Busslingen/Niederrohrdorf/Wohlen
Familie Imboden hat das Zirkusleben ausprobiert

Der Traum von vieler Kindern ist für den zweieinhalbjährigen Jorin Alltag: Leben im Zirkus. Die Familie Imboden hat das Zirkusleben ausprobiert und es gefällt ihren gut.

Andrea Weibel
Merken
Drucken
Teilen
Familie Imboden: Jorin, Papa Philipp, Mama Carole und Ladina.

Familie Imboden: Jorin, Papa Philipp, Mama Carole und Ladina.

aw

«Tobi!, Tobi!», ruft Jorin begeistert, während er aus dem Fenster des grossen Holzwagens winkt, den er mit seiner Familie bewohnt. Draussen fährt Tobias Muntwyler, der Enkel der Zirkusgründer, mit dem Teleskoplader Manitou vorüber, Jorins Lieblingsfahrzeug beim Zirkus. Sofort beginnt Jorin zu erzählen, dass er manchmal mit Tobi mitfahren darf. Er ist ganz aus dem Häuschen und holt seinen Spielzeug-Manitou hervor.

Mama Carole Imboden (30) lacht. Sie freut sich, dass es ihrem zweieinhalbjährigen Söhnchen so gut im Zirkus gefällt. Denn ursprünglich war es ihre Idee, mit der Familie zum Zirkus zu gehen. «Es war ein Kindheitstraum von mir, mit einem Zirkus mitzureisen», berichtet sie. «Es hat mich immer fasziniert, wenn man am Morgen einen leeren Platz gesehen hat, auf dem am Abend eine ganze Zirkusstadt stand, und nach ein paar Tagen war alles wieder weg. Es war für mich eine vollkommen andere Welt, in der man den Alltag vergessen kann.»

In diese Welt wollte die gelernte Coiffeuse und Religionspädagogin eintauchen. «Zum Glück hat sich Philipp von der Faszination anstecken lassen.» Ihr Ehemann Philipp (28) ist gelernter Zimmermann und hat sich zum Techniker Holzbau weitergebildet. «Ich hatte nie eine enge Beziehung zum Zirkus», sagt er. «Mir reichte es nicht, einfach mitzureisen. Wenn schon, dann wollte ich mit anpacken.» Als Mitarbeiter im Werkstattteam kommt er in dieser Hinsicht nicht zu kurz. Die Tage sind abwechslungsreich, oft aber auch streng.

Ladina braucht Platz

«Der Zirkusdirektor hat uns nie falsche Hoffnungen gemacht. Er sagte immer klar, dass es möglich ist, mit der Familie mitzureisen, dass es aber auch anstrengend sein wird», erinnert sich Philipp Imboden. «Darum sind wir ziemlich realistisch an die Sache heran gegangen, das hat uns sehr geholfen, denke ich.» Auto und Wohnwagen mussten sie selber mitbringen. «Wir mussten uns fragen, ob es uns das wert ist. Die Antwort war: Ja.» Also bezogen Carole, Philipp und Jorin Imboden im Januar 2013 ihren Wohnwagen beim Circus Monti.

Seither hat sich einiges getan: Das kleinste Familienmitglied, Ladina, kam während der Winterpause zur Welt. Also brauchten Imbodens mehr Platz. «Wir konnten einen grossen Holzwagen für diese Saison mieten. Darin lebt es sich sehr gut», freut sich Carole Imboden. Und auch Jorin gefällt sein Zuhause. «Im Winter wohnten wir in einer Wohngemeinschaft in Bremgarten. Jorin konnte gar nicht fassen, dass er auf einmal so viel Platz haben sollte. Er erzählte allen, dass er jetzt eine Treppe zu seinem Zimmer hinauf gehen müsse. Das war vollkommen neu für ihn.»

Jorin darf mit in die Werkstatt

Carole Imboden ist die meiste Zeit für die beiden Kleinen zuständig. «Wir konnten es jetzt aber so einrichten, dass ich einen Nachmittag fix im Büro oder an der Kasse arbeiten kann. Dann hat Philipp Zeit für die Kinder. Diese Möglichkeit ist ideal für uns.» Abends wechselt sich das Paar beim Dienst an der Bar ab. Manchmal darf Jorin auch mit seinem Papa in die Werkstatt. «Ich finde es schön, dass er weiss, was ich arbeite, und ich nicht einfach morgens gehe und abends wieder da bin», sagt Philipp Imboden.

Jorin kennt sämtliche Namen der Mitarbeiter und Artisten von dieser und auch letzter Saison. Er ist sehr aufgeweckt und erfreut die grosse Zirkusfamilie immer wieder mit seinen Sprüchen. «Letzthin habe ich gehört, wie er vor sich hin sagte, ‹ça va bien, oui, oui›», lacht Carole Imboden. «Etwas schade ist einzig, dass er meist nur um Erwachsene herum ist und selten Kinder in seinem Alter zum Spielen hat.»

Das wird sich vermutlich bald ändern. Denn Imbodens werden wohl keine dritte Saison im Monti verbringen. «Dafür reicht das Geld nicht», sagen sie. Doch auch diesen Schritt können sie sehr realistisch sehen: «Wir haben das Zirkusleben ausprobiert und es gefällt uns gut. Jorin hat sicher viel profitiert hier. Aber uns gefallen auch andere Sachen.» Derzeit überlegen sie, wo sie sich nach dem Zirkus niederlassen wollen. «Ich werde das Leben hier vermissen. Gerade die sozialen Kontakte muss man sich ausserhalb vom Zirkus immer selber suchen. Hier kann man nur die Tür aufmachen und ist unter Leuten. Es ist wirklich eine schöne Erfahrung», schwärmt Carole Imboden.

«Ich würde es nicht jedem empfehlen, denn das Zirkusleben ist sehr streng. Aber ich finde, wenn man einen Traum hat, sollte man den leben. Und zwar ganz egal, wie anstrengend es ist. Wenn man es richtig plant, klappt das.»