Bettwil

Fabrizio, der italienische Wanderschäfer: «Ohne Hund würde ich gleich kündigen»

400 Schafe und Lämmer von Sandro Wyss wandern bis im März mit einem Schafhirten durchs Land. Geführt werden sie von Fabrizio Franchini – dem 51-jährigen Wanderschäfer aus der norditalienischen Stadt Brescia.

Es sieht spektakulär aus, wenn 400 Schafe frei auf einer Wiese weiden und mal hier, mal da ein Büschel Gras abkauen, ganz ohne Zaun um sich herum. Wer der Herde, die derzeit am Hang oberhalb Bettwil grast, etwas länger zuschaut, dem bietet sich ein weiteres Schauspiel: Kaum entfernt sich eines der Schafe zu weit, sprintet einer der drei Hirtenhunde hinterher und treibt es zurück.

Die Hunde tun das unaufgefordert, das ist ihr Job. Dennoch freuen sie sich, wenn ihr Chef, Fabrizio Franchini, sie zur Belohnung streichelt. Vor allem Fiori, die Fabrizio mit hierher gebracht hat, setzt sich gerne neben ihn und gibt mit der Pfote zu verstehen, dass sie jetzt gerne ein Lob hätte.

Wanderschäfer nennt man die Leute, die meist alleine, höchstens von Hunden und Eseln begleitet, mit den Schafen mitziehen und sie von einer Winterweide zur nächsten bringen. «Ohne Hunde könntest du das vergessen», hält Fabrizio fest. Lachend fügt er an: «Ohne Hund würde ich gleich kündigen.»

Fabrizio hat gern Besuch

Mit den Händen in den Hosentaschen blickt Fabrizio über das wogende Meer aus Wollrücken. Er spricht gut Schweizerdeutsch, aber wenn es geht, unterhält er sich lieber in seiner Muttersprache. Fabrizio kommt aus Brescia, Italien. «Schon als ich jung war, durfte ich mit Schäfern mit. Von ihnen habe ich den Umgang mit den Schafen gelernt», berichtet er. Danach war er Lastwagenchauffeur und Bauer. Unterdessen läuft er winters mit den Schafen und hütet im Sommer Kühe auf dem Lukmanierpass.

Die Schafe von Sandro und Stefan Wyss grasen derzeit in Bettwil.

Die Schafe von Sandro und Stefan Wyss grasen derzeit in Bettwil.

Schäfer Fabrizio Franchesi läuft mit den Tieren bis im März 2019 durch das See- und Reusstal.

Der 51-Jährige redet gerne. Oft kommen Bauern, Mütter mit Kindern oder sogar ganze Schulklassen bei ihm vorbei und lassen sich erklären, was ein Wanderschäfer tut. Er hat viel Zeit, mit den Leuten zu reden. «Aber mir wird auch nicht langweilig, wenn ich alleine bin.»

Hier gibt es kein Faulenzen

«Der Tag als Hirte vergeht immer schnell», sagt er. Morgens etwa um 6 Uhr steht er auf, frühstückt kurz und lässt dann die Schafe, die er über Nacht mit einem Netz eingezäunt hat, auf der Wiese grasen. «Je nach Wiese können wir etwas länger bleiben. Sonst packe ich die Zäune auf die zwei Esel und führe die Schafe zusammen mit den Hunden auf die nächste Wiese.» Diese ist höchstens einige Kilometer weit weg, denn lange sollten die Schafe nicht gehen müssen.

Die drei Hunde Fiori, Luna und Nora verstehen fast ohne Erklärung, was sie zu tun haben. «Je nach Tageszeit machen wir auf der neuen Wiese Mittag, dann werden die Schafe eingezäunt, ich gehe zurück zum alten Platz, um Auto und Wohnwagen zu holen, und lasse die Schafe dann nochmals bis etwa um 19 Uhr grasen. Dann gibts Abendessen für mich. Und dann gehe ich schlafen.» Am Wochenende kommt ihn jeweils seine Freundin aus dem Tessin besuchen und bringt ihm frische Kleider.

