Weihnachts-Serie
Familienanschluss für sie, Fleischkäse für ihn

Weihnachten ohne den Besuch der Nachbarin war für den Beinwiler Josef Villiger in seiner Kinderzeit nicht vorstellbar. «Immer um 21 Uhr kam sie zu uns rüber, und dann wurde bis Mitternacht geredet.»

Eddy Schambron
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Josef Villiger ist im Beinwiler Ortsteil Wiggwil aufgewachsen und hat lebhafte Erinnerungen an seine Jugendzeit.

Josef Villiger ist im Beinwiler Ortsteil Wiggwil aufgewachsen und hat lebhafte Erinnerungen an seine Jugendzeit.

Eddy Schambron

Offenheit und grosse Wertschätzung kommen Josef Villiger in den Sinn, wenn er an Weihnachten denkt. «Weihnachten lief bei uns zu Hause immer gleich ab, und nie ohne die Nachbarin», erinnert er sich. An Weihnachten schmückten die Villigers, arbeitsame Bauersleute in Wiggwil, Gemeinde Beinwil, die «schöne Stube» mit einem prächtigen Christbaum. «Wir Kinder warteten jeweils im Stall bei den Kühen, bis das Christkind gekommen war.» Weil es unter dem Jahr nur das Nötigste gab, wurden die Geschenke zu Weihnachten mit besonderer Vorfreude erwartet.

Und eben, die Nachbarin: «Immer um 21 Uhr kam sie zu uns rüber, und dann wurde bis Mitternacht geredet. Hätten wir ihr diesen Besuch verunmöglicht, hätte sie bestimmt den ganzen Abend geweint.» Ihr Bruder hingegen blieb lieber bei sich zu Hause und sah fern. «Er gönnte sich zu Weihnachten immer ein Pfünderli Brot und ein Kilo Fleischkäse, das waren seine Weihnachten», erzählt Villiger, jüngstes von sieben Kindern und heute Leiter des Altersheims St. Martin in Muri.

Tiefe Menschlichkeit

Dieses nachbarliche Geschwisterpaar hat sich, wie auch viele andere Erlebnisse im Weiler Wiggwil, unauslöschlich in Villigers Gedächtnis eingebrannt und seine Lebenssichtweise auch geprägt. «Die Nachbargeschwister hatten keine Ausbildung, haushalteten vielleicht eigenwillig, sie kamen nie weg von ihrem Hof, aber ihre Menschlichkeit, ihre immer wertschätzende Offenheit war unglaublich. Wir konnten mit ihnen über alles reden.»

Unkomplizierte und spontane Nachbarschaftshilfe war genauso eine Selbstverständlichkeit wie das Vertrauen ineinander. Man schaute zueinander. «Es kommt mir vor wie ein starker Kontrast zur heutigen Zeit, wo Hektik herrscht, vieles Fassade ist, wo oft das Materielle und Oberflächliche dominiert», sagt Villiger. Er könnte noch viele weitere Geschichten mit dem Geschwisterpaar erzählen, die von ungewöhnlicher Wertschätzung und Anerkennung beherrscht sind.

Essen als Überraschung

Heute feiert die Familie Villiger Weihnachten ebenfalls immer auf die gleiche Art und Weise. Am 24. Dezember kommt die enge Familie beim schön geschmückten Christbaum zusammen. Alle, ausser Villigers Frau Brigitte, kochen, wobei vorher ausgelost wurde, wer für was zuständig ist. Danach finden keine weiteren Absprachen statt, jeder kocht, was er will. Das Essen wird allerdings nicht einfach serviert, sondern mit entsprechenden Erklärungen präsentiert. «Dieses Jahr habe ich den Hauptgang gezogen», sagt Villiger.

Er weiss noch nicht, was er kreieren wird. Und wenn er sich schon entschieden hätte, würde er es nicht sagen. «Diese Weihnachtsessen sind jeweils sehr spannend und unterhaltsam», freut er sich schon jetzt auf den Abend. Am 25. Dezember trifft sich die erweiterte Familie und am 26. Dezember geht es immer mit der eigenen Familie auf einen kleinen Ausflug – spontan und je nach Wetter.

«Wichtig ist uns schliesslich das Wichteln», erklärt Villiger. «Dabei geht es nicht um grosse Geschenke, sondern um den guten Gedanken.» Da drängt dann wieder etwas von dieser Bescheidenheit und Wertschätzung in den Vordergrund, die Josef Villiger schon als kleiner Bub mit dem nachbarlichen, alten Geschwisterpaar erlebt und genossen hat.

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