Das Gerangel zwischen einem Porschefahrer und dem Lenker eines Personenwagens mit angehängtem Pferdetransporter eskalierte auf der Strasse zwischen Arni und Oberlunkhofen. Der Lenker des Sportwagens fuhr bereits vom zürcherischen Birmensdorf hinter dem Anhängergespann her und setzte mehrfach zu einem Überholmanöver an, das er aber wegen Gegenverkehr oder Strassenbaustellen jeweils abbrechen musste.

Plötzlich nach links ausgeschert

Da, endlich: Auf dem schnurgeraden Strassenstück ausgangs Arni sah Johnny seine Chance, den vor ihm mit rund 70 km/h fahrenden Sepp (beide Namen geändert) zu überholen. Doch dieser scherte, ohne zu blinken, plötzlich nach links aus und beschleunigte sein Gefährt, wiederholte dieses gefährliche Manöver mehrmals und fuhr zeitweise auch mitten auf der Strasse. Johnny musste das Überholmanöver abbrechen. Bei einem weiteren Versuch, nach vorne zu fahren, kam es zu einer Kollision zwischen den Fahrzeugen und wenig später zu einem Halt mit unschönem Wortwechsel zwischen den beiden Kontrahenten. So sahen sich Johnny und Sepp vor dem Bezirksgericht Bremgarten wieder.

Ob er genervt war, weil der Pferdetransporter nicht schneller fuhr, wollte Gerichtspräsidentin Isabelle Wipf von Johnny (47) wissen, der wegen zu schnellen Fahrens bereits einmal aktenkundig geworden ist. «Nein, auf jener Strecke, die ich gut kenne, sind solche Gefährte und landwirtschaftliche Fahrzeuge üblich. Ich hatte es auch nicht eilig, denn ich befand mich an jenem Samstagnachmittag im März nach der Winterpause auf der ersten Fahrt mit dem Porsche, den ich wieder einfahren wollte», gab Johnny zu Protokoll.

«Auf einmal ein Chlapf»

Als er erneut zum Überholen angesetzt habe, sei er wieder ohne ersichtlichen Grund abgedrängt worden. «Auf einmal gab es einen Chlapf und dann einen Ruck, weil ich touchiert wurde. Da fuhr ich bereits mit beiden linken Rädern auf dem Kiesstreifen neben der Strasse und wollte nicht abbremsen, weil mir das zu gefährlich schien und ich mich bedroht fühlte. Ich beschleunigte deshalb auf etwa 85 km/h und kam so knapp am Pferdetransporter vorbei», erinnerte sich Johnny. An seinem Porsche sei ein Schaden von etwa 4500 Franken entstanden, der hintere rechte Kotflügel sei beschädigt und die Felge müsse ersetzt werden.

Die Staatsanwaltschaft Muri-Bremgarten legte Sepp (54) eine ganze Reihe von Tatbeständen zur Last. Die Palette reicht von Nötigung bis zu pflichtwidrigem Verhalten nach einem Verkehrsunfall ohne Personenschaden. Denn der Angeklagte entfernte sich nach der Kollision, ohne sich um den Schaden zu kümmern oder die Polizei zu avisieren. Die beantragte Freiheitsstrafe beträgt 10 Monate unbedingt.

Doch auch der Porschefahrer, gegen den Sepp eine Anzeige eingereicht hatte, kam nicht ungeschoren davon. Die Staatsanwaltschaft erkannte bei ihm ebenfalls zahlreiche Tatbestände: Nötigung, Beschimpfung, überholen links der Sicherheitslinie, unbegründetes brüskes Bremsen im Sinne eines Schikanestopps, unbegründetes Halten an unübersichtlicher Stelle und so weiter. Johnny sei mit einer Busse von 4000 Franken zu bestrafen und mit einer bedingten Geldstrafe von 19 800 Franken zu belegen. Ausserdem soll er die Untersuchungskosten und eine Anklagegebühr von total 1420 Franken bezahlen.

Aussage gegen Aussage

Zum Vorfall auf der Strasse zwischen Arni und Oberlunkhofen gibt es keine Zeugen – somit steht Aussage gegen Aussage. Er habe sich korrekt verhalten, behauptete Sepp vor Gericht: «Ich habe niemanden behindert und von einer Kollision überhaupt nichts bemerkt. Sogar die Polizei, die noch am selben Abend das Auto und den Pferdetransporter genau unter die Lupe nahm, hat nicht die geringste Spur gefunden, die auf einen Unfall hindeuten würde.»

Seine Schwenker auf die Gegenfahrbahn begründete Sepp mit dem Überholen von drei Radfahrern, die sich ebenfalls in Fahrtrichtung Oberlunkhofen auf der Strasse befanden und dann zum Schützenhaus nach rechts abgebogen seien. Dumm nur, dass er die Dashcam in seinem Auto erst später einschaltete. Die Radfahrer, die nach Ansicht von Johnny eine reine Erfindung von Sepp seien, sind auf dem Video nicht zu sehen. Dafür aber der Porsche, wie er von links jenseits der Sicherheitslinie vorprescht, kurz vor Sepps Wagen wieder einbiegt und dann stark abbremst, bis zum Stillstand. Als die beiden weiter vorne noch einmal anhielten, bezeichnete Sepp den Sportwagenfahrer als Wahnsinnigen, derart zu überholen. Johnny rastete aus und nannte Sepp einen «Sauhund», der ihn von der Strasse drängen wollte.

Die Gerichtsverhandlung zog sich in die Länge. Angesichts der vorgerückten Stunde einigten sich die Beteiligten darauf, dass das Urteil schriftlich eröffnet wird. Ausserdem möchte die Gerichtspräsidentin die vorhandenen Videosequenzen noch einmal analysieren und die Mittellosigkeit von Sepp, der momentan auf Stellensuche ist, prüfen.