Bremgarten/Tansania
Europa hat Uhren, Afrika Zeit - Warten und Langsamkeit als Tugend

Kolumne Yvonne Kaufmann arbeitet für die Hilfsorganisation COET in Tansania und berichtet diese Woche über die Tugend des Wartens.

Yvonne Kaufmann
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Warten und Langsamkeit ist in Tansania eine Tugend. zvg

Warten und Langsamkeit ist in Tansania eine Tugend. zvg

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Vor rund 20 Jahren hat sich der amerikanische Sozialpsychologe Robert Levine mit dem kulturell unterschiedlichen Umgang von Zeit beschäftigt. Er hat dies anhand der Schrittgeschwindigkeit der Menschen, dem Arbeitstempo von Postangestellten und der Genauigkeit der öffentlichen Uhren gemessen. Die Schweiz hat damals Platz eins belegt und das einzige von ihm untersuchte Land, Kenia, Platz 22. Wäre er nach Tansania gereist, hätte er seine Resultate definitiv nach unten korrigieren müssen. Denn hierzulande geht alles noch um einiges langsamer als in unserem Nachbarland Kenia.

Warten ist eine Tugend

In Tansania gehören Warten und Langsamkeit zu den am meisten ausgeprägten Tugenden. Weshalb auch die Frage von wazungus (Weissen), wann denn nun endlich der Bus losfahre oder eine Versammlung beginne, meistens nur ein leicht irritiertes Achselzucken oder ein Lächeln auslöst. Denn es wissen doch alle, dass die Reise oder die Veranstaltung dann beginnt, wenn der Bus voll ist bzw. wenn sich alle versammelt haben. Ich habe mittlerweile gelernt, mich in solchen Situationen auf einen freien Platz zu begeben und sofort in jenen Zustand zu versinken, den die Menschen hier perfektioniert haben – nämlich den des reglosen Wartens. Ryszard Kapuscinski, ein polnischer Afrikakenner und Reporter, hat diesen Zustand vor vielen Jahren wie folgt beschrieben: «Sie richten sich so bequem wie möglich ein, an einem möglichst angenehmen Platz. Manchmal legen sie sich hin oder sie hocken sich einfach auf die Erde, auf einen Stein oder auf die Fersen.

Unpünktlich gibt es nicht

Sie hören auf zu sprechen. Eine Menge reglos Wartender ist stumm. Sie gibt keinen Laut von sich, schweigt. Die Muskeln entspannen sich. Der Körper schlaff, rutscht tiefer, neigt sich nach vorn. Der Hals steif, der Kopf bewegt sich nicht mehr. Der Mensch schaut sich nicht um, er sieht nichts, ist nicht neugierig. Manchmal hält er die Augen geschlossen, aber nicht immer. Meist sind die Augen offen, doch der Blick ist der Menschen abwesend, ohne einen Funken Lebens.»

Auch die Sprache macht deutlich, dass die Zeit anders wahrgenommen wird. In Kiswahili beginnt die tägliche Zeitrechnung morgens um sechs Uhr mit der Stunde «null». Eine Stunde später, um sieben, ist es ein Uhr und am Mittag um zwölf sechs Uhr. Wörter wie «unpünktlich» oder «Zeitverschwendung» gibt es in dieser Sprache schon erst gar nicht. Denn wenn man irgendetwas nicht tut, tut man dafür etwas anderes. Eine wirkliche Verschwendung wäre es allenfalls, den Menschen nicht genügend Zeit zu widmen.

Je länger ich hier bin, desto besser verstehe ich den Wert des Wartens, der Geduld und der Langsamkeit und frage mich, ob «Zeit wirklich Geld ist» oder ob wir im Norden nicht etwas ganz grundsätzlich falsch verstanden haben?

Die Bremgarterin Yvonne Kaufmann lebt seit 2012 im Norden von Tansania und bildet im Auftrag von Interteam, Luzern, Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen in einem Strassenkinderprojekt aus.