgekartetes Spiel seiner Frau und deren Schwester. Sie wollten ihn loswerden. Zwei Personen auf den Zuschauerplätzen nickten zustimmend – Marcos Eltern.

Die drei Kinder sagten detailliert aus

Die Staatsanwältin forderte eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten sowie eine Landesverweisung von zehn Jahren. Sie führte aus, dass die Opfer in den Einvernahmen detailliert über die Übergriffe gesprochen haben. Von Kindern in so jungem Alter, vor allem von Sofia, die kognitiv beeinträchtigt ist, könne man nicht erwarten, dass sie ein diktiertes Lügenkonstrukt vortragen. Auch die Bestürzung Giulias, die sie in einem Chat mit ihrer Schwester ausdrückte, habe man unmöglich fingieren können. Die Konversation sei emotionsgeladen. «Und welches Motiv soll die Ehefrau haben? Sie würde das Risiko eingehen, alleinerziehend von drei Kindern zu sein und bestraft zu werden», sagte sie.

Auch das Motiv ihrer Schwester sei unklar. «Warum würde sie ihre beeinträchtigte Tochter Sofia drängen, falsch auszusagen?» Für die Staatsanwältin steht fest: Marco ging egoistisch und skrupellos vor, seine Aussagen aus den Einvernahmen weisen Widersprüche auf. Erschwerend kommt hinzu, dass Marco, als die Anzeige bekannt wurde, nach Italien flüchtete. Nur unter grossem Aufwand konnte er zurück in die Schweiz geholt werden, wo er seit März in Haft ist.

Der amtliche Verteidiger Marcos fordert einen Freispruch für seinen Mandanten. Marcos Frau und deren Schwester hätten ihm schon häufiger gedroht, ihn anzuzeigen. Ähnlich wie die Staatsanwältin legte auch der Verteidiger Chatverläufe aus. Daraus schlussfolgerte er jedoch, dass die Schwester Giulias ihrem Kind die Vorfälle eingetrichtert hat.

Zwar, sagt der Anwalt in seinem Plädoyer, habe Marco ein «grusiges» Verhältnis mit den beiden Teenagern gehabt, jedoch keine sexuellen Handlungen vollzogen. Schlussendlich sei Marco geflüchtet, weil er eingeschüchtert war. Das heisse aber nicht, dass er auch schuldig ist. «Im Falle eines Schuldspruchs muss mein Mandant damit leben, ein verurteilter Kinderschänder zu sein – obwohl ihn diese Tat anekelt», sagte er. Unter grosser Verschwendung von Steuergeldern sei ein privater Streit vor die Behörden gezogen worden.

Das Gericht entschied deutlich. Marco wurde der mehrfachen sexuellen Handlungen mit Kindern schuldig gesprochen und zu 24 Monaten bedingter Haft mit einer Probezeit von zwei Jahren, weiter zu einem Landesverweis von sieben Jahren und zu einer Genugtuung von 1000 Franken für Sofia verurteilt. Marco standen nach der Verkündung die Tränen in den Augen. Ausserhalb des Gerichtssaals machten er und seine Eltern ihrer Wut Luft. (az)

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