Nesselnbach

«Es bringt nichts, wenn ihr drauflos rennt»: Wo liegen die Gefahren bei verunfallten Elektro-Autos?

Die Abschlepp-Profis von Lindenmann und Gratwohl: Sie sind Tag und Nacht unterwegs, wenn es darum geht, Unfall- oder Pannenfahrzeuge zu bergen. Fotos: Toni Widmer

Die Abschlepp-Profis von Lindenmann und Gratwohl: Sie sind Tag und Nacht unterwegs, wenn es darum geht, Unfall- oder Pannenfahrzeuge zu bergen. Fotos: Toni Widmer

Abschleppunternehmen aus der Region Freiamt liessen Mitarbeiter in moderner Fahrzeugtechnik schulen. Antworten gab es zu Fragen wie: Wie wahrscheinlich sind Stromschläge bei verunfallten Elektroautos?

«Nähere Dich nie einem verunfallten Elektroauto. Die Gefahr von Stromschlägen ist riesig, es besteht Lebensgefahr» – diese Warnung wird immer und immer wieder verbreitet. «Das ist in dieser Absolutheit völlig falsch», sagt Markus Erni, technischer Trainer und Instruktor im Bereich Hochvolt-Fahrzeuge. «Klar können Stromschläge nie ganz ausgeschlossen werden. Doch sind Elektro- und Hybridautos heute derart gut abgesichert, dass die Wahrscheinlichkeit eines Stromschlages bei einem Unfall etwa so hoch ist, wie zwei Lottosechser in Folge», sagt der Experte.

Dennoch: «Vorsicht muss man immer walten lassen, egal, um welche Art Fahrzeug es sich handelt. Sie würden ja auch nicht neben einem Unfallauto rauchen, aus dessen Tank Benzin ausläuft.»

Bergungsprofis richtig schulen

Wo die Gefahren bei der Bergung von Elektro-Autos liegen und wie man diesen begegnet, lernten die Bergungscrews der beiden bekannten Freiämter Abschleppdienste Lindenmann und Gratwohl an einem gemeinsamen Kurs in Nesselnbach. «Es geht darum, dass unsere Leute richtig geschult sind und wissen, wie sie auf einem Unfallplatz vorgehen müssen, damit keine unnötigen Folgeschäden für Personen und Fahrzeuge entstehen», erklärten dazu die beiden Chefs Bruno Lindenmann und Mario Gratwohl. «In unserem Basiskurs zum Thema Hochvolt-Fahrzeuge geht es darum, bei den Bergungsspezialisten das Bewusstsein für allfällige Gefahren zu fördern, diese auf einem Unfallplatz zu erkennen und die richtigen Massnahmen zu treffen.»

Üben am Objekt: Kursteilnehmer befassen sich mit einem Elektroauto.

Üben am Objekt: Kursteilnehmer befassen sich mit einem Elektroauto.

Dabei sind die Abschlepper nicht allein. Sie können sich im Zweifelsfall rund um die Uhr über die technischen Details eines Unfallwagens informieren. Dazu gibt es vorab eine Kennzeichenabfrage: «Als Erstes muss klar sein, welches Fahrzeug man vor sich hat. Das ist gar nicht so einfach. Es gibt Modellreihen, bei denen man kaum unterscheiden kann, ob sie jetzt mit Benzin-, Diesel-, Gas-, Hybrid- oder vollelektrischem Antrieb unterwegs sind», erklärte Kursleiter Erni von der Firma Moditech Rescue Solutions.

Gewissheit kann sich der Abschlepper über eine Datenbankabfrage verschaffen. Er gibt das Nummernschild ein und sieht auf seinem Laptop umgehend, welches Fahrzeugmodell mit welchem Antrieb er vor sich hat. Über eine weitere Datenbank kann er sich über die modellspezifischen Besonderheiten informieren: Wo sind die Batterien, wo die Benzin-, Diesel- oder Gastanks verbaut? Wo führen Leitungen und Stromkabel durch? Anhand dieser Kenntnisse wiederum kann der Fachmann beurteilen, ob durch die beim Unfall entstandenen Schäden am Fahrzeug eine besondere Gefahrenlage entstanden ist.

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Überlegtes Vorgehen zentral

«Werden beispielsweise Batteriezellen gequetscht, besteht eine hohe Brandgefahr. Das gilt es dann bei der Bergung, dem Transport und der anschliessenden Lagerung des Fahrzeugs zu berücksichtigen», erklärte Erni seinen aufmerksamen Zuhörern in Nesselnbach. Ein Hybrid- oder Elektrofahrzeug könne mehrere Stunden nach einer Bergung noch zu brennen beginnen. Unter Umständen müsse es deshalb noch über längere Zeit mittels Wärmebildkamera überwacht werden. «Die moderne Technik stellt an euch Bergungsprofis neue Anforderungen», erklärte Erni weiter. «Benzin, Diesel seht ihr auslaufen, Gas könnt ihr riechen. Strom seht und riecht ihr nicht. Ihr könnt ihn allenfalls spüren. Doch wenn ihr ihn spürt, ist es zu spät.»

Absolut zentral sei bei einer Bergung deshalb das überlegte Vorgehen: «Es bringt nichts, wenn ihr an die Unfälle kommt und drauflos rennt. Verschafft euch vorerst eine Übersicht, beurteilt die Lage und holt euch entsprechende Hilfe, wenn ihr unsicher seid», riet der Experte den Bergungsteams der beiden Freiämter Unternehmen. Im Zweifelsfall könnten sich Abschlepper heute nicht nur die nötigen Daten über verunfallte Fahrzeuge beschaffen, sondern auch über die Notfallnummer der bergetechnischen Vereinigung jederzeit Rat von erfahrenen Fachleuten holen, erklärte Erni.

Den Teilnehmern am ganztägigen Kurs in Nesselnbach wurden nicht nur theoretische Basic-Kenntnisse über verschiedene Problemkreise vermittelt. Sie hatten auch Gelegenheit, an Unfallautos die praktische Anwendung zu üben. In der Region weiss man jetzt: Unsere Abschleppunternehmen wissen im Ernstfall auch mit modernster Fahrzeugtechnik umzugehen.

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