Sonntagnachmittag, Zeit für Kaffee und Kuchen. Im ganzen Freiamt geniessen Familien jetzt die Ruhe nach dem Mittagessen. Papa legt die Füsse hoch, Mama macht das Kreuzworträtsel in der «Schweiz am Wochenende» und die Kinder töten ihre Fantasie mit Videospielen ab. Nicht so bei Familie Bürger in Anglikon. Wer jetzt bei ihnen an die Haustür kommt, hört von drinnen Musik. Sanfte Klänge, ein gefühlvoller Dreivierteltakt, eine schlichte Melodie, zuerst von einer Flöte, dann von einer Trompete gespielt. Den Boden für die Melodieinstrumente bilden ein Klavier, eine Harfe und ein Cello. Die Töne verweben sich ineinander, verschmelzen zu wehmütigen Harmonien, und die Melodie schwebt von einem Instrument zum nächsten.

Das Familienorchester Bürger in Aktion.

Das Familienorchester Bürger in Aktion.

Dem Besucher blutet das Herz, weil er diese schöne Musik mit seinem Klingeln unterbricht. Aber schon geht die Tür auf und ein hübsches, blondes Mädchen mit blauen Augen bittet einen herein: «Grüezi, ich bi d Jana.» Genau so unkompliziert und herzlich geht es weiter. Am Tisch sitzen Jana und Nora, die 14-jährigen Zwillinge, deren ältere Schwester Olivia (17) und die Eltern Sabina (52) und Alois (48) Bürger. Zusammen sind sie «Familie Bürger», ein eigentliches Familienorchester, das vor viereinhalb Jahren im Rahmen einer privaten Geburtstagsfeier erstmals gemeinsam aufgetreten ist und das sich nun aufmacht zu seiner ersten kleinen Tournee. Start ist am Freitagabend in der Sebastianskapelle Baden. Die weiteren Stationen sind anschliessend Wohlen, Dottikon, Weggis und Sils Maria.

Ohrwürmer und Seelenwärmer

Auf dem Programm stehen das eingangs gehörte «I Giorni» des zeitgenössischen, italienischen Komponisten Ludovico Einaudi, das englische Folkslied «Greensleeves» mit Variationen und Filmmusik von Ennio Morricone zum Italowestern «C’era una volta il west» (Spiel mir das Lied vom Tod), alle im Quintett. Dann gibt es aber auch noch Stücke in anderen Formationen. So spielen die Saiteninstrumente zusammen eine Bearbeitung von «Amélie» des Franzosen Yann Tiersen, bekannt aus dem Film «Die fabelhafte Welt der Amélie». Im Quartett, ohne Harfe, spielen Bürgers drei Sätze von Georg Philipp Telemann (Allegro – Loure – Allegro). Jana und Nora an Harfe und Cello interpretieren zusammen «Der Schwan» aus dem «Karneval der Tiere» von Camille Saint-Saëns und Jana spielt das Harfensolo «Baroque Flamenco» von Deborah Henson.

«Soweit einmal die Stücke, die wir schon programmiert haben», erklärt der «Arrangeur» und Pianist der Truppe, Alois Bürger. «Es wird sicher noch ein Stück dazukommen mit Cello und Klavier und zwei Stücke, bei denen Olivia mehr zum Zug kommt. Eines für Trompete und Klavier, eines für Flügelhorn und Klavier», ergänzt der vielseitig engagierte Musiker, der zwischen seinen Aufträgen als Musiklehrer und Kirchenorganist noch diverse andere Engagements und das eigene Familienorchester unter einen Hut bringt. «Die meisten Stücke muss ich für unsere Besetzung neu arrangieren», sagt Bürger, «denn kein Komponist hat genau für unsere Instrumente Musik geschrieben.» Aber gerade dieses gemeinsame Erarbeiten der Stücke macht der Familie am meisten Spass. «Beim Spielen hören wir dann, ob die Stimmen der einzelnen Instrumente zusammenpassen, ob nicht eines heraussticht oder ein anderes untergeht», sagt Sabina Bürger, die als Flötenlehrerin an der Musikschule Wohlen unterrichtet und auch in diversen, vor allem kammermusikalischen, Formationen auftritt.

Vom Zirkus zum Orchester

Dass ihre Töchter alle ihr eigenes Instrument gefunden haben und mit soviel Engagement bei der Sache sind, freut Sabina und Alois Bürger sehr. Gezwungen haben sie keines ihrer Kinder dazu. Aber die Freude am Auftreten und an der Unterhaltung anderer Menschen ist bei Bürgers wohl genetisch schon angelegt. Sieben Jahre war die ganze Familie beim Jugendzirkus Arabas engagiert. Nachher begann der Aufbau des eigenen Familienorchesters. Diese Woche wird für alle fünf noch sehr intensiv, denn jetzt erhält das Tourneeprogramm seinen Feinschliff. «Beim Proben steht die Lust am gemeinsamen Musizieren im Vordergrund», sagt Trompeterin Olivia, und ihr Vater meint: «Der Probenbetrieb ist bei uns sehr lustig und oft auch chaotisch. Wir loben und kritisieren uns auch gegenseitig.» Bis aus fünf Stimmen Musik für den 7. Himmel wird.

Tourdaten: 20. April, 20 Uhr, Sebastianskapelle Baden; 21. April, 19.30 Uhr, Ref. Kirche Wohlen; 6. Mai, Risi Dottikon; 13. Mai, Ref. Kirche Weggis (je 17 Uhr); 1. Oktober, 21.15 Uhr, Hotel Edelweiss Sils Maria