Waltenschwil/Ecuador
Essen in Ecuador: Meerschweinchen als Delikatesse - Hygiene nicht so wichtig

Dominique Bitschnau (20), ehemalige Praktikantin der az, unterrichtet Englisch in Otavalo. Hier berichtet sie von ihren Erfahrungen - etwa von Magenverstimmungen und vom Fleisch auf dem Markt, das sie nicht kauft.

Dominique Bitschnau
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In Ecuador ist die Hygiene von Lebensmitteln nicht so wichtig – Gastfreundlichkeit dafür umso mehr.

In Ecuador ist die Hygiene von Lebensmitteln nicht so wichtig – Gastfreundlichkeit dafür umso mehr.

Dominique Bitschnau

War es das Essen auf dem Markt, das offen in der Sonne lag? War es der ungewaschene Teller in meiner Gastfamilie? Oder war es doch das Hahnenwasser, welches ich nun ab und zu trinke? Ich weiss es nicht genau. Aber fest steht: Ich habe eine Magenverstimmung – und das nicht zum ersten Mal.

In einem Land, wo Hygiene kleingeschrieben wird, muss man damit rechnen. Das Fleisch zum Beispiel wird in Ecuador offen verkauft. Jedes Mal, wenn ich an einem Stand vorbeilaufe, sehe ich Fliegen darauf hocken. Ich habe mich bis jetzt noch nicht getraut, Fleisch auf dem Markt zu kaufen. Wenn meine Indigena-Gastfamilie nicht gerade selber ein Tier vom Hof schlachtet, kauft die aber bestimmt dort ein. Das Fleisch, welches bei mir in der Suppe liegt, ist manchmal schwer als solches zu identifizieren. Fettig, zäh und viel Knochen. Gegessen wird mit Löffel und Hände, was mir das Fleischessen nicht gerade leichter macht.

Wenn es niemand sieht, lasse ich ab und zu einen Brocken unter den Tisch fallen. Unsere Hunde und Katzen reissen sich darum und in null Komma nichts ist es weg. Seither schleichen die Tiere aber noch mehr im Esszimmer umher als vorher. So oft, dass mein Gast-Grossvater sogar die Peitsche hervorgeholt hat.

Meerschweinchen gilt als delikat

An speziellen Anlässen gibt es Meerschweinchen zum Essen – eine Delikatesse hier. Das Fleisch ist eher hell und schmeckt ein bisschen wie Huhn. An so einem Meerschwein ist aber nicht wirklich viel Fleisch dran.

Was ich für sehr lustig halte: Die Ecuadorianer finden unser Fleisch anscheinend genauso komisch, wie ich ihres. Als ich für meine Gastfamilie einmal Spaghetti Bolognese gekocht habe, sagte mein kleiner Cousin zu meinem fettfreien, teuren Hackfleisch: «Die Konsistenz ist komisch.»

Ausser mir hat an diesem Abend niemand den Teller leer gegessen. Meine Tante packte aber ganz pflichtbewusst, wie man das in Ecuador immer macht, den Rest des Essens in eine Tüte ein. Nebst dem Fleisch gibt es als Beilage Reis, Mais und Kartoffeln. Am besten alles zusammen. Hauptsache so viel Kohlenhydrate wie möglich.

Die Kartoffel zählt bei den Ecuadorianern als Gemüse, habe ich letztens erfahren. Zum Essen serviert wird meistens einen Fruchtsaft. Die Hälfte des Saftes ist aber bestimmt Zucker. Ich habe mindestens ein Monat gebraucht, bis ich herausgefunden habe, dass meine Familie das Getränk aus Wasser und Rohrzucker, das ich jeden Morgen trinke, Kaffee nennt. Anscheinend soll sogar Kaffeepulver drin sein.

Gratis-Essen für Obdachlose

Hygiene von Lebensmitteln ist nicht so wichtig, dafür Gastfreundlichkeit umso mehr. Essen wird immer an alle verteilt. Die Obdachlosen bekommen auf dem Markt sogar gratis Essen. Kleine Essensstände mit Reis, Kuchen, Eis, Schnecken und vielem mehr gibt es an jeder Strassenecke. Die Verkäufer machen überall lauthals auf ihre Angebote aufmerksam. Fürs Einkaufen habe ich immer Kleingeld dabei. Eine Zehndollar-Note kann ein Verkäufer schon überfordern. Mehr als zwanzig Dollar in einem Schein habe ich hier in Ecuador aber sowieso noch nie in der Hand gehabt.

Ich muss zugeben, dass ich grundlegende Lebensmittel aus der Schweiz, wie Sauce zum Essen, Käse oder Schokolade, vermisse. Obwohl Ecuador ein Land ist, das viel Kakao exportiert, produziert es trotzdem keine eigene Schokolade. Die importierte ist extrem teuer und nicht unbedingt lecker. Genauso verhält es sich mit Kaffee. Die Vielfalt der Früchte schätze ich aber sehr und ich weiss schon jetzt, dass ich mich zurück in der Schweiz über die teuren Preise ärgern werde. Ein Mittagessen inklusive Getränk und Fleisch kostet hier ein Franken und 50 Rappen.