An einem wunderschön sonnigen Wintertag, wie es sie in dieser Woche mehrfach gab, ist das Schäferdasein ein Traum: «Man ist an der frischen Luft, hat immer etwas zu tun, ist gesund. Andere Leute bezahlen dafür», lacht Fabrizio.

Doch selbst wenn die Schafe grasen, kann Fabrizio nicht einfach faulenzen. «Ich muss die Herde immer im Blick haben. Denn ich muss sofort merken, falls ein Schaf hinkt oder sonst ein Problem hat. Und falls eines fehlt sowieso.» Wenn das Wetter umschlägt, matschig, nass, eisig und unwirtlich wird, dann möchte wohl niemand mehr mit ihm tauschen.

Das Beste für die Tiere

Für die Schafe sei das aber genau das Richtige, erklärt der Besitzer der 400 Tiere, die mit Fabrizio durch den Aargau ziehen. Sandro Wyss aus Bettwil hält zusammen mit seinem Vater Stefan insgesamt 600 Mutterschafe und Lämmer.

«Ich bin mit Schafen aufgewachsen», berichtet er. «Vor fünf Jahren haben wir dann beschlossen, dass wir sie wieder ziehen lassen wollen. Das kann ein finanzieller Gewinn sein, denn die Lämmer fressen sich meist schneller ihr Gewicht an, wenn sie von Weide zu Weide ziehen können. Ausserdem sind sie kaum Ammoniak und Krankheitserregern ausgesetzt wie im Stall, und biologischer kann man sie kaum halten. Unser Hauptantrieb ist wirklich einfach das Wohl der Tiere.»

Ob man es glaube oder nicht, selbst bei Sturm oder Schnee fühlten sich die Wolltiere nirgends wohler als draussen auf immer neuen Weiden, solange sie genügend Gras vorfänden.

«Für uns ist das natürlich auch ein Risiko, denn die Preise für Lammfleisch schwanken. Ausserdem mussten wir drei Jahre warten, bis wir letztes Jahr erstmals ein Gebiet im Aargau erhielten, das nicht mehr von einem anderen Wanderschäfer besetzt war.»

Viele Weiden sind überbaut

Bisher haben Vater und Sohn Wyss ihre Entscheidung nie bereut. «Für mich ist es auch eine schöne Art, die alten Traditionen zu wahren, gerade in der heutigen, schnelllebigen Zeit», fügt Sandro Wyss hinzu. Ganz unkompliziert sei es allerdings nicht. Einerseits müsse man natürlich eine Bewilligung vom Kanton haben, andererseits eine geeignete Route für die Herde finden.

Fabrizio wird mit ihnen das Seetal hinunter bis Schafisheim, dann hinüber nach Baden und das Reusstal wieder hinauf zurück nach Bettwil wandern. «Früher war es einfacher. Heute stellen viele Bauern von Milchwirtschaft auf Ackerbau um, sodass es weniger beweidbare Wiesen gibt. Ausserdem sind viele Wiesen überbaut. Durch ein Quartier hindurch kann man mit einer Schafherde schlicht nicht ziehen, sonst wäre jeder Blumentopf zertreten», erklärt Wyss schulterzuckend.

Dennoch freut er sich sichtlich über die Schafe und Lämmer, die über die Wiese spazieren. 200 weitere Tiere – Mutterschafe mit frisch geborenen Lämmchen – hat er noch daheim im Stall. Sie werden den Winter über dort bleiben. «Die Böcke haben wir aus der Herde entfernt, denn wir wollen möglichst keine Geburten während des Sommers auf der Alp, wegen der Adler und so», erklärt er noch. Dann verabschiedet sich Sandro Wyss, pfeift seine Hündin zurück und geht Fabrizio zur Hand.

